Reiner Kobes Jazz News

Jazz - Neuheiten Dezember 2009

CD`s

Aki Takase/Louis Sclavis, Yokohama, Intakt 165/Records
Eine ungewöhnliche CD legen Louis Sclavis (cl,bcl,ss) und Aki Takase (p) vor. Frisch und frech werden mühelos 13 eigene Titel präsentiert, die das Duo herausfordern. Es sind meist spontane Improvisationen, die von fest umrissenen Themen ausgehen, dann aber in verschiedene Himmelsrichtungen stürzen. Yokohomas Hafen öffnete die Tür zur Welt, wie Aki Takase, Japanerin mit Wohnsitz Berlin, beweist. Ihre fünf Stücke spielen darauf an. „Raw silk“ ist ein Hinweis auf den Seidenhandel mit Lyon, wo Louis Sclavis geboren wurde. Seine Antwort heisst „Vol“, ein Flug mit Loopings und Trudelphasen. Ansonsten pendelt das famose Duo zwischen Free Jazz, Noise und Neuer Musik, auch Liedhaftes findet sich. Klavier, Sopransax, Klarinette und Bassklarinette tasten sich ab, bewegen sich aufeinander zu und weg, Suchprozesse über verschiedene Themen und Motive folgen. Zwiegespräche, wie sie nicht alle Tage passieren.


Blue Note: Best of Miles Davis, Herbie Hancock, Wayne Shorter, John Coltrane, Sidney Bechet, Blue Note/Emi
Aus Anlass seines 70-jährigen Bestehens lässt Blue Note nach den Schlaglichtern auf Michel Petrucciani, Dexter Gordon und einer Retrospektive des Labels fünf weitere “Best of”-Kompilationen folgen. Diese „Best of“-Boxen mit jeweils drei CD´s enthalten jeweils einen Querschnitt des betreffenden Künstlers in einer bestimmten Schaffensphase sowie teilweise seltene Aufnahmen. Für Kenner freilich sind diese Boxen eher uninteressant, allenfalls Neulinge finden wichtige Zugänge zu den Musikern.
Bei Miles Davis zum Beispiel sind alle Ingredienzien versammelt, die seinen Aufstieg in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausmachten: warmer Ton, weiche Attacke, entspannte Phrasierung, schnörkellose Improvisation sowie eine akkurate Artikulation. In den drei Aufnahmesitzungen für Blue Note 1952, 53 und 54 reifte der Trompeter zum unverkennbaren Stilisten. 1958 spielte er mit Cannonball Adderly, ebenfalls für das Label, das Album „Something else“ ein, das komplett auf der dritten CD vertreten ist und deutlich von Miles´ Handschrift geprägt ist.
Als Herbie Hancock 1961 nach New York, dem Mekka des Jazz, kam, war er 21 Jahre alt und schon ein beachtlicher Post-Bop-Pianist. Einflüsse von Bud Powell, George Shearing, Bill Evans und Tommy Flanagan verschmolz er zu einem eigenen Stil. Sieben LP`s spielte Hancock in d en sechziger Jahren für das renommierte Label Blue Note in den sechziger Jahren als Bandleader ein. Während die beiden ersten CD`s der Box einen Querschnitt bieten durch jene Jahre, darunter die Hits „Watermelon Man“ und „Cantaloupe Island“, beinhaltet die dritte CD seltene Aufnahmen, darunter seine erste eigene aufgenommene Komposition „Requiem“ von Donald Byrds „Royal Flush“-Album.
Insgesamt elf LP´s hat Wayne Shorter in der Zeit von 1964 bis 1970 für Blue Note aufgenommen. Sein erstes Album „Nightdreamer“ stellte gar einen Wendepunkt in des Saxofonisten Karriere dar. Er konnte mit seiner Traumbesetzung debütieren (Lee Morgan,tp/ McCoy Tyner,p/ Reggie Workman,b/ Elvin Jones,dr). Auch die beiden Nachfolge-Alben „JuJu“ und „Speak no evil“ zählen zu den besten der Jazzgeschichte. Leider können sie bei diesem Querschnitt nur gestreift werden. Auf der dritten CD ist Shorter als Sideman bei verschiedenen Musikern zu hören.
Etwas weniger üppig sind die Aufnahmen ausgefallen, die John Coltrane repräsentieren. Was sicher damit zusammenhängt, dass der legendäre Saxofonist vorwiegend als Sideman in Erscheinung trat (Monk, Chambers, Clark). Vertraglich anderweitig verpflichtet, kam es 1957 zu „Blue Train“, dem ersten eigenen und einzigen Album für Blue Note. Von diesem Album, einem der wichtigsten der Jazzgeschichte, sind alle Stücke sowie einige alternative Takes enthalten. Mit Coltrane schliesst sich der Reigen der Miles-Davis-Musiker.
Coltranes Kontakt mit Blue Note kam durch Sidney Bechet zustande, genauer dessen Platten, die er im New Yorker Büro erwerben wollte. Der Sopransaxofonist war schon 1939 bei der allerersten Aufnahme-Session für Blue Note dabei. Mit dem Meade Lux Lewis Quartett spielte er seinen Hit „Summertime“ ein. Dieses Stück und weitere wie „Sweet Georgia Brown“, All of me“ oder „Saturday Night Blues“ sind auf der ausgewogenen Zusammenstellung zu hören. Sie ehren Sidney Bechet als einen der grossen Repräsentanten des frühen Jazz. Diese repräsentativen Boxen hätten ordentliche Booklets verdient gehabt. So muss man sich mit minimalen diskografischen Angaben, ebenso minimal gedruckt, also kaum leserlich, begnügen.


Boban i Marko Markovic, Devla, Piranha 2339/Indigo
Das Boban Markovic Orkestar, ein Sammelsurieum von Trompeten, Flügel- und Tenorhörnern sowie Helikons, belebt seit Jahren die Blechbläser-Szene des Balkans. Welche Brillanz der Orchesterchef seinem Flügelhorn zu entlocken vermag, hat einst schon Miles Davis in Erstaunen versetzt. 2006 hat Sohn Marko, der ganz auf Kontinuität setzt, die musikalische Leitung der preisgekrönten Roma-Kapelle übernommen. Nach wie vor wird munter drauflosgespielt mit überraschenden Breaks und gekonnten melodischen Wendungen. Der fette Bläser-Sound erinnert mitunter an New Orleans, integriert aber auch Lateinamerikanisches. Wildes improvisatorisches Spiel wird mit virtuosem Handwerk gemischt. Bei aller Raserei verblüfft die Präzision der Band, die vielfach parallel geführten Linien werden scharf angerissen. Trompeter Marko Markovic, der die Hälfte der 14 Stücke beisteuerte, liefert mal jazzige, mal orientalisch angehauchte Soli. Liebhaber von archaischem Jazz mit Sentiment und süffigen Balkan-Brass-Sound kommen voll auf ihre Kosten.



Charlie Mariano „The great concert“
Charlie Mariano (as), Philipp Catherine (g), Jasper van´t Hof (p)
(Enja 9532/Musikvetrieb)
Die vorliegenden Live-Aufnahmen von 2008 sind die Spitze einer Reunion des legendären Trios Pork Pie, das in den siebziger Jahren bei Verzicht auf die Rhythmusgruppe dem kammermusikalischen Jazz neue Brisanz gab. Drei Jahrzehnte später sprühen die Funken noch immer, was bei der Qualität der drei Musiker nicht verwundert. Charlie Mariano blies auch im hohen Alter ein starkes Altsaxofon voll berstender Kraft. Sein Sound und seine Ausdrucksstärke inspirieren die Mitspieler. Gitarrist Philippe Catherine steuert melodische Phrasen bei, die an Django Reinhardt gemahnen, Pianist Jasper van´t Hof ist das qirlige Bindeglied. Das Trio bildet eine unverbrüchliche Einheit. Leider ist Charlie Mariano im Jahr darauf verstorben, was besagte CD zu seinem Vermächtnis werden lässt – intuitiv und magisch.


Colin Towns/HR Bigband „Visions of Miles“
Colin Towns (cond,arr), HR Bigband
(In and Out Records 77101)
Mit seiner Bigband, dem Mask Orchestra, hat Colin Towns schon vielerlei Höhenflüge unternommen. Seit drei Jahren arbeitet der britische Alchimist in Sachen Sounds auch mit der Frankfurter HR Bigband zusammen. Die Musik des Mahavishnu Orchesters wurde neu arrangiert, was jetzt auch mit der von Miles Davis geschieht. Allerdings setzt sich Towns ausschliesslich mit dessen elektrischer Phase auseinander, den letzten beiden Jahrzehnten seines Schaffens also. Dies geschieht mit Versatzstücken, Soundflächen und einzelnen Themen, die zu einer packenden Collage montiert werden. Funk („Wili“), Afro-Rhythmen („Black satin“), klassische Sounds („He loved him madley“) oder spätere Pop-Titel wie „Tutu“ erweisen sich im ungewohnten Gewand einer Bigband als dramaturgische Meisterwerke. Die Stücke, von denen oft nur der Groove oder die Melodie übrig blieben, sind luftig und wirken wie ein deutlich wieder zu erkennender Zitatenschatz des Jazz. Man spürt, wie es Colin Towns Spass machte, „mit verschiedenen Rhythmen und Farben zu experimentieren“. Vorliegende CD ist ein Live-Mtschnitt vom vergangenen Jahr und unbedingt hörenswert.


Dok Wallach „Live in Lisbon“
Michael Thieke (as,cl), Daniel Erdmann (ts), Johannes Fink (b), Heinrich Köbberling (dr) (Jazzwerkstatt 076)
Dok Wallach spielt ausschließlich Stücke von Charles Mingus. Das seit einem Jahrzehnt bestehende Quartett aus Berlin, benannt nach dem Psychiater der herausragenden Gestalt Mingus, überträgt alles in eine eigene, zeitgenössische Klangsprache. Die Arrangements von Altsaxofonist Michael Thieke sind eigenwillig und in jeder Beziehung gelungen. So wird zum Beispiel das Material einer ganzen Mingus-Platte („Tijuana Moods“) auf ein Dutzend Minuten komprimiert, die alles sagen. Ähnlich auch „Ah Um“ in einer neunminütigen Montage. So werden Mingus-Kompositionen aus allen Schaffensphasen durch den Fleischwolf neuer und frischer Arrangements gedreht. Das Quartett beindruckt durch geschlossenes Spiel und kollektives Denken. Allzu schön dürfen die mitunter mit aufmüpfigen Sounds unterlegten Melodien bei Thieke allerdings nicht werden. Da an mehreren Abenden hintereinander in der Live-Atmosphäre eines Lissaboner Clubs aufgenommen werden konnte, ergibt sich ein authentisches Bild.



Gary Burton/Chick Corea “Crystal Silence – The ECM Recordings 1972 – 1979”
Gary Burton (vib), Chick Corea (p) (ECM 2036-39)
Chick Corea und Gary Burton brachten eine neue kammermusikalische Sprache und Sensibiltät in den Jazz. Durch Zufall entstand das Duo des Pianisten und des Vibrafonisten 1972 beim Münchner Olympia Jazz-Festival. Bis Ende des Jahrzehnts nahmen die beiden „Crystal Silence“, „Duet“ und das Live-Doppelalbum „In Concert“ auf. Jetzt sind diese zeitlosen Aufnahmen, allesamt Klassiker des kammermusikalischen Jazz in einer 4-CD-Box neu erschienen mit zwei zuvor unveröffentlichten Live-Aufnahmen aus Zürich. Was das Duo so erfolgreich machte, stellt Peter Rüedi in den liner notes fest, waren die scheinbaren Gegensätze, die Fruchtbares hervorbringen und „telepathische Übereinstimmung“: Coreas knappe Formulierung und Konzentration sowie Burtons barocker Hang zum Ornamentalen. Bei allem Perfektionismus in den Unisono-Passagen sind die intimen Zwiegespräche getragen von Spannung und Spontaneität. Chick Corea und Gary Burton sind bis heute ein Paradebeispiel brillanter Partnerschaft im Jazz. Absolut hörenswert.


Gary Peacock/Marc Copland „Insight“ Gary Peacock (b), Marc Copland (p)
(Pirouet 3041)
Der Bassist wird zuerst genannt, was nur bedeuten kann, dass er die Richtung bestimmt. Tatsächlich weist Gary Peacock den Weg, ist aber Partner von Marc Copland. Der 74-Jährig, altersweise und gelassen, bildet mit dem Pianisten ein Team, das allseits gleichberechtigt agiert. Klassiker wie „All Blues“ und „Sweet and lovely“ stehen neben Eigenkompositionen. Die beiden Musiker hören einander zu, lassen Platz füreinander, bilden eine beindruckende Einheit. Als Hörer ist man fasziniert vom Zusammenspiel zweier Meister. Selten haben sich melodische Führung und solistische Prägnanz so prächtig ergänzt und so subtil gewechselt wie hier. „Insight“ heisst nicht nur Einsicht oder Einblick, sondern auch Erkenntnis.


Hildegard lernt fliegen, .. vom fernen Kern der Sache, Unit 4221/Sunny Moon
Wild ist ihr Spiel, frisch und frech. Von Konventionen will „Hildegard lernt fliegen“ nichts wissen. Das Sextett um den Berner Sänger und Komponisten Andreas Schaerer hat nicht nur einen eigenartigen Namen. Es macht packende Musik zwischen Jazz, Rock und Avantgarde. „Extended Punk Jazz“ nennt Schaerer dieses eigenständige Stil-Gemisch. Mal swingt es tierisch, dann fährt der Zug unvermittelt ab in Richtung Avantgarde. Bei Andreas Schaerer, dem kreativen Stimmkünstler, geht alles, ist alles möglich. Keiner hat das Leitmotiv der achtziger Jahre, das die Postmoderne prägte, ernster genommen als der berserkernde Berner Sänger. Mit vielerlei Projekten hat er auf sich aufmerksam gemacht, „Hildegard lernt fliegen“ rief er vor drei Jahren ins Leben. Sie spricht all jene an, die auf gewagte Klangabenteuer aus sind, die bereit sind, sich auf unterschiedliche Stimmungen und Atmosphären einzulassen. Denn Schaerer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er wild losscattet, auch mal brave Lieder singt. Wenn er dabei von einem donnernden Rockschlagzeug oder einer aufgekratzten Saxophon-Phrase unterbrochen wird, egal. Die Musiker sind irgendwie immer zu Diensten, sie werden von Schaerer geschickt eingesetzt. Sie liefern die entsprechenden Farben, um bizarre Geschichten zu liefern, polymetrische Konstrukte zu produzieren oder – nicht zu fassen – um durch kammermusikalische Fragilität zu berühren.
Nach vollendeter Trilogie „Räuber“, „Reptil“ und „Ritter“ liegt jetzt die zweite CD vor.
Unberechenbar wie die Texte ist wieder die Musik zwischen komplexer Polyrhythmik, balladesker Beschaulichkeit und polterndem Lärm. Die brisante wie faszinierende Mischung, unverkennbar alles Eigengewächse, wird mit immenser Spielfreude und Bravour geboten .


Jan Garbarek „Dresden“
Jan Garbarek (sax,fl), Yuri Daniel (b), Reiner Brüninghaus (p), Manu Katche (dr)
(ECM 2100/01, Musikvertrieb)
Lange Jahre hat Jan Garbareks Musik kaum personellen Wandel erfahren, von seinen elegischen Hymnen ganz zu schweigen. Auf dem neuen Live-Doppelalbum, dem ersten Live-Mitschnitt überhaupt, fegt der Norweger mit neuem Drive durch altes und neues Material. Was besticht, ist der dichte Gruppensound, getragen von der fruchtbaren Zusammenarbeit des Saxofonisten mit seinem Lieblings-Schlagzeuger Manu Katche. In das kontrapunktische Spiel fügt sich der neue Bassist Yuri Daniel nahtlos, aber unauffällig ein. Er klebt an den Noten ohne grossen Widerpart zu bieten. Der Brasilianer hat Eberhard Webers Stelle eingenommen, scheint aber noch nicht richtig angekommen zu sein. Reiner Brüninghaus, seit 1988 an der Seite des Saxofonisten, ist mit sphärischen Sounds zur Stelle. Die quirligen Interaktionen des Quartetts ändern allerdings wenig an der liedhaften Schlichtheit der Melodien. Jan Garbareks unverwechselbarer Ton und dessen vollendete Klangkultur spalten nach wie vor die Jazzgemeinde. Daran dürfte auch ein Live-Album nichts ändern.


From Johnny Griffin with love, The unique Storyville Collection (4 CD/DVD Box)/Sunny Moon
Es ist wirklich eine einzigartige Kollektion, die nochmals den 2008 verstorbenen Saxofonisten Johnny Griffin vorstellt. Der lange Jahre in Europa ansässige „little giant“ hat sich immer wieder mit anderen Expatriates getroffen. Ein beliebter Ort bei Afroamerikanern war Kopenhagen, das mit dem „Montmartre Jazzhouse“ und dem „Jazzhus Slukefter“ über zwei vorzügliche Clubs verfügte. Was lag da für das dänische Storyville-Label näher als just dort Aufnahmen zu machen. Die vorliegenden Live-Mitschnitte aus den sechziger und achtziger Jahren zeigen einen glänzend disponierten Johnny Griffin. Studios waren ihm verhasst, so dass er sich live um so stärker ins Zeug legte. Von verschiedenen Rhythmusgruppen unterstützt bläst sich der Saxofonist die Seele aus dem Leib. Die erste CD von 1964 stellt den damals als Wunderkind gehandelten Bassisten Niels-Henning Örsted Pedersen vor, 18 Jahre alt. Die zweite CD bringt Griffins langjährigen Partner Eddie Lockjaw Davis ins Spiel, der für weitere Höhenflüge sorgt. Dies sind die beiden letzten gemeinsamen Aufnahmen der beiden Tenoristen, eingespielt 1984. Die dritte CD dokumentiert ein weiteres Zusammentreffen mit Expatriate Kenny Drew (p). Auf der der Bx beiliegenden DVD ist nochmals Eddie Lockjaw Davis zu hören, diesmal mit eigenem Quartett, sowie Johnny Griffin mit drei Eigenkompositionen, die er nach seiner vorübergehenden Rückkehr in die Staaten 1977 erstmals veröffentlichte.


Jürgen Hagenlocher, Confusion, Mons 874472
Konfusion, Verwirrung stiftet die neue CD Jürgen Hagenlochers mitnichten. Im Gegenteil: der Freiburger Saxofonist versteht es glänzend, sein perfekt aufeinander eingespieltes Quartett mitzureissen. Sechs eigene Stücke sorgen für Swing und Bop, wandeln auf traditionellen Pfaden. Freilich wird Hagenlochers Konzept des modernen Jazz mit spannenden Momenten melodischer, rhythmischer und harmonischer Art facettenreich ausgeleuchtet. Nach diversen Taktwechseln kommt Gitarrist Dano Haider ebenso zu Wort wie Hammond-Spieler Thomas Bauser mit besonderen Klangelementen, die er wendig einsetzt. Da bedarf es keines Bassisten, zumal Schlagzeuger Jörg Eckel solide rhythmische Fundamente legt. Doch die Krönung dieser Aufnahmen bildet Gast Alex Sipiagin. Der seit 1991 in New York wohnende russische Trompeter verhilft mit energetischem Spiel Hagenlochers kraftvollen melodischen Ideen zu nachhaltiger Wirkung. Selten ist die Freiburger Jazz-Szene so fruchtbar bereichert worden.


Keith Jarrett „Testament“ (ECM 2130-32)
In der vergangenen Dekade hat Keith Jarrett gerade mal 30 Solo-Konzerte gegeben. Um so stärker gieren die Fans nach derartigen Aufnahmen, von denen in den letzten Jahren einige erschienen sind. Jetzt ist es gleich ein 3-CD-Set, das den Tasten-Egomanen in all seiner meisterlichen Vielfalt zeigt. Die beiden Konzerte, deren Mitschnitte gegensätzlich ausgefallen sind, bringen einen Pianisten, der sich nicht festlegen lässt. In seinen Konzerten ist nichts geplant, alle Stücke entwickeln sich spontan, organisch, bekommen folglich keine Titel. In Paris, wo der Pianist in introvertierten Zwiegesprächen mit sich selbst brilliert, werden acht „Parts“ gespielt, in London, wo es etwas heftiger zur Sache geht, zwölf. Dort, wo er 18 Jahre nicht mehr solo aufgetreten ist, gibt sich Keith Jarrett nach düsterem Beginn fast magisch. Kurze Themen werden vorgestellt und in verschiedenen Richtungen erkundet und variiert. Süffige Lyrik, markante Rhythmik, Blues, Jazz und Impressionismus fliehen vorbei. Dunkle Klangballungen wechseln mit hellen, klaren Strukturen, die sich in abstrakten Passagen verflüchtigen. Man hat oft den Eindruck, Bekanntes wieder zu entdecken, mal ein Standard, mal ein klassisch inspirierter Einfall. Die einzelnen Teile erscheinen wie aus einem Guss, als ob sie notiert wären. Doch Keith Jarrett gibt sich stets dem Moment hin, lässt seinen musikalischen Gedanken ihren Lauf, folgt seinen Inspirationen. Nichts ist vorbereitet oder abgesprochen, bleibt einzig die Hoffnung auf aufnahmebereite Zuhörer.


Michael Wollny/Tamar Halperin „Wunderkammer“
Michael Wollny (p, celesta, harpischord, harmonium), Tamar Halperin (harpischord,celesta) (ACT 9487, Musikvertrieb)
In eine „Wunderkammer“, wie der Titel seiner neuen CD verkündet, führt der Pianist Michael Wollny den Zuhörer. Der Hoffnungsträger des deutschen Jazz, allseits hochgelobt und mit Preisen bedacht, will es wissen. Er erkundet allerhand Tasteninstrumente. Mit dem harten Federkiel-Klang des Cembalos, dem Klingeling einer Celesta, der sakralen Klangluft des Harmoniums, dem schwingenden Sound eines Fender-Rhodes-Pianos oder der Brillanz eines Flügels entlockt Wollny ein Kaleidoskop von Farben und Klängen, Sphären aller Art. Er entfaltet sie mit Partnerin Tamar Halperin in eben jenen Wunderkammern, den geheimnisvollen Räumen in Schlössern und Klöstern, wo einst kuriose Schätze lagerten. Jetzt sind es mysteriöse Hörgefilde, durch die eine Musik irrlichtert, die sich stilistisch nirgends festmachen lässt. Wollny gibt sich minimalistisch, dann wieder versöhnlich melodiös, stets weit und frei fliessend. Aus sparsamen Motiven entwickeln sich oft unterschiedliche Tasten-Farben, Akkordfolgen und jazzige Phrasen mit coolem Drive. Das Dutzend Stücke hat mal improvisatorische Teile, ist mal aus freien Improvisationen entstanden.

Mercedes Sosa „Cantora“ (Sony 56781)
Sie galt als die „Grande Dame“ Argentiniens, die ein halbes Jahrhundert lang für Recht und Gerechtigkeit kämpfte und gegen jegliche Form der Diktatur ansang. Als Mercedes Sosa vor wenigen Monaten starb, war die Welt des Gesangs schlagartig um ein leuchtende Stimme ärmer. Ein Glücksfall, dass mit ihr noch ein Album produziert werden konnte. Es wurde nun zum Vermächtnis der Sängerin. Dass ihre dunkel-mächtige Stimme etwas nachgelassen hat im Alter, kann nicht überraschen. Eher schon, dass Sosa in den vergangenen Jahren mit neuen Stilrichtungen experimentierte und mit Rockmusikern wie Charly Garcia oder mit Luciano Pavarotti auftrat. In eine ähnliche Kerbe schlägt das letzte Album. Hier treten zahlreiche Topkünstler zu vielfältigen Duetten mit Mercedes Sosa an. Das Album spannt einen Bogen von Latino-Folklore über Bossa bis Blues und Chanson. Es sind zwar keine eigenen Stücke der Sängerin zu hören – meist fand sie Vorlagen bei namhaften Komponisten wie Milton Nascimento oder Atahualpa Yupanqui – doch sind sie getragen von viel Gefühl und mit Tiefgang. Ein würdiger Abschied.


Sonny Rollins Quintet „Live in Montreal 1982
Sonny Rollins (ts), Bob Cranshaw (b),Bobby Broom (g), Yoshioki Masuo (g), Jack de Johnette (dr) (Jazz Shots DVD)

Saxophone Colossus
Robert Mugge
Sonny Rollins (ts), Bob Cranshaw (b), Clifton Anderson (tb), Mark Soskin (p), Marvin Smith (dr) (BHM DVD 07/Zyx)
Zwei DVD´s bringen auch einem jungen Publikum Sonny Rollins näher. Der Saxophon-Titan des Jahrgangs 1930, heute eine lebende Legende, war Mitte der achtziger Jahre auf der Höhe seines Schaffens. Die drei Live-Mitschnitte sind beredter Beleg. Der Konzert-Film von Robert Mugge bringt ein Open Air in New York von 1986 in wenigen Ausschnitten. (auf CD komplett veröffentlicht). Rollins´ Spiel ist von immenser Intensität. Sogar nach einem Sturz von der Bühne bläst er im Liegen weiter und merkt nicht, wie er später erklärte, dass er den Knöchel gebrochen hatte. Gespräche und Interviews sind es, die diese DVD hervorheben. Der Meister selbst will, wie er bekennt, mit seiner Musik nicht mehr die Welt verändern, sondern das Publikum erfreuen. In Interviews mit Ehefrau Lucille sowie den Jazzkritikern Ira Gitler, Gary Giddins und Francis Davis wird Rollins´ Persönlichkeit beleuchtet. Hervorstechend sind sein persönlicher Sound, sein Sinn für Time, seine thematischen Improvisationen, seine intuitiven Soli, seine totale Kontrolle des Horns. Ein leider nur knapper Schwarz-Weiß-Ausschnitt wirft einen Blick auf „The Bridge“, die Aufnahme-Session von 1962, wo all das Gesagte bereits angelegt ist.
Wie sehr sich Rollins immer wieder als genialer Improvisator entpuppt, wird auch im Zusammenspiel mit einem Sinfonieorchester deutlich, wie ein weiterer Live-Mitschnitt, diesmal aus Japan, beweist. Die einzelnen Sätze des Konzerts werden von rhythmischen Bildschnitten unterbrochen, die das Leben japanischer Menschen verdeutlichen sollen. Zu fernöstliche Philosophie, Religion und Spiritualität bekennt sich Rollins im Interview.
„The greatest improviser in the history of jazz“ (DVD-Untertitel) wird auch auf einer weiteren DVD gewürdigt. Allerdings nutzt sie nicht die Möglichkeiten des Mediums und bringt einzig einen Live-Mitschnitt. Der einstündige Auftritt des Sonny Rollins Quintetts in Montreal vom Juni 1982 freilich hat es in sich. Der Saxofon-Koloss beherrscht beindruckend die Szene. Agil wie eh und mit großem Ton bläst er unablässig in sein Horn. Einmal mehr legt er ein Bekenntnis zu seinen westindischen Wurzeln ab Geblieben ist seine Vorliebe für karibische Rhythmen, die er nach Belieben formt. Mit seinem strahlenden, durchdringenden und aufgerauhten, aber geschmeidigen Ton ergeht er sich in zupackenden, emotionsgeladenen Improvisationen. Seine Begleitband hat sichtlich Mühe, das Tempo zu halten, nicht kalt abzustürzen. Dass dabei die Mitmusiker als bloße Statisten fungieren könnten, dieser Eindruck drängt sich auf. Der Chef stellt sie zwar lobend vor, lässt sie gewähren, solange die Soli sich im Rahmen halten, und stachelt sie gar an, indem er sich mit seinem Horn vor ihnen aufbaut. Doch allzu sehr erliegen sie der hypnotischen Kraft des Giganten, trauen sich kaum. Die beiden Gitarristen treten gelegentlich hervor, während der langjährige Bassist Bob Cranshaw und der zeitweilige Drummer Jack de Johnette die rhythmischen Fäden in Händen halten. Höhepunkt ist einmal mehr eine ausgedehnte Interpretation von „Don´t stop the carnival“. Sonny Rollins at his best.


Stitches Brew, The Flying Piano, Neuklang 4042
Hinter Stitches Brew verbirgt sich kein Verschnitt eines Miles-Davis-Gebräus, sondern das neue Quintett Matthias Stichs. Einmal mehr hat der Freiburger Saxofonist und Komponist dem modernen Jazz seinen Stempel aufgedrückt – mit Gesang und ausdrucksstarken Stücken.
Das vor zwei Jahren gegründete Quintett legt sein Debüt vor. „The Flying Piano“ hebt zwar nicht ab, was der bodenständige Tilman Günther verhindert. Streng orientiert sich der Pianist an den Harmonien, erst spät hebt er mit bluesigen Phrasen ab. Erdig der elektrische Bass Jörgen Welanders. Mit bohrenden Bass-Figuren spielt sich der Schwarzwälder Schwede gelegentlich in den Mittelpunkt, hält ansonsten aber die harmonische Stellung. Für den rhythmischen Zusammenhalt sorgt Matthais Daneck mit schwebenden Akzenten und schweren Schlägen, je nach Stimmung. Auf dem Teppich bleibt Stich selbst, auch wenn seine Soli immer wieder in hitzige Bebop-Passagen ausbrechen, auch mal dank Bassklarinette ins Geräuschhafte abheben. Dass er nach wie vor ein kreativer Melodiker ist, beweisen seine neuen Stücke, die sich zu einem stimmungsvollen programmatischen Ganzen formen. Nicht zuletzt dank des fabelhaften Gesangs von Julia Pellegrini. Ihre warme Altstimme, die auch mit dunklen Farben zu überraschen vermag, singt sich stilsicher durch die Stücke voller menschlicher Tiefen und Höhen. Sie wird den Texten von Gary Barone, Nina Wurman und des Komponisten Stich jederzeit gerecht und leuchtet verschiedene Facetten aus. Auch die knappe Lyrik Erich Frieds bringt sie mit „Es ist, wie es ist“ auf den Punkt.


Tomasz Stanko Quintet „Dark Eyes“
Tomasz Stanko (tp), Alexi Tuomarila (p), Jakob Bro (g), Anders Christensen (b), Olavi Louhivuori (dr) (ECM 2115)
Das neue Album von Tomasz Stanko knüpft unmittelbar an die wunderbaren drei Scheiben („Soul of Things“, „Suspended Nights“ und „Lontano“), die er mit dem von ihm entdeckten und inzwischen in die Selsbstständigkeit entlassenen Wasilewski-Trio eingespielt hat. Mit seinem neu formierten „Nordic Quintet“ entdeckt der polnische Trompeter nicht unbedingt andere Klangwelten, erweitert aber sein Umfeld um lyrische Akzente und Klangfarben. Gitarrist Jakob Bro etwa ist mit fein ziselierten Tönen und natürlichen Klängen zur Stelle. Insgesamt bilden die beiden jungen Finnen und die beiden jungen Dänen eine geschmeidige Rhythmusgruppe, die einen interessanten Kontrast zu Stankos Trompete darstellen. Hieraus bezieht das Quintett seine Spannung. Geblieben ist Stankos unverkennbarer Sound, der die sanften, traurigen und zeitlosen Melodien eigener Stücke in dunkle Farben packt. Auf einem dicht gewebten Rhythmusteppich tanzen die Trompetentöne von elegischer Schwere und strahlender Kraft Vibratolos kommt die Melancholie daher; die Stimmung ist sanft und traurig, die Themen sind rubato und out of tempo. „Du trägst diese nostalgische Stimmung einfach in dir, für immer“ sagt Stanko.


Urs Leimgruber/Jacques Demierre/Barre Phillips „Albeit“
Urs Leimgruber (ss), Jacques Demierre (p), Barre Pillips (b)
(Jazzwerkstatt 074)
Urs Leimgruber ist aus der improvisierenden Szene Europas nicht mehr wegzudenken. Seit einem Jahrzehnt geht er mit einem Trio, das jetzt die dritte CD vorlegt, auf Klangforschung. Sie ist spontan, direkt und entwickelt sich aus dem Augenblick. Auch nach 200 gemeinsamen Konzerten entstehen stets neue Herausforderungen. Immer wieder werden neue Klang-Facetten zu Tage gefördert, wie diese CD mit dem kryptischen Titel „Albeit“ beweist. Der Luzerner Saxofonist verweist auf die Reichhaltigkeit dieses Wortes, da so viel wie „allerdings“, „trotzdem“ oder „ungeachtet“ bedeutet. Den Zeitläufen zum Trotz wird widerständig musiziert, bilden sich stets neue Klänge. Gemeinsam baut sich die Spannung auf, verzahnen sich obertonreiches Sopransax mit Innenraum und Korpus eines weitgreifenden Klaviers und dem polyphonen Kontrabass, der gleichzeitig rhythmische Akzente setzt. Spontaneität und Unvorhersehbarkeit gehen eine Einheit voller Vertrautheit und Geschlossenheit ein. So wie die sechs Buchstaben von „Albeit“ durch immer wieder neu entstehende Konstellationen variiert werden, finden die drei Musiker Urs Leimgruber, Jacques Demierre und Barre Phillips vielfältige Ausdruckmöglichkeiten. Bei aller zurückhaltender, aber erahnter Virtuosität ist viel Intensität im Spiel.


Vienna Art Orchestra, Third Dream, Extraplatte 998
Alle zehn Jahre hat der rührige Orchesterchef, Komponist und Arrangeur Mathias Rüegg bisher seinem seit fast dreieinhalb Jahrzehnte bestehenden Vienna Art Orchestra ein neues Gesicht gegeben. Nicht nur die Musiker, auch die Inhalte änderten sich. Nach über einjähriger Pause ist das Orchester zurück mit „Third Dream“, einer zwölfteiligen Suite für Kammerorchester und vier Jazz-Solisten (von Anfang an mit dabei: Saxofonist Harry Sokal). Die gesamte Band hat sich vom gewohnten Klangbild verabschiedet, um neue Klanghorizonte zu eröffnen. Dies geschieht zur einen Hälfte mit Jazzern, zur anderen mit klassisch ausgebildeten Musikern, die bereits sinfonische Erfahrungen gesammelt haben. Frappierend, dass alle gleichermassen in der Lage sind, solistisch zu glänzen. Das konventionelle Bigband-Format wird einmal mehr gesprengt, diesmal in eine andere Richtung. Rüegg hat ein Dutzend neue Stücke diesem Klangkörper auf den Leib geschrieben. Dass das Orchester reine Kammermusik zu spielen in der Lage ist, überrascht nicht, wie die zweite CD mit ihren zusätzlichen elf Kammermusik-Kompositionen.beweist. Sie ist zusammen mit der Orchester-CD, einem Live-Mitschnitt vom Mai 2009, in ein dickes Buch im CD-Format gepackt. Dieses als Kunstobjekt deklarierte Album, das zusätzlich ein Labyrinth enthält, in das die mitgelieferten Kügelchen gefüllt werden können, ist auf 444 Exemplare limitiert und zu einem höheren Preis zu bekommen. Der Umbau einer fast klassischen Bigband zum jazzigen Kammerorchester ist gelungen.


BÜCHER

Aldo Gianolio, Dem Duke Ellington gefiel Hitchcock nicht und andere Geschichten vom Jazz, Drava Verlag, Klagenfurt 2009, 187 Seiten, 19,80 Euro (ISBN 978-88-7223-114-2)

Aldo Gianolio erfindet Jazzgeschichten, die er nett erzählt und mit allerhand Anekdotischem würzt. Der italienische Publizist, Mitarbeiter von „Musica Jazz“, nähert sich zahlreichen Persönlichkeiten des Jazz auf eigene Weise. Dabei versteckt er sich gern hinter dem erfundenen Kritiker John Ferro, den er ausführlich zu Wort kommen lässt. Diese Phantasiefigur arbeitet wohlweislich für den „Down Beat“ mit „Überzeugungskraft“, als Redner allerdings ist eher, so Gianolio, als „schwachsinnig“ einzustufen. Seine Erzählungen werden jedenfalls „treu wiedergegeben“. Insgesamt „29 hirnrissige und wenig glaubhafte Geschichten über ebenso viele berühmte Jazzer“. Die Palette reicht von Adderly, Armstrong und Ayler bis Tristano und Young. Bei aller Phantasie fussen die Porträts, was überraschen mag, auf realen Daten und Ereignissen, wie sie die Biografien der Musiker, wenn auch lückenhaft, hergeben. Oft eigensinnig interpretiert zielen sie auf charakterliche Merkmale. Charlie Parkers Vorliebe für Brathähnchen ist bekannt, auch dass der dickleibige Cannonball Adderly „immer mit einem Hamburger“ herumlief, Louis Armstrong ein sensibles Gemüt besass und Jay Jay Johnson ein Gefangener seiner Uhr war. Weitere Wesensmerkmale der Jazzer stellen Ferro/Gianolio in amüsante Zusammenhänge und mitunter verwegene Vermutungen, die schmunzelnd man zur Kenntnis nimmt. Was mit Albert Ayler wirklich passiert ist, ist bis heute ungeklärt. Auf alle Fälle, erfährt der Leser, ist er „übergeschnappt wegen seiner fanatischen Yoga-Übungen“. Selten sind Jazzmusiker so menschlich und alltagsnah dargestellt worden wie hier.


Andrew Wright Hurley, the return of jazz – Joachim-Ernst Berendt and West German cultural change, Berghahn Books, New York 2009, 296 Seiten, 58 US-Dollar (ISBN 978-184545-566-8)
Über Joachim Ernst Berendt gab es bislang keine umfassende Studie, die sein Leben und Wirken würdigte. Jetzt legt Andrew Wright Hurley diese vor. Der australische Publizist stellt dessen Rolle im Rahmen der deutschen Nachkriegs-Jazzgeschichte dar. In 15 Kapiteln versucht er vielerlei Facetten des als „Jazzpapst“ Geschmähten und Verehrten aufzufächern.
Ausgangspunkt für Hurley, der für seine ausführlichen Recherchen mehrfach das Darmstädter Jazzinstitut aufsuchte, ist „Jazz meets the world“. Die mehrteilige Plattenreihe, die zwischen 1965 und 1971 erschienen ist, ist symptomatisch für Berendt aus vielerlei Gründen. Sie steht für ihn als Macher, Kritiker, Produzent, Veranstalter und Philosoph in einer Person. Akribisch wird seine Rolle von der Legitimierung des Jazz in den fünfziger Jahren bis zu seinen zentralen Aktivitäten in den sechziger und siebziger Jahren geschildert. Selbstverständlich wird eine kleine Geschichte des deutschen Jazz nach 1945 bis zur Eigenständigkeit des europäischen Jazz mitgeliefert, um Berendts Rolle einzuordnen. Dieser mischte sich in zahlreiche Nachkriegsdebatten ein (er stritt mutig mit Adorno), machte sich aber auch kundig im Entstehungsland des Jazz, das er sechs Mal aufsuchte. Zwei grosse Reisen 1950 und 1960 trugen besondere „musikalische Früchte“ – und eben auch publizistische, möchte man hinzufügen. Sein Jazzbuch, nach der ersten Reise entstanden, wurde bislang 1,5 Millionen Mal verkauft und in 12 Sprachen übersetzt.
Hurleys kritische Biografie beschäftigt sich selbstredend auch mit den Schattenseiten eines grandiosen Schaffens. Machtbewusstsein und übersteigerte Selbsteinschätzung werden am Rand abgehandelt, um Berendt um so mehr als Lichtgestalt des deutschen Nachkriegs-Jazz herauszustellen. Er ist die zentrale Gestalt der Szene und steter Streiter für eine einst umstrittene Musik. Insgesamt wird das Bild eines umtriebigen, kreativen Menschen gezeichnet, der stark vom kirchlich-antinazistischen Elternhaus geprägt seine eigenen musikalischen Erfahrungen machte. Sie führten zur weltmusikalischen Neugier und schliesslich zu einer körper-klang-orientierten Sinnsuche, der viele Jazzfans nicht mehr folgen wollten. Berendts Beitrag zur Rezeption asiatischer und afrikanischer Musik im Jazz ist ebenso unumstritten wie der zur Sozialgeschichte des Jazz im Nachkriegs-Deutschland.
Hurleys Studie, deren Bibliografie zum weiteren Lesen ermuntert, ist eine glänzend recherchierte Arbeit, auf deren deutsche Übersetzung man gespannt sein kann. Sie schliesst mit einem Nachwort des Darmstädter Jazzinstitut-Leiters Wolfram Knauer, der stellvertretend für viele seinen persönlichen Zugang zu Berendts Wirken schildert. Es hat Bedeutung bis heute.

Carlo Verri, Jazz from A to J, Mediane Libri, Milano 2007, 382 Seiten
(ISBN 88-89886-24-2)
“Jazz from A to Z” ist weder Lexikon noch Enzyklopädie, sondern ein wunderbarer Fotoband, der viele Jazzpersönlichkeiten zeigt, von Abercrombie bis Zawinul. Ihnen ist Carlo Verri auf der Spur, einer der führenden Fotografen Italiens in Sachen Jazz. Durch Arrigo Polillo, den Nestor der italienischen Jazz-Kritik, kam der inzwischen 57-Jährige zum Szene-Organ „Musica Jazz“, für das er drei Jahrzehnte arbeitete. Verris Bilder sind längst Kult, viele wurden 2006 und 2007 bei Sotheby´s versteigert.
Was Verris Fotos, aufgenommen während der letzten drei Jahrzehnte, in Nizza, Mailand, Lugano oder beim North Sea Jazz Festival, auszeichnet, ist ihre unmittelbare Nähe zum Jazz. Die Kamera rückt den Künstlern auf den Leib ohne sie blosszustellen. Auf der Bühne finden sie zu höchstem Ausdruck, abseits der Bühne strahlen sie Privatheit, ja Vertrautheit aus. Viele der Bilder hat der Fotograf mit persönlichen Bemerkungen versehen, was den Fotoband persönlicher, fast intim macht. Oftmals sind die Musiker mehrmals abgelichtet, in verschiedenen Konzerten und Anlässen, was dem Ganzen das Statische nimmt. Plötzlich sind Entwicklungen nachzuvollziehen. In grösserem Format – dies als einziger Kritikpunkt – kämen die Fotos noch besser zur Geltung.


Christoph Merki (Hr.), Musikszene Schweiz – Begegnungen mit Menschen und Orten, Chronos Verlag, Zürich 2009, 34 Euro (ISBN 978-3-340-0942-3)
„Eine musikalische Supermacht ist die Schweiz noch immer nicht“, schreibt Christoph Merki im Vowort von „Musikszene Schweiz“, aber sie hat „gewaltig aufgeholt“ und ist „keineswegs mehr eng“. Der Herausgeber des dickleibigen Bandes hat 39 Beiträge versammelt, die dem „aktuellen Musikleben nachspüren“. Verschiedene Autoren stützen Merkis These, zeichnen ein bunter Bild. Die Palette reicht von Operette zu Pop, von Jazz zu Rap, von Techno zu Gregorianik und was der Stile und Genres mehr wären. „Gegenüberstellung von Musikrichtungen“ ist gewollt, wohl gar nicht anders machbar in einer, wie es heisst, „globalisierten Musik-Szene“. Und: die Dichte an Musik-Festivals ist nirgends so hoch wie in der kleinen Schweiz und noch nie ist so viel Schweizer Musik verfügbar gewesen. Trotzdem will dieses Buch keine Enzyklopädie sein, sondern „Ausschnitte aus dem Leben einer Musik (liefern) in Begegnungen mit Menschen und Orten“. Figuren einer bestimmten Musikrichtung werden vorgestellt. Die unterschiedliche Qualität der Texte ist selbstredend den lebendigen Personen geschuldet, den Porträtierenden wie den Porträtierten.
Die gesamte bandbreite des Jazz kommt zum Tragen. Vom freien Jazz in Zürichs „Unerhört“ oder „Taktlos“ über das „rein kommerzielle Event“ Montreux bis zu Ascona, das die traditionellen Stile pflegt. Festival-Chef Nicolas Gilliet sieht eine ganze Anzahl von Parallelen zwischen den verschiedenen Stilen, wie er erklärt: „spontanes Musizieren, emotionaler Ausdruck, Kollektivimprovisationen, Abneigung gegen Kommerz“. Derlei würde Claude Nobs ebenfalls auf seine Fahnen heften. In ihm, der Montreux gross machte, „verbinden sich Ehrgeiz, Geschäftstüchtigkeit und eine grenzenlose Begeisterungsfähigkeit“, Tugenden, die mitnichten für die gesamte Szene gelten. Jazzmusiker haben es schwer zu überleben. Man erfährt, dass Profis in der Schweiz 30 bis 40000 Franken verdienen pro Jahr.
Ingesamt bringt der Band eine beachtliche Breite an Stilen und Stimmungen. Er vermittelt vielerlei spannende Einblicke in lebendige Szenen und hilft dem Musikfreund vielleicht, über den eigenen Tellerrand zu schauen. So sorgfältig die porträtierten Personen dargestellt werden, so sehr fehlt gelegentlich die nötige Distanz. Lesen lohnt sich aber allemal.


Mark Lehmstedt, Art Tatum. Eine Biografie, Lehmstedt Verlag,
Leipzig 2009, 320 Seiten
Art Tatums Sonderstellung im Jazz ist bislang kaum in die einschlägige Publizistik eingegangen. Einer Diskografie und der einzigen Biografie in den USA stellt jetzt die erste deutschsprachige Mark Lehmstedt entgegen. Der Autor würdigt den Solitär am Klavier zum hundertsten Geburtstag. Seine Sonderstellung am Rand des Hauptstroms sowie sein ungeheurer Einfluss auf viele Jazzmusiker sind in dieser Biografie nicht hinterfragbare Voraussetzungen. Er will, wie er einleitend erklärt, „Tatum so nüchtern und sachlich darstellen, wie es angesichts der Quellenlage möglich war“.
Da diese bekanntlich nicht üppig ist, stützt sich der Autor auf Zeitzeugen und Interview-Aussagen des Protagonisten. Zahlreiche veröffentlichte Musikbiografien nimmt er als Grundlage und montiert seitenweise Zitate zu etwas Ganzem. So nimmt schließlich Tatums Persönlichkeit Konturen an. Über den Pianisten selbst gibt es nicht viel zu sagen. Das Kapitel „Privatleben“ beschränkt sich auf zweieinhalb Seiten. Tatum spielte wie besessen Piano und war ebenso besessen vom Alkohol. Er war kein Wunderkind, denn erst mit 15 erlernte er das Klavierspiel. Er wächst ohne Rassismus auf und erblindet früh fast vollständig. „Es war“, ist zu lesen, „eine durchschnittliche Kindheit im Schoße einer liebvollen Familie.“
Lehmstedt beschreibt Art Tatum als Solist. Er schildert das schlagzeuglose Klavier-Trio, das Tatum bekannt machte, aber nicht erfand; er berichtet von Konzerten in Kneipen, Clubs und großen Sälen, von Jam-Sessions und Aufnahmen. Viele Musiker werden vorgestellt, auch weniger bekannte, aber damals durchaus bedeutende wie Lee Sims oder Clarence Profit. So entsteht ein detailreiches Porträt der amerikanischen Jazz-Szene der dreißiger und vierziger Jahre. Dass bei all dem die Musik etwas zu kurz kommt, wundert nicht. Gern hätte man erfahren, wo und wie genau Art Tatum in der Jazzgeschichte einzuordnen ist. So viel Mark Lehmstedt lebendig über die Szene zu erzählen weiß, so sehr bleibt Art Tatum im Dunklen. „Was tat Art Taum, wenn er nicht spielte?, fragt ratlos der Autor und antwortet: “Wir wissen es nicht“.
Alles in allem aber eine brauchbare Biografie, die in ihrer Länge etwas verschreckt. Diskografie, Index und umfassende Bibliografie runden den Band ab.


Maxi Sickert, Clarinet Bird – Rolf Kühn Jazzgespräche, Christian Broecking Verlag, Berlin 2009, 242 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-938763-10-0)
Eine Dekade lang hat Maxi Sickert intensive Gespräche mit Rolf Kühn geführt, um Licht zu bringen in sein langes Jazzerleben, das lange „unter dem Schatten“ stand. Zu dessen 80. Geburtstag Ende September legte die Berliner Publizistin ihre Gesprächserlebnisse und -ergebnisse vor, verpackt in eine ansprechende Art Biografie.
Tatsächlich erfährt der Leser fast alles aus einem bewegten Leben. Rolf Kühn, der sich in den wörtlich wiedergegebenen Gesprächen auskunftsfreudig und offen gibt, ohne Nabelschau zu betreiben, erzählt von seiner Kindheit in Leipzig („eine schöne, unbeschwerte Zeit“), von seinem Vater, dem Artisten, der den jungen Rolf zum Zirkus holen wollte. Doch der lernt mitten im Krieg Klarinette und schlägt sich mit verschiedenen Arbeiten durch. Im „Feindsender“ BBC hört er Dizzy Gillespies Bigband, als Klavierbegleiter später in der Ballettschule erlebt er seine „allererste Konfrontation mit improvisierter Musik“. Richtig mit Jazz kommt Kühn in Berührung durch Jutta Hipp. Die Pianistin spielt ihm „Hallelujah“ von Benny Goodman vor, was zur Initialzündung wird und zum Symbol für Freiheit. Und weil diese Musik aus Amerika kommt, will er hin, um sich dort mit den Besten der Welt zu messen. Dank Buddy de Franco, den berühmten Klarinettenkollegen, schafft er den Absprung in die Staaten, wo er beachtet und bald Mitglied wird in der Band seines Vorbilds Benny Goodman. Doch die moderne Spielweise Buddy de Francos fasziniert Kühn mehr, so dass er sein einträgliches Engagement bei Goodman aufgibt. Der unbarmherzige Existenzkampf sowie der Rassismus setzen Kühn schliesslich so zu, dass er 1961 nach Berlin zurückkehrt. Es folgen Engagements bei den Orchestern von RIAS und SFB, wo er Berufsverbot bekommt und zum NDR nach Hamburg geht. Chronologisch kommt der weitere Lebensweg zur Sprache, bis in die jüngste Zeit.
Nüchtern, aber engagiert berichtet der Klarinettist von den diversen Stationen seiner Karriere. Die Interviewerin bringt ihn mit klugen Fragen dazu, in die Tiefe biografischer Erfahrung vorzudringen. Spannend sind auch die begleitenden Gespräche mit Weggefährten und Zeitzeugen, darunter Bruder Joachim und die Erinnerungen von Ornette Coleman oder Bert Noglik, die jeweils überraschende, auch persönliche Facetten des Menschen und Musikers Rolf Kühn offen legen. Dass er als Halbjude einen schweren Stand hatte, Schulverbot und drohende Deportation, ständige Angst also, erlebte, vermittelt sich dem Leser eindringlich. Als Fazit des famosen Buches, das den Leser beschwingt mitnimmt auf eine Zeitreise, gibt Kühn zu Protokoll: „Der Himmel ist weit und ein Vogel muss frei sein und fliegen können. Das ist Jazz“. Das ist der Clarinet Bird.


Nickelsdorfer Jubiläumsbuch, tell no lies, claim no easy victories, herausgegeben vom Verein Impro 2000, Nickelsdorf 2009, 207 Seiten, 25 Euro
Auf dem Buch-Cover abgelichtet ist der Chicagoer Saxofonist Roscoe Mitchell in gelber, grüner Landschaft, mit blauem Himmel und weissen Wolken. Hier, an einem Ort, der sich ungewohnten Klängen nicht gerade aufdrängt, finden alljährlich die Nickelsdorfer Konfrontationen statt. Zum 30-jährigen Bestehen des Festivals ist ein Buch erschienen, das „this place and the spirit“ festzuhalten gedenkt, wie im Vorwort Don Robinson zitiert wird. Es will also keinen Rückblick bieten, wie einer der Herausgeber, Philipp Schmickl, schreibt. Es geht darum, heisst es weiter, „die momentane Stimmung einzufangen sowie Haltungen der Involvierten zu Gegenwart und Vergangenheit, nicht nur rein auf die Musik bezogen, sondern auf das ganze Leben“. Dies geschieht in Interviews oder komplett eigenständigen Beiträgen „verschiedenster Leute“. Zu verdanken ist das ungewöhnliche Festival Hans Falb, dem „liebenswürdigen Chaoten mit Kalkül“, der sich stets in Beharrlichkeit und Starrköpfigkeit übt.
Vielfältig sind die Beiträge des Bandes geraten. Joe Mc Phee erzählt von einem seiner wichtigsten Einflüsse, dem fast vergessenen Trompeter Clifford Thornton. Hans Falb selbst hält die Erinnerung an James Carter wach, der erstmals 1983 in Nickelsdorf auftrat. Weitere Musiker wie Roscoe Mitchell, Paul Lovens, Joelle Leandre und Evan Parker, allesamt Konfrontationen-Kämpfer, kommen zu Wort. Georg Graewe geht in seinen Festival-Betrachtungen bis zu Bachs „Musikalischen Concerten oder Zusammenkünfften“ zurück und weist darauf hin, dass 250 Jahre später die zeitgenössische Musik wie die Konfrontationen aus den Kaffehäusern verschwunden sind. Vom schweren Stand der improvisierten Musik in Rumänien berichtet Mircea Streit, bevor abschliessend Alexandre Pierrepont tagebuchartig die AACM abhandelt.
Den Autoren des Buches blieb nicht viel Zeit, ihre Ideen textlich umzusetzen. So wirkt vieles unausgegoren und zusammengewürfelt. Trotzdem ist ein liebenswürdiger Rückblick auf eins der bemerkenswertesten Jazz-Festivals in Europa entstanden.


Peter Guralnick, Sweet Soul Music, Bosworth, Berlin 2008, 540 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-86543-321-3)
Die amerikanische Kritik war 1986 nach Erscheinen von „Sweet Soul Music“ voll des Lobes. „Das bisher beste Buch, das über schwarze Musik geschrieben wurde“, urteilte die „New York Times“. Nach 22 Jahren ist dieses exzellente Buch nun auf deutsch erschienen, was allerdings keine neue Euphorie auslösen dürfte. Trotzdem ist dieses Buch ein Glücksfall, da es kenntnisreich geschrieben, gut fundiert, hervorragend recherchiert und fesselnd erzählt ist. Und, was nicht unterschätzt werden darf: es ist glänzend übersetzt. Harriet Fricke trifft den Slang und fügt selbstredend zusätzliche eigene Erklärungen bei, die von Nutzen sind.
Nach Blues, Country wandte sich Peter Guralnick Mitte der achtziger Jahre dem Südstaaten-Soul zu, um die Lücke zu schliessen. Die „vom Gospel her kommende, emotionsgeladene Musik, die in der Welle des grossen Erfolgs von Ray Charles ab etwa 1954 entstand“, (S. 10) hatte ihn schon immer fasziniert. So bereiste er die Staaten und interviewte eigener Aussage nach mehr als 100 Menschen. Ergebnis ist eine packende, detailreiche Geschichte voller Anekdoten – zu voll mitunter.
Guralnick beginnt die Geschichte mit dem „Eindringen von Gospelelementen in die säkulare Welt des Rhythm´n´Blues“ (s. 34) Deutlich wird, wie von den Kanzeln herab gegen eine neu heraufziehende Musik gewettert wird, wie aus dem Gospelsänger Sam Cooke der erste Soul-Star wurde, wie der blinde Pianist Ray Charles die Rassenschranken ins Wanken brachte und wie James Brown gross wurde. Ausgehend von Aufstieg und Fall des legendären Labels Stax, dessen Sound aus einem Gemisch von Gospel, Country und Blues bestimmt wurde, wird der Werdegang von Otis Redding, Booker T. und Johnny Taylor erzählt. „Das Bermuda-Dreieck des Südstaaten-Souls“ mit Memphis, Macon und Muscle Shoals wird ebenso gewürdigt wie Aretha Franklin, Wilson Pickett und James Brown, denen eigene Kapitel gewidmet sind.
Peter Guralnick ist ein intimer Kenner und versierter Chronist, wie es keinen zweiten geben mag. So wie seine zweibändige Biografie von Elvis Presley 1999 zum Standardwerk wurde, ist dies auch mit „Sweet Soul Music“ passiert. – obwohl die Geschichte nicht gut ausgeht. Die die Bürgerrechtsbewegung flankierende Musik verlor mit dem Tod Martin Luther Kings 1968 an Bedeutung. Mit dem Zerfall von Stax ging zudem eine Ära zu Ende. Geblieben ist der Rassismus weisser Studios und Labels, wovon der Autor wenig wissen will.


Reclams Jazzlexikon, herausgegeben von Wolf Kampmann, Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2009, 695 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-15-010731-7)

Sechs Jahre sind vergangen, seit Reclams Jazzlexikon in der Nachfolge des alten Jazzführers erstmals erschienen ist. Die zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage liess auf Aufnahme gerade von Musikern der jüngeren Generation hoffen. Doch daraus wurde nichts, wie überhaupt bei genauerem Hinsehen die Änderungen sich in engen Grenzen halten. Eine Aktualiserung sieht anders aus. Auch auf ein neues Vorwort wurde verzichtet.
Für Herausgeber Wolf Kampmann ist Jazz, wie er im Vorwort betont, nichts anderes als ein „Sammelbegriff für musikalische Offenheit“. So verwundert es nicht, wenn Bands wie Grateful Dead, Soft Machine oder Sonic Youth vorkommen und Jimi Hendrix zum ersten wichtigen Gitarristen des Electric Jazz erklärt wird. Freilich gesteht Kampmann ein, dass die Auswahl der Musiker „nicht unproblematisch“ war und bekennt sich ungeniert zu einer gewissen Willkür.
Reclams Jazzlexikon bezieht sich zwar dankend auf den im gleichen Verlag 1970 erschienenen „Jazzführer“, der im Jahr 2000 letztmals aktualisiert wurde, doch unterscheidet es sich von diesem grundlegend. „Angesichts gewandelter Produktions- und Hörgewohnheiten“, heißt es, werden die Akzente anders gesetzt. Die Musikerbiografien – 2000 an der Zahl stehen im Mittelpunkt, 300 mehr als beim Jazzführer – sind mehr Wirkungs- als Lebensgeschichte, was durchaus vertretbar ist, da es um die Relevanz der Musik heute geht. Das Abklappern biografischer Stationen hat im alten Reclam den Blick auf das Wesentliche verstellt. Jetzt werden die einzelnen Musiker zunächst in ihrer Stilistik beschrieben, ehe nach ihrer Wirkung und ihren Einflüssen gefragt wird. Hinweise auf wichtige Aufnahmen finden sich im Text, so dass sich zusätzliche diskografische Angaben erübrigen.
Wenn schon „ein besonderes Augenmerk auf die deutsche Szene“ gerichtet ist, überrascht das Fehlen so wichtiger Musiker wie Jochen Rückert, Pablo Held, Robert Landfermann und die Wasserfuhr-Brüder, um nur ein paar Namen zu nennen. Zu verstehen ist auch nicht, wenn Nik Bärtsch, Bojan Z., Dhafer Youssef oder Leszek Zadlo neu aufgenommen werden, nicht jedoch Gilad Atzmon und andere, deren Namen beliebig erweitert werden können, um die Crux eines jeden Lexikons zu verdeutlichen. Die 500 Sachartikel auf rund hundert Seiten – kompetent verfasst von Ekkehard Jost – runden das Jazzlexikon ab. Insgesamt ein brauchbares Nachschlagewerk, das seinen legendären Vorgänger schlägt. Den altehrwürdigen Jazzführer legt man zugunsten dieses Jazzlexikons gern zur Seite. Schade nur, dass der Hardcover-Einband weichen musste zugunsten eines flexibleren, mithin bei wiederholtem Nachschlagen anfälligeren Paperbacks. Nur so ist wohl der gleiche Preis zu erklären.


Roads of Jazz von Peter Bölke und Rolf Enoch, Edel „Ear Books“, Hamburg 2009, 156 Seiten (ISBN 978-3940004-31-4)
Noch eine Geschichte des Jazz, aber diesmal mit vielen Bildern. In sechs Kapiteln führen die „Roads of Jazz“ in die „unendliche Geschichte“ ein, von New Orleans bis Europa. Die Strassen des Jazz, heisst es einleitend, „begannen in New Orleans, dann führten sie zu neuen Zentren im Norden und an der Westküste“. „Sie verbinden mit den Namen grosser Musiker und sind geprägt von den Lebensumständen der Zeit.“ Diese Lebensumstände werden ebenso kursorisch gestreift wie die Musikerbiografien skizziert werden. In die Tiefe gehen die (zweisprachigen) Texte nicht, sie kleben zu sehr an der Oberfläche. Das sattsam Bekannte wird von Peter Bölke nochmals erzählt. Faszinierend sind die Bilder, die mit legendären Strassen wie Basin Street, Canal Street oder Lenox Avenue bekannt machen, die atmosphärischen Fotos von San Francisco, Los Angeles, Berlin, London, Paris. Auch die seltenen Platten-Cover vergangener Tage und die teils ganzseitigen Musikerfotos haben ihren Reiz. Und: den einzelnen Kapiteln zugeordnet, die den klassischen Jazz, Swing, Bebop, Cool und Europa vorstellen, ist jeweils eine beigelegte CD mit mehr oder weniger typischen Stücken, die Rolf Enoch zusammengestellt hat, gewidmet. Die „Roads of Jazz“ sind ein weiterer Band der Reihe „Ear Books“, die bisher mit verschiedenen preiswerten Foto-Bänden hervorgetreten sind, auch im Jazz.


Tobias Lehmkuhl, Coolness. Über Miles Davis, Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin 2009, 168 Seiten, 16,90 Euro (ISBN 978-3-8077-1048-8)
Wenn auch Miles Davis die Cool-Pose nicht erfunden hat, so war er doch massgeblich an ihrer Weiterentwicklung beteiligt. Nicht nur, dass der Trompeter 1954 die „Birth of the Cool“ einleitete, sein Spiel und sein Stil wurden von da an mit eben jenem Mode gewordenen Wort assoziiert. Was es genau damit auf sich hat, untersucht Tobias Lehmkuhl in seiner Studie „Coolness“, deren Titel gleich noch den Namen des schwarzen Prinzen ziert.
Was „cool“ genau ist, wird seitenlang erklärt, ausgeführt, definiert. Dass es um eine Überlebensstrategie geht, die keineswegs mit Gefühlskälte verwechselt werden darf, ist wohl des Autors wichtigste Erkenntnis. Gleichwohl hat der Begriff einen Bedeutungswandel erfahren. Er ist freilich mit keinem anderen Musiker so stringent in Verbindung zu bringen wie mit Miles. Nicht nur, dass er mit besagter „Birth of the Cool“ einer ganzen Epoche einen Namen gegeben hat, sein Stil ist es, der erst im Spannungsverhältnis von Stärke und Schwäche, von Hitze und Kälte, Zärtlichkeit und Strenge entsteht. „Seine Trompete kann klingen wie geeist“, heisst es auf Seite 12, „sein Ton klar und fest, frei von Vibrato, mitunter scharf und durchdringend, scheinbar unangreifbar. Zugleich aber spielt er die zartesten Melodien, bläst Balladen so rein und schlicht, als wäre Musik gerade erst erfunden worden. …. Seine Musik ist ein Balanceakt, in ihr wird das richtige Verhältnis von Hitze und Kälte ständig neu austariert“.
Weitere Charakteristika bringt Lehmkuhl mit dem einflusssreichsten Musiker der Jazzgeschichte in Verbindung. Sein Blick für „komplexe musikalische Zusammenhänge“, seinen „festen Willen zur Veränderung“, stets „ohne Rücksicht auf Verluste“ sowie die Fähigkeit, „nervös und wachsam wie ein Boxer“ zu sein. Doch im Jahr 1973 hat Miles Davis die Kontrolle verloren und damit die Coolness. Wenig später war auch „der alte Schwung dahin“. Weitestgehend endet Lehmkuhls Studie hier. Sorgte bislang die interessante Verbindung zwischen dem schillernden Begriff und der schillernden Figur für Furore (und unterhaltsame Lesefreude), so bringt das Folgende nichts Neues. Es sind die bekannten Stationen biografischer und musikalischer Entwicklung. Miles´ Karriere ist „ständiges Oszillieren: ein Pendeln zwischen Schlaffheit und Anspannung, zwischen Nachlässigkeit und Perfektion, Angriff und Verteidigung. Coolness eben“.


Wegweiser Jazz 2009/2010 – Das Adressbuch zum Jazz in Deutschland, herausgegeben vom Jazzinstitut Darmstadt, Darmstadt 2009, 416 Seiten, 19,80 Euro (zu beziehen über 06151/963700 oder www.wegweiserjazz.de)

Nach zwei Jahren hat das Darmstädter Jazzinstitut seinen „Wegweiser Jazz“ auf den neuesten Stand gebracht. Was nicht ganz korrekt ist, denn die aktuellen Daten und Neuerungen sind selbstredend stets im Internet abzurufen. „Das Adressbuch zum Jazz in Deutschland“, wie es im Untertitel heisst, strotzt in seiner sechsten Auflage mit erheblicherem Umfang und zuverlässigen Daten wie gewohnt. Stolz wird auch die erste gänzlich in einer Datenbank erfasste Ausgabe veröffentlicht, was mit viel Arbeit verbunden war und deswegen das Erscheinen verzögerte. Warum der Wegweiser überhaupt noch in Buchform erschienen ist, sagen die drei Herausgeber klipp und klar: „weil er schneller aufzuschlagen ist als man einen Computer hochfahren kann, weil einem beim Blättern immer noch Quergedanken in den Sinn kommen, die beim gezielten Suchen nicht entstehen.“ Darüberhinaus will der Wegweiser nicht nur praktisches Nachschlagewerk sein, sondern Dokumentation einer lebendigen Jazz-Szene. Er wendet sich an alle, die mit Jazz zu tun haben, an den Fan ebenso wie den professionellen Begleiter und Musiker.
Eine gelungene Dokumentation ist der Wegweiser, wie sich gleich beim ersten Blättern herausstellt, auf alle Fälle. Adressen von Plattenfirmen, Jazz-Zeitschriften, Agenturen, Jazz-Redaktionen, Kulturämtern und Ausbildungseinrichtungen springen den Leser an. Nirgendwo sind Spielorte, Szenen und überhaupt die Situation des Jazz in Deutschland besser erfasst, ist die Übersicht umfassender. Nicht nur Zahlen und Daten sind es, die den Blick auf die Szene schärfen. Auch grundlegende Beiträge wie das Editorial „ Zur aktuellen Situation des Jazz in Deutschland“, „Clubs und Festivals“ oder über die GEMA regen zum Nachdenken an. Neu sind die Städte-Porträts, die dem Jazz-Reisenden Orientierung bieten. Bei einer Auswahl weiterer Texte ist auch das Goethe-Institut beteiligt. Insgesamt bietet der „Wegweiser Jazz“, der erstmals zweisprachig erschienen ist, allerhand Material, das mehr als nützlich ist. Diese aktuelle Bestandsaufnahme der deutschen Jazz-Szene ist einmal mehr unerlässlich.

11.12.09 23:32

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