Reiner Kobes Jazz News

Jazz - Neuheiten Juli 2009 - CDs und Bücher

CDs


Andy Sheppard “Movements In Colour”

Andy Sheppard,ss/ts – John Parricelli, g – Eivind Aarset,g – Arild Andersen, b – Kuljit Bhamra,table/perc (ECM 2062)

Nach einem Dutzend Alben als Sideman legt Andy Sheppard endlich sein Debüt als Leader auf ECM vor. Der britische Saxofonist mit internationalem Renommee hat sich mit fähigen Instrumentalisten umgeben, die für exotische Töne und weite Elektronikflächen sorgen. Der indische Tabla-Virtuose Kuljit Bhamra und der norwegische Bassist Arild Andersen bieten den groovigen Untergrund für das karibische Flair des Gitarristen John Parricelli, Sheppards langjährigem Duo-Partner, und die elektronischen, sphärischen Sounds des zweiten Gitarristen Eivind Aarset. Über all dem thront Sheppards warmer, melodischer Ton, den man sich nach und nach etwas ruppiger gewünscht hätte. Doch der Saxofonist, der alle sieben Stücke komponiert hat, entpuppt sich keineswegs als Experimentator – das passende personal hätte er dafür gehabt - , der Grenzüberschreitungen begeht oder Verbindungen zu anderen Kulturen sucht. Er pflegt den Wohlklang, die klare, einfache Melodie, sowie durchsichtige Harmonik und Rhythmik.




Angelika Niescier, Sublim III, Enja 9533/Edel

Die Sicherheit und Phantasie, mit der Angelika Niescier Sublim durch die Klippen des modernen Jazz steuert, ist erfrischend, faszinierend und wohltuend. Ihr seit 2000 bestehendes Quartett, dessen kreatives Potenzial unerschöpflich scheint, hat die Saxofonistin neu mit dem Pianisten Florian Weber besetzt. Dieser fügt sich glänzend ein in die Vielseitigkeit und Spielfreude der Band. Die „Coltrane-Geschädigte“, wie sich Niescier zuweilen kokettierend selber nennt, ist in ihren Kompositionen und Improvisationen überaus eigenständig. Sie verschmilzt unterschiedliche Einflüsse aus einem halben Jahrhundert Jazzgeschichte zu vitaler Musik, in der sich komplexe Staccato-Themen mit lyrischen Stimmungen vermischen. Gastmusiker Mehdi Haddab bringt auf der Oud orientalische Stimmung mit. So werden Niesciers expressive Spitzen immer wieder mit überraschenden Farben konfrontiert. Sublim III ragt heraus, muss unbedingt gehört werden.




Anthony Braxton, The complete Arista Recordings, Mosaic 242

Die neun Alben, die Anthony Braxton zwischen 1974 und 1980 für das Label Arista eingespielt hat, zählen nicht nur zu Höhepunkten im Schaffen des Reeds-Spielers und Komponisten Anthony Braxton. Sie sind, jetzt glänzend vollständig ediert in einer Mosaic-Box von acht CD´s, unbestrittene Meilensteine der improvisierten Musik, um die der Hörer des avancierten Jazz nicht herum kommt.

Nach Auflösung des spektakulären Quartetts Circle 1971 kehrte Anthony Braxton Amerika den Rücken. Erst ein Brief des Arista-Chefs Steve Backer brachte ihn in die Staaten zurück, nach New York. Dort traf sich Braxton wieder mit den alten Rhythmus-Gefährten Dave Holland (b) und Barry Altschul (dr), um die herum er diverse Besetzungen zusammenstellte. Die beiden tauchen sowohl in Combo-Besetzungen wie Bigbands und anderen Großformationen auf. Bei letzteren ist neben Altschul der unvergessene Philip Wilson als Perkussionist zu hören. Braxton lehnte es ab, weiter im Quartett tätig zu sein, was Backer am liebsten gewesen wäre. Ihm ging es darum, Neues auszuprobieren wie z. B. mit dem radikalen, kammermusikalisch orientierten Trio, bei dem Braxton, Henry Threadgill und Douglas Ewart je neun verschiedene Instrumente bedienen mussten. Dieses Manifest des Multiinstrumentalismus war eine Verbeugung vor der AACM in Chicago, der Braxton angehörte. Der Saxofonist feilte weiter an geschlossenen und offenen Klangkomplexen, die sich in diversen Stimmungen, monotonen Sounds oder langen Geräuschpassagen offenbarten. Sein kreatives Schaffen gipfelte in einem seiner gewaltigsten Projekte von 1977. Das zweistündige Werk für 40 Musiker, dessen Partitur 303 großformatige Seiten umfasste, steht in seiner kompletten Notierung der europäischen Kunstmusik eines Stockhausen oder Webern näher als der amerikanischen Jazztradition. . Das op. 82 bildet auf zwei CD´s den krönenden Abschluss dieser exzellenten Edition.




Dexter Gordon, Best of BN, Blue Note/Emi

Mit voluminösem Ton und unverkennbarem Vibrato ist Dexter Gordon in die Geschichte eingegangen. Nach massiven Drogenproblemen und Gefängnisaufenthalt feierte der große, stilbildende Saxofonist Anfang der sechziger Jahre ein packendes Comeback. Dies spiegelt sich in seinen famosen Aufnahmen wider, die er von 1961 bis 1965 für Blue Note machte. Zum Label-Jubiläum in diesem Jahr ist jetzt ein Dreier-CD-Pack mit einer Auswahl besagter Aufnahmen erschienen, mehr oder weniger repräsentativ. Sie sind freilich nur ein kleines Trostpflaster für all diejenigen, die die längst vergriffene brillante Deluxe- Box von 6 CD´s mit den kompletten Blue-Note-Aufnahmen Gordons, erschienen 1997, nicht besitzen. Mit dem beginnenden Hardbop 1960 spielte sich der Saxofonist endgültig in die Herzen der Fans und in die erste Liga. Er nahm seine erstmals seit 1947 wieder regelmäßige Aufnahme-tätigkeit wieder auf. Unterstützt von ausgezeichneten Sidemen, darunter Kenny Drew, Paul Chambers, Philly Joe Jones, Sonny Clark, Billy Higgins, Bobby Hutcherson, Freddie Hubbard und anderen, wurde Dexter Gordon selber zum Klassiker des Hardbop. Coleman Hawkins und Leser Young hatte er auf einen Nenner gebracht. Insgesamt sieben LP´s waren das beachtliche Ergebnis der vierjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit mit Blue Note, von „Doin´ allright“ über die meist gerühmte Platte „Go“ und „Our man in Paris“ bis zu „A swingin´ affair“ (um ein paar Titel zu nennen). Das Foto, das sich über eine Doppelseite des dürftigen Booklets erstreckt, dürfte eher dem von Roland Kirk entsprechen. Baskenmütze und mehrere Saxofone gleichzeitig im Mund, waren sein Markenzeichen. Der Name des Fotografen wird nicht genannt, so dass keine Rückschlüsse zu ziehen sind.






Efrat Alony „Dismantling Dreams“

Efrat Alony,voc – Mark Reinke,p,el,keyb – Christian Tome,dr,elö – Kajkaj string quartet (Enja 9523)

Auf ihrer vierten CD singt Efrat Alony kammermusikalische Popsong-Miniaturen mit wandlungsfähiger Stimme. Die in Berlin lebende israelische Sängerin komponiert Stücke, die sie mit ihrem Trio und einem Streichquintett interpretiert. Gesanglich hält sie sich zurück, legt mehr Wert auf Sounds, Stimmungen und Atmosphäre. Mit Jazz hat das alles allerdings wenig zu tun, dafür offenbaren sich überraschende Details. Alonys Stimme, die nie Instrumente zu imitieren vorgibt, fügt sich glänzend ein in den Streicherklang. Er wird durch rhythmisch eingesetzte Pizzicati gelegentlich aufgebrochen, ansonsten herrscht Melancholie vor. Wer gerne neue stimmliche Facetten entdeckt, ist mit dieser CD bestens bedient – egal, wie sie´s mit den Träumen hält.



European Jazz Ensemble 30th anniversary Tour 2006, Konnex 5225

Nun ist er endlich das, der Live-Mitschnitt der Anniversary Tour 2006 des European Jazz Ensemble. Was in den Konzerten sich an Brillanz, Spielfreude, Virulenz und überhaupt an Geschlossenheit der Gruppe offenbarte, ist jetzt festgehalten auf einem höchst lebendigen Mitschnitt aus drei Konzerten in Karlsruhe, Amsterdam und Heek (Auf der CD sind die Orte leider nicht vermerkt). Schade nur, dass Joachim Kühns Stück mit seinem mediterranen Flair und seinem expressiven Ausbruch nicht vertreten ist, was minderer technischer Aufnahmequalität geschuldet ist. Es ist nicht nur Haurands erlesenes Bass-Spiel von ersonnener Feinheit und sicherer Rhythmik, das mit ostinaten Figuren Fundamente legt für das ausgefuchste Flöten-Solo von Jiri Stivin, den samtweichen Sound von Pino Minafras Flügelhorn oder Conny Bauers Posaunen-Ausflüge. Es sind insgesamt die grundverschiedenen Kompositionen, die einzelne Mitglieder des 15-köpfigen Klangkörpers den Kollegen auf den Leib geschrieben und so das Kollektiv geformt haben. Das Great American Songbook blieb außen vor, es herrschte europäisches Flair. Am Anfang unterstreicht Charlie Mariano, der seit Jahren auf dem alten Kontinent lebt und als elder statesman gilt, seine Bedeutung für den europäischen Jazz mit einem sich ins Expressive steigernden Solo. Im Duo mit dem Pianisten Rob van den Broeck glänzt er später erneut. An Glanzpunkten hatte das Ensemble einige aufzuweisen. Zu erwähnen wären noch der hoffnungsvolle, junge und damals unbekannte Trompeter Matthias Schriefl, der kurzfristig engagiert wurde, der erfahrene Manfred Schoof, der gewitzte Conny Bauer, die Saxofonisten Stan Sulzman, Alan Skidmore und Gerd Dudek sowie die beiden Schlagzeuger Tony Levin und Daniel Humair. Sie alle tragen nicht unerheblich zum Gelingen dieses einmaligen Band-Projektes bei. Das European Jazz Ensemble ist nach drei Jahrzehnten lebendiger und beständiger denn je. Warum die Besetzung der Band sich immer wiederholt auf dem Cover und aufgrund giftgrüner Farbe schwer lesbar ist, bleibt Geheimnis des Berliner Labels. Ebenso stimmt die Anzahl der Stücke nicht, wundersamerweise aber die Zeitangaben, sofern man selber zusammenrechnet.



European- TV-Brass-Trio, Wunschklang, Yolk Records 2042/NRW Vertrieb

Wenn strenge Kompositionen, freie Improvisationen und ein Hauch von Anarchie aufeinanderprallen, sind Matthias Schriefl (tp), Daniel Casimir (tb) und Francois Thuillier (tu) nicht weit. Die drei komponierenden Blechbläser haben sich zum European-TV-Bras-Trio zusammengeschlossen und hauen auf ihrer Debüt-CD mächtig auf die Pauke (und das ohne große Perkussionsinstrumente, kleinere sind vorhanden). Ihre Stücke wecken mancherlei Assoziationen. Swing, Avantgarde und Unterhaltungsmusik werden keck und gekonnt gegen den Strich gebürstet.

Dabei blühen die Blechblasinstrumente mit Kesselmundstück (Brass!) allseits auf. Aus den meist einleitenden Unisonopassagen flüchten die drei Instrumentalisten alsbald, um jeder für sich solistisch zu brillieren. Schriefls aufblitzender, spitzer Trompetenton besitzt so viel Strahlkraft, um das Trio rhythmisch und melodisch auf Vordermann zu bringen. Dabei produziert er eine Unzahl schmutziger Töne, die die Nähe zu Blues und New-Orleans-Jazz erkennen lassen. Er greift aber immer wieder in die populäre Trickkiste, bläst diese oder jene Melodie an, auch zahlreiche Zitate dringen durch. Unvermittelt gerät Vorbild Don Cherry in den Blick. Kraftvolle Staccato-Läufe und lyrische Melodien sind für den jungen Trompeter, der auch gern in Lederhosen auftritt, kein Widerspruch. Im Gegenteil inspirieren sie die Mitspieler zu ungeahnten Höhenflügen. So verlässt Francois Thuillier immer wieder seine basslastigen Linien, die rhythmische Fundamente markieren, um in luftige Höhen vorzustoßen. Dann beginnt die ungelenke Tuba zu tanzen. Die Posaune, die Daniel Casimir mitunter dreistimmig spielt, vermag allemal mitzuhalten. Das European-TV-Brass-Trio ist eine Klasse für sich. Es wirft einen augenzwinkernden Blick hinter die Kulissen der Musik und unterhält dabei bestens.

Warum nun unbedingt seine Stücke recyclet werden müssen – die CD enthält zusätzlich vier Remixe von Steve Arguelles – ist nicht einsichtig.




Helmut Eisel + JEM „Clarinet Colours“

Helmut Eisel,cl – Michael Marx,g – Stefan Engelmann,b (Neuklang 4030/Musicora)

Ob man hier von Jazz, Klezmer oder Klassik spricht, ist unerheblich. Mit ungeheurer Wucht und Dynamik rast JEM durch die Genres. Das seit zwei Jahrzehnten bestehende Trio des deutschen Klarinettisten Helmut Eisel, hierzulande leider kaum bekannt, ist Spitze. „Es gibt keine vergleichbare Gruppe, die Innovation, Tradition und Können so zauberhaft in sich vereint“, lässt uns die Plattenfirma anlässlich der neuen CD wissen. Tatsächlich ist Helmut Eisel Weltklasse. Sein Klarinettenspiel ist stilistisch angesiedelt zwischen Benny Goodman und Giora Feidman, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Experimentierlust. Die multiphone Klarinette, die sich auf pulsierenden Klangteppichen von Gitarre und Bass austobt, erzählt, lacht, schreit, schwelgt, trauert und ist allseits nah an der menschlichen Stimme. Damit hat diese Musik bei aller stupender Technik, die nie Selbstzweck wird, etwas Anrührendes, Bewegendes – Menschliches eben. Fiktive Geschichten verschmelzen mit realen, eine bunte Märchenwelt entsteht und fesselt.



Jacques Loussier plays Bach – The 50th Anniversary Recording, Telarc 83693/Inakustik

Vor einem halben Jahrhundert genau wurde erstmals über Jazz und Barock nachgedacht, deren Bezüge und Verbindungen. Ausgelöst hatte die Debatte Jacques Loussier. Der französische Pianist entzückte mit „Play Bach“ die Jazzfans und verstörte die Klassik-Gemeinde. Bach und Jazz war das Thema, das nebenbei erste Markierungszeichen eines europäisch geprägten Jazz setzte. Nach zwanzig Jahren hatte sich das Konzept von „Play Bach“ aber abgenutzt, das Trio wurde aufgelöst. Wer nun geglaubt hat, zum Jubiläum werden diese alten Aufnahmen wieder veröffentlicht (dies geschah bereits vor wenigen Jahren), wird überrascht mit dem Loussier Trio, das 1985 zum Bach-Jahr neu formiert wurde. Nicht mehr ganz so streng wurde nun musiziert. Das Ganze klang geschlossener, vielleicht weniger akademisch unterkühlt. Andre Arpinos flotte Rhythmen wurden mit Kanten und Ecken versehen, Loussiers zackige Akkorde der erdigen Verwurzelung des Bassisten Vincent Charbonnier zugeführt. „Play Bach“ entstand in aufgefrischtem Gewand nicht zuletzt deswegen, weil die beiden Partner über vielfältige musikalische Erfahrungen verfügten. Loussier selbst wartete mit zaghaften Rockrhythmen und karibischen Nuancen auf. Am Prinzip, dies belegen die eben veröffentlichten Aufnahmen von 1991, hatte sich nichts verändert: mehr oder weniger eingängige Melodien werden jazzig phrasiert, mit ein paar Synkopen und mit einer rhythmischen Begleitung versehen. Wenn auch die Originale Bachs klar erkennbar sind, so leisten sich die Instrumentalisten Freiräume. Gelegentlich sind auch Kompositionen Ausgangsmaterial eigener improvisatorischer Erkundungen. Der „Geist des größten Genies in der Geschichte der klassischen Musik“, wie es 1959 hieß, wird in ein neues Licht gerückt. Pulsierende Rhythmen und perlende Läufe, mit viel Swing versehen, sind das Markenzeichen von „Play Bach“. Sie machen aus dem demnächst 75 werdenden Pianisten einen Pionier des Crossover zwischen Klassik und Jazz.



Joe Morris Bass Quartet, High Definition, Hatology 670/Harmonia Mundi

Das Joe Morris Quartet besteht keineswegs, wie man hätte vermuten können, aus vier Bassisten. Es ist ein pianoloses Quartett alter Schule. Trompeter Taylor Ho Bynum und Saxofonist Allan Chase legen ihre freien Chorusse auf das rhythmische Geflecht, das Schlagzeuger Luther Gray und Bassist Joe Morris stricken. Alle vier Musiker haben Erfahrungen mit freien Spielweisen, was diesen durchaus auf traditionellen Strukturen fußenden Aufnahmen bekommt, sie vom Gängigen abhebt. Die acht Morris-Stücke sind von fließender Eleganz, die vom kratzenden Trompetenton und quengelnden Saxofonton gelegentlich hinterfragt wird. Im Ausbalancieren von Freiheit und Groove überzeugt dieses Quartett. Es besticht insgesamt, wie es in den liner notes heißt, durch „ausgeprägtes Gefühl für rhythmische und melodische Artikulation; die ungezügelte Energie und konzentrierte Entschlossenheit in seiner Phrasierung.




Les Diaboliques „Jubilee Concert“

Irene Schweizer,p – Maggie Nicols,voc – Joelle Leandre,b (Intakt-DVD 141)

In den liner notes der ersten DVD von „Les Diaboliques“ bringt es Irene Schweizer auf den Punkt: der dokumentierte Live-Mitschnitt zum 20-jährigen Bestehen des Intakt-Labels und des furiosen Trios ist „ein musikalisch spontan improvisiertes , abstraktes Theaterstück mit dramatischen, skurrilen und ausgeflippten Passagen – ein Seh- und Hörvergnügen der besonderen Art“. Tatsächlich sind die Improvisationen der drei „nice old ladies“ einzigartig. Kommunikation und Interaktion werden groß geschrieben. Maggie Nicols Vokalartistik impliziert höchste Soprantöne, Obertongesang, Scat und allerhand Laute bis hin zu Geräuschen aller Art. Dazu lässt sich Joelle Leandre am Bass etwas einfallen. Erdige Glissandi und perkussive Bogen-Striche produzieren allseits dunkle Klangwolken, die mitunter durch eigene hohe Gesänge übertönt werden. Irene Schweizer gibt ihren pianistischen Segen mit präzis gesetzten Clustern und Kaskaden, die nie ausufern. Die Kamera beobachtet das musikalische Geschehen unspektakulär und verliert sich glücklicherweise nicht in Großaufnahmen. Hier ist ein glänzend aufgelegtes Trio, das lässig über die Grenzen und Konventionen des Jazz hinwegfegt. Bravo!



Magma, Studio Zünd, Le Chant du Monde/Harmonia Mundi

Zum 40-jährigen Bestehen der französischen Kultgruppe Magma ist eine prachtvolle Box mit 12 CD´s erschienen. Sie enthält alle zehn Original-Alben sowie ein speziell zusammengestellte „Archiv“-Doppel-CD mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen. Dem Hörer erschließt sich ein besonderer Kosmos aus Klängen, Gesängen, Tönen und Rhythmen, die mit Jazz-Rock oder Art Rock nur schwer zu umschreiben sind.

Magma hat sich von Anfang an in einen mystischen Mantel gehüllt. 1969 nach dem Vorbild der britischen Soft Machine gegründet, brachte Christian Vander, Sohn eines nach Frankreich eingewanderten polnisch-baltischen Zigeuner-Geigers, Gegensätzliches miteinander in Einklang. Der Schlagzeuger, ein Bewunderer John Coltranes, der nach dessen Tod 1967 19-jährig ans eigene Sterben dachte, montierte und kombinierte Harmonie- und Rhythmusakzentuierungen seines großen Vorbilds mit Voodoo-Rhythmen, Opern-Vokalisen, satten Bläsersätzen, gängigen Gitarrenriffs, Blues-Versatzstücken und Folklore-Proben, insgesamt eine „bizarr-eklektizistische Spielweise“, wie das „Rock-Lexikon“ urteilte. Das Ganze wird von Vanders Drive und Dynamik getragen, der einzigen Konstante der Band, die mehr als drei Dutzend Besetzungswechsel überstanden hat, 1980 bis 1984 eine Zwangspause einlegte und in den neunziger Jahren wieder live in Erscheinung trat.

Magma-Alben, klärt die Plattenfirma „Chant du Monde“ auf, „tragen kryptische Titel wie ´Mekanik Destruktiw Kömmandöh´, auf denen sich wiederum Songs finden, die nicht minder geheimnisvoll anmuten. In der eigens erfundenen Kunstsprache Kobaianisch erzählte die Gruppe von einer Jahrhunderte entfernten Zukunft, in der die Zivilisation sich ins absolute Chaos manövriert hat. Eine Gruppe von erleuchteten Erdenbürgern auf der Suche nach einem spirituellen Dasein hat ihren Weg in den Weltraum gefunden und beginnt auf dem fernen Planten Kobaia ein neues, besseres Leben“.



Magog, Live at the Montreux Jazz Festival 1973, TCB 01232/Sunny Moon

Warum es so lange gedauert hat, bis der sensationelle Montreux-Auftritt der Schweizer Gruppe Magog von 1973 endlich auf CD erscheint, bleibt ein Geheimnis. Das Sextett, das seinen Namen von einem barbarischen Volk des Alten Testaments bezog, war fast bis Ende der siebziger Jahre allgegenwärtig. „So viel Freiheit wie möglich, so viel Struktur wie nötig“, lautete das Motto der aus dem seit 1964 beim Rundfunk ansässigen Jazz Live Trios (Klaus Koenig,p/ Peter Frei,b/ Peter Schmidlin,dr) hervorgegangenen Formation. Das Erbe des Hardbop galt es zu bewahren und mit neuem Sinn zu füllen, der ausgehende Free Jazz war zu reflektieren ohne in grenzenlose Freiheit der Postmoderne zu verfallen, schließlich war die Popularmusik aus Pop und Rock aufzugreifen ohne dem Populismus zu frönen. Eine Synthese aus diesen Essentials strebte Magog an, wie Pianist und Komponist Klaus Koenig jetzt rückblickend in den liner notes der CD schreibt. Sie enthält den kompletten einstündigen Live-Mitschnitt aus Montreux – erstmals auch die Zugabe „Calypso“, die auf der alten LP nicht enthalten war. Auch nach über dreieinhalb Jahrzehnten wirkt dieser Auftritt frisch und vital, nie überholt oder langweilig. Allenfalls die Fender-Sentenzen haben etwas Abgestandenes. Ansonsten dominiert die am freien Spiel orientierte Konzeption. Frei gestaltet sind die Solo-Partien, vor allem die dreistimmigen Kollektivimprovisation der Bläser begeistern (Hans Kennel,tp,fh/ Andy Scherrer,sax/ Paul Haag,tb) sowie die logisch erscheinenden Übergänge zwischen den fixierten, durchstrukturierten und den ungebundenen Passagen. Magog demonstrierte in den siebziger Jahren einleuchtend, wie es mit dem Jazz nach den Lähmungen und Impulsen durch den Free Jazz weitergeht. Zwischen 1972 und 1978 gab das Sextett unzählige Konzerte und veröffentlichte 2 LP´s. Die erste war das Montreux-Konzert.


Marc Sinan „Fasil“

Marc Sinan, g – Yelena Kuljic, voc – Julia Hülsmann,p – Lena Thies, viola – Marc Muellbauer,b – Heinrich Köbberling,dr (ECM 2076)

Genau so ambitioniert wie schwerfällig fällt das ECM-Debüt Marc Sinans aus. Der türkisch-deutsch-armenische Gitarrist, der von der Klassik kommt, hat sich das Leben Aishas vorgenommen, der Vertrauten des Propheten Mohammed. Wie soll man den Weg „von der unschuldigen Schönheit … zur weisen Mutter der Gläubigen“ musikalisch umsetzen? Sinan spielt eine zurückhaltende, visionäre Gitarre, Julia Hülsmann ein karges Klavier, der Gesang ist verhalten. Orientalische Strukturprinzipien werden ausgeleuchtet, auf eigene Weise wird ein Bogen zwischen Orient und Okzident geschlagen. Europäischer kammermusikalischer Jazz als Ergebnis insgesamt umhüllt die Texte. Sie bestehen aus Koran-Zitaten, persischen Gedichten sowie Überlieferungen über den Propheten. Mit diesem Zyklus (türkisch. Fasil) aus Liedern und instrumentalen Improvisationen hat Marc Sinan ein beachtliches Debüt geschaffen.




Miroslav Vitous Group „Remembering Weather Report“

Mirolav Vitous,b – Franco Ambrosetti,tp – Gary Campbell,ts – Gerald Cleaver,dr – Michel Portal,bcl (ECM 2073)

33 Jahre nach seinem Weggang von der Supergroup Weather Report, die er 1970 mit Wayne Shorter und Joe Zawinul ins Leben rief, erinnert sich Miroslav Vitous an alte Zeiten. In den liner notes seiner neuen CD sagt der Bassist, wie Weather Report hätte klingen müssen, bzw. wie ihre Musik weiterzuentwickeln wäre und macht sich an die Arbeit. Umgeben von glänzenden Musikern, darunter der Tessiner Trompeter Franco Ambrosetti, interpretiert Vitous die alten Stücke neu, will sagen ohne jegliche Elektrifizierung. Nicht mal funky klingt das Ganze, eine völlig neue Klangästhetik wird zelebriert. Im Grenzbereich von frei improvisierter und Neuer Musik, Swing und Kollektiv-Improvisation agiert das Quintett. Selbstredend steht der Bass dabei im Mittelpunkt, eine Rolle, die Vitous virtuos ausfüllt. Er zupft und streicht sein Instrument, ihm immer wieder andere Klangfarben abringend. Weather Report jedenfalls hat man so noch nie gehört.



Sun Ra Arkestra, Live at the Paradox,

In+Out 77098/Inakustik

Auch im 55. Jahr seines Bestehens und 15 Jahre nach dem Tod des legendären Bandleaders macht das Sun Ra Arkestra auf sich aufmerksam. Ein famoser Live-Mitschnitt vom vergangenen Jahr ist beredter Beleg dafür, dass diese Großformation nach wie vor voll auf der Höhe der Zeit ist. Nach scheinbar elektronisch beliebigem Beginn – Marshall Allen tobt sich auf seinem Electronic Valve Instrument aus, was den früheren Moog-Synthesizer vergessen lässt – findet das 14-köpfige Orchester schnell seinen gewohnten Rhythmus. Geballtes Powerplay und ausgefeilte Solistik machen sich breit. Die sprühenden Funken der inspirierenden, improvisatorischen Kraft Sun Ras, der im Grunde von einem anderen Planeten aus mitmischt, sind allgegenwärtig. Erstmals agiert auch wieder ein frei rhythmisiertes Klavier, das mit dem jungen Farid Barron glänzend besetzt ist. Überhaupt entfaltet die Rhythmusgruppe allseits ihre treibende Kraft. Marshall Allen, seit den fünfziger Jahren fester Bestandteil des Arkestra, hat es verstanden, Sun Ras Erbe zu bewahren. Mit ordnender Hand bringt der 85-Jährige immer wieder Ruhe ins kreative Spiel der Band, die dem Chaos nicht abhold scheint. Dabei glänzt Allen selbst mit messerscharfen Altsax-Attacken, die sich über die Bläser-Riffs der Kollegen legen. Auch mit schrillen Exzessen auf dem elektronischen Wind-Instrument ist er der prägende Solist, unorthodox auch im Alter. Mit überbordender Solistik, schierer Spielfreude und ausgelassenem Musikantentum werden die alten Schlachtrösser von „Dreams come true“, vom alten Weggefährten Charles Davis auf dem Tenor vorgetragen, bis „Hocus Pocus“ präsentiert. Präzise Interpretation und wohl kalkulierte Routine freilich gibt es nicht. Dafür ist ein einzigartiges Stilgemisch zwischen Swing-Behäbigkeit, rockigem Blues und freitonalen Eruptionen, stets solistisch zugespitzt, sinniges und sinnliches Ergebnis. Das Sun Ra Arkestra, spielfreudig, souverän und versiert von den Wurzeln des Jazz bis in die Spitzen der Avantgarde, zählt zu den schillerndsten Ensembles zwischen innovativen Ideen und traditionellem Bigband-Sound. Zweifel daran sind nicht angebracht.

BÜCHER


Giorgio Moroder/Alessandro Benedetti, Extraordinary Records, Taschen Verlag, Köln 2009, 432 Seiten, 29,99 Euro


Dass die alten Vinyl-Schallplatten schwarz sein müsssen, mit diesem Klischee und Vorurteil räumt ein opulent ausgestatteter Bildband auf. Er versammelt fast 500 Schallplatten, die in Farben und Formen anders sind. Sie sind gülden bis durchsichtig, mal bemalt, mal bedruckt, mal leuchten sie im Dunkeln. Sie kommen als Schmetterling, Baum, Herz oder Stern daher, verblüffend ist ihre Formenvielfalt. Diese Vinyls spiegeln die Individualität der Künstler wie Pink Floyd, Queen, die Beatles, Prince, Michael Jackson, Elvis Presley oder Bon Jovi wider. Welche Platte zu welchem Anlass passt und den richtigen Rausch verspricht, weiß einzig der Kenner.

Zu einem solchen kann werden, wer aufmerksam den Band „Extraordinary Records“ sich zu Gemüte führt und studiert. Er ist, wie Herausgeber Moroder im Vorwort schreibt, eine „Liebeserklärung an Vinyl in all seiner Vielfalt“. Die beiden Autoren Peter Bastine und Alessandro Benedetti sammeln seit 30 Jahren ungewöhnliche Schallplatten, mehr als 16 000 an der Zahl. Die schönsten und schrägsten präsentieren sie hier. So wird verständlich, warum das Vinyl wieder Auftrieb hat, während den Konzernen die Einnahmen aus CD-Verkäufen weg brechen. In Zeiten von Downloads und MP-3-Playern bekommen „Extraordinary Records“ eine besondere Bedeutung. Davon handelt der Prachtband.

Geoff Brown, Let´s get personal – Die James Brown Biografie

Bosworth Edition, Berlin 2008, 261 Seiten (ISBN 978-3-86543-364-0)

Er galt als “irrational, manipulativ, polarisierend, rachsüchtig, außerordentlich egozentrisch, pervers und nachdrücklich einschüchternd, mit einem Temperament, das sich in Türenknallen äußerte”. Mit dieser treffenden Charakteristik beginnt Geoff Brown seine Biografie von James Brown, einem der größten schwarzen Entertainer, schonungslos. Wenig später schon stellt der Autor dessen Verdienste heraus. James Brown prägte wie kein zweiter die westliche Popularmusik, er erfand den Funk-Stil. Mit dem Jazz hatte er es nicht so: „Ich muss jetzt dahin kommen, wie ich swingen kann“, formulierte er einmal.

Zwischen den Polen starker Ablehnung und tiefer Sympathie bewegt sich die 1998 erstmals erschienene und jetzt überarbeitete Biografie. Geoff Brown, mit dem Protagonisten weder verwandt noch verschwägert, hat das Buch, wie er einleitend bekennt, „aus einem alternativen Blickwinkel, von einem objektiven Standpunkt aus verfasst“. Er möchte den bisherigen „Halbwahrheiten, Selbstrechtfertigungen und Geschichtsumschreibung“, wie sie der Sänger selber in zwei Autobiografien in Umlauf brachte, etwas entgegensetzen. Dass einer der einflussreichsten afroamerikanischen Musiker mit Gefängnisstrafen und Körperverletzungen Schlagzeilen machte, wälzt der Autor nicht aus, was für ihn spricht. Vieles erwähnt er gar nicht. Stattdessen versucht er, den Brown-Songs auf die Spur zu kommen, deren Wesen zu erfassen ohne mit musikwissenschaftlichen Analysen zu langweilen. Stets werden auch Hintergründe und Entstehungszeit der Songs erläutert, was vielfach langatmig geraten ist. Da kommt dann doch zu kurz, dass sich James Brown ein Imperium aus Radio- und TV-Stationen, Musikverlagen, einer Plattenproduktion, einer Künstleragentur, einer Immobilienfirma und einer Restaurant-Kette aufbaute. Freilich nutzte er seine Popularität auch, um sich für Unterpriviligierte einzusetzen, die Notwendigkeit derer Ausbildung zu betonen. Scheinheiliger geriet Browns Kampf gegen Drogen.
Geoff Brown setzt dem King of Rock´n´Roll und Rhythm´n´Blues-Sänger Nummer 1 fachkundig und versiert ein Denkmal. Der angestrebte alternative Blickwinkel ist dabei begrenzt. Die „objektiveren Standpunkte“ schüren die Gerüchteküche immerhin nicht weiter und schieben der Legendenbildung einen Riegel vor.



Jürg Laederach, Depeschen nach Mailland, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009, 187 Seiten (ISBN 978-3-518-42059-1)

Dass ein Schriftsteller locker über Jazz plaudert, kommt nicht alle Tage vor. Noch weniger, dass dies auch noch schriftlich fixiert wird und so der Nachwelt erhalten bleibt. Der Ursprung: im Februar 2002 lud das Schweizer Radio DRS Jürg Laederach zu einem Gespräch über Jazz ein. Ausgehend von dieser Begegnung im Studio entwickelte sich ein intensiver E-Mail-Diskurs mit dem Radakteur Michael Mettler, zunächst über Musik, dann über alltägliche Dinge. Teile dieser Mails sind jetzt als „Depeschen nach Mailland“ veröffentlicht worden.

Diese Mails sind witzig, ironisch, bissig, weltfremd, beiläufig und bedeutungsvoll. Hunderte künden von der Sprachkraft des Basler Schriftstellers. Er liefert ein Lehrstück über die Liebe zum Jazz und zum unbedingten Sammeln. Er hat sich, wie er berichtet, eine Countryside-Platte von John Patitucci gekauft und erinnert sich an 1968, als man „Dorham/Henderson oder Dolphy oder extravaganten Coltrane haben“ musste, denn „man gehörte sonst einfach nicht dazu“. Der leidenschaftliche Sammler „kann auch warten bis Teures billiger wird“ wie zum Beispiel die „30 Japan-Blue-Note zum Ramschpreis“, die er auf einem Flohmarkt erstanden hat. Seine Sammlung, erfährt der Leser, „ist nicht ´All of All ´, nur von denen, die mich interessieren“. „Monks Brillant Corners darf ich nicht in der Sammlung haben – wo immer ich es kaufe, ich verliere es sofort, geschah schon fünfmal mindestens“. Dann fallen Namen wie Toscanini, Schubert und Mozart. Die „All-Time-Meisterwerke“ entstammen Svjatoslav Richter und Vladimir Horowitz. Beim Jazz herrscht merkwürdige Fehlanzeige. „Voraussetzung genussreichen Jazzhörens“, verrät Laederach, ist Mozarts Requiem. Dies nimmt der Leser ebenso erstaunt zur Kenntnis wie die Aussage: „Jazzästhetik ist ein raschlebiges Gut, das man eben vom Kleiderbügel löst und wieder dorthin hängt nach Gebrauch.“
Es geht weiter. Der Autor brennt „den ganz frühen Dexter Gordon 1943 – 1950“, hört „weiterhin den immer besser werdenden King Kelly“, findet bei Diana Krall „alles unvorstellbar einstudiert“, gewöhnt sich langsam an Booker Ervin, findet Lennie Tristano „sehr fad“, lernt Ben Webster „erst durch die Großliebe der Bekannten Anna aus Hamburg schätzen“, , glaubt, dass Lee Konitz „ein emotionales Behäbigkeits-, ja Fauteuil-Problem“ hat, meint, dass er zum Studium einer einzigen Phrase von Warne Marsh drei Jahre bräuchte, hält Oscar Peterson und Errol Garner „ganz klar (für) die Michelangeli des Jazz“ und „John the Colt (für) den Hölderlin des Saxofons“. „Leicht verrückt und vom Turm herunter verkündend“ geht der Autor zu Werke. „In einer dauernd allzu Jazz-zentrierten Welt“ will er aber keinesfalls leben, auch wenn ihm das reine Jazzthema „als Lebensmetapher geeignet“ scheint. So ist dann von Schweizer Städten und Regionen die Rede, von Krankheiten und der Katze, von Computerproblemen beim Brennen der CD´s und dem Lieblingsessen. Jürg Laederach bringt die Dinge in einer gekünstelten Sprache, in der Literatur und Alltag vermischen, schlüssig auf den Punkt. Der Jazz profitiert davon.

Susanne Beyer, Palucca – Die Biografie,
Aviva, Berlin 2009, 430 Seiten, 24,80 Euro

Gret Palucca, liest man in einer neuen Biografie über die legendäre Tänzerin, wurde „hineingeboren in die Spannungen zwischen Bürgertum und Künstlertum, zwischen der Lust an Repräsentation und dem Bedürfnis nach einem Körperbewusstsein fernab von Korsetts, von langen Röcken und gezwirbelten Schnurrbärten.“. Diese stimmungsvollen Verhältnisse hielten labenslang an und verdichteten sich, wie es heißt, zum „Prinzip Palucca“, eine Erfolgsformel für die wechselhafte deutsche Geschichte. Ihr versucht Susanne Beyer auf die Schliche zu kommen. Die „Spiegel“-Journalistin konnte die bis vor kurzem gesperrte Privatkorrespondenz der Tänzerin sichten und zeigt anhand dieser erstmals ausgewerteten Dokumente Palucca im regen Austausch mit ihren Freundinnen, Geliebten, Künstlern, Förderern und Politikern. Obwohl ohne neue Fakten, beleuchtet Beyer einige zahlreiche privaten Details. Die stetigen Konflikte mit Mary Wigman zum Beispiel, bei der Palucca zum Ausdruckstanz fand, enthüllen schließlich, was bislang kaum bekannt war: der Konflikt mit der einstigen Lehrerin und langjährigen Intimfeindin, deren Tagebücher als Zitate wie kritische Kommentare zu lesen sind, kam zu einem guten Ende.
Paluccas Bild bleibt ambivalent, auch wenn gelegentlich Legenden zerstört werden. Ihre Leistung, den Ausdruckstanz popularisiert und auf hohem Niveau gehalten zu haben, steht außer Frage. Weniger glücklich verlief ihr Umgang mit den Mächtigen. Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin 1936 tanzte sie unter Hitlers Blicken ein Solo. Schon zuvor war sie bei den Nazis zum Star avanciert und wurde als „deutscheste Tänzerin“ gefeiert. Später erhielt die Halbjüdin Auftrittsbeschränkungen, was ihren Umgang mit den Nazis aber nicht einschränkte. „Anpassungsbereitschaft bis zum Äußersten und völliger Eigensinn“ bescheinigt Beyer ihr. Nach dem Krieg konnte Palucca unmittelbar mit Hilfe der Sowjets weitermachen. Sie gründete eine Schule in Dresden und stilisierte sich als „Opfer des Faschismus“, was ihr in der DDR Ruhm und Ehre einbrachte und zu einer Wanderin zwischen Ost und West werden ließ.
Beyers Biografie zeigt Palucca allseits vor zeitgeschichtlichem Hintergrund, ist also mehr als ein Tanzbuch. Die Verstrickung privater Beziehungen, Korrespondenzen und Politik, vielfach hinderlich dem Lesefluss, vermitteln vielerlei Einflüsse.


Ute Büchter-Römer, Swingingly yours – Ilse Storb love and peace, Nonem-Verlag, Duisburg 2009, 112 Seiten, 15 Euro (ISBN 978-3-935744-09-6)

Es waren “prägende Erlebnisse” und “besondere Begebenheiten”, die die mit Klassik groß gewordene Ilse Storb zum Jazz brachten. Zum 80. Geburtstag der ersten und einzigen Professorin für Jazzforschung, wie sie sich gern nennen lässt, ist ihre Biografie erschienen. Verfasst hat sie die Kölner Professorin Ute Büchter-Römer, die einst bei Storb promovierte.

Deren bewegtes Leben erzählt die Autorin nicht ohne Bewunderung und Respekt. Eine glückliche Kindheit verbrachte Ilse Storb in Essen, wo sie auch die Kriegsjahre überstand, allseits darauf bedacht, dass auch das Klavier heil bleibt. „Gedanken der Unabhängigkeit von männlicher Bevormundung“ wurden ihr quasi in die Wiege gelegt. Was wirklich in ihrem Leben zählte, war die Musik. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über Claude Debussy, der ihre neue Horizonte und Klangdimensionen eröffnete. Den Jazz entdeckte die Klavierlehrerin Ilse Storb erst 1969, als sie auf den ersten Jazz-Kongress in Graz aufmerksam wurde. Der unbedingte Wille, diese Musik zu ihrem Lebensinhalt zu machen, springt den Leser in jeder Zeile dieser Biografie an. Es ging dann Schlag auf Schlag mit dem Jazz. 1971 wurde das Jazzlabor in Duisburg eingerichtet, ab 1985 folgten diverse Tagungen, die sich mit Jazz und Ausbildung befassten. Mit Storbs Emeritierung 1994 wurde die einzigartige Einrichtung des Labors geschlossen, „die Zerstörung ihres Lebenswerks“

Doch der Jazz ließ die Professorin nie mehr los. Ute Büchter-Römer stellt nicht nur ihren Lebensweg dar, dessen Freiheitswunsch sich mit der Freiheitsoption des Jazz vermählte, sondern liefert gleichzeitig, wie sie schreibt, „eine reflektierende Betrachtung ihrer Veröffentlichungen“. Der Habilitationsschrift über Dave Brubeck, der ersten Buchveröffentlichung über den Pianisten weltweit, folgte die Biografie Louis Armstrongs. In „Jazz meets the world“ formulierte Ilse Storb Gedanken zum Jazz, die in „Anweisungen zur weiblichen Lebensführung“ gipfelten. Handreichungen für Lehrer und Unterrichtsanleitungen sowie weitere veröffentlichte Beiträge und Interviews werden erwähnt. In einem längeren Radiogespräch, das über 20 Seiten in voller Länge dokumentiert wird, erläutert Ilse Storb ihre Haltung zum Jazz, die das Fazit dieser Biografie abgibt. Der Jazz ist eine kreative, partnerschaftliche und freiheitliche Musik, ist zu erfahren, für die einzusetzen sich lohnt. Dem setzt die Autorin eins drauf auf Seite 64, die ihre „Conclusio – Coda“ enthält. Das Loblied auf Ilse Storb könnte nicht harmonischer ausfallen.

Werkschau – 20 Jahre Schaffhauser Jazzfestival. Ein Rückblick, Chronos Verlag, Zürich 2009, 144 Seiten (ISBN 978-3-0340-0961-4)

Zum 20-jährigen Bestehen hat sich das Schaffhauser Jazzfestival ein schönes Geschenk gemacht. „Werkschau“ heißt der Fotoband treffend, weil er „die Werkschau der einheimischen Szene“ Revue passieren lässt. Dies in vier Beiträgen und vielen Bildern von vier Fotografen. Die beiden künstlerischen Leiter Urs Röllin und Hausi Naef ergänzen sich glänzend, wie im einfühlsamen Porträt-Beitrag zu lesen ist. Ihre „Mixtur aus Groove und Avantgarde, aus Feeling und Intellektualität, die die Schweizer Jazzszene optimal abzubilden versteht“, macht den Charakter des Festivals aus. Es stellt, wie wiederholt betont wird, „ein Horchposten der Schweizer Jazzszene“ dar, ist „Marktplatz der einheimischen Szene“ wie „Bühne für den Schweizer Jazz“. Selbstredend ist es „Treffpunkt der aktuellen, modernen Schweizer Jazzszene in ihrer ganzen Breite“.

Nichtsdestotrotz kommt der Betrachter von außerhalb auf seine Kosten. Der Schweizer Jazz, dessen „Verhältnis von aktiven Jazzmusikerinnen und -musikern zur Gesamtbevölkerung … etwas höher zu sein (scheint) als im europäischen Durchschnitt“, wie man liest, ist nicht isoliert von internationalen Entwicklungen. So verwundert es nicht, dass eins der ersten Fotos Peter Brötzmann zeigt, liebevoll sein Saxofon im Arm haltend. Daneben gleich der in seine Trompete blasende Enrico Rava, Landsmann Paulo Fresu pustet ebenso. Der nahe Schaffhausen lebende Barry Guy gibt sich in stürmischer Pose, während Hans Reichel an seinem selbst konstruierten Daxofon herumdoktert. Über 1000 Musikerinnen und Musiker waren Gast in der nördlichen Schweiz, „ihre Klänge leben in den Bildern fort“. Sie sind hübsch anzuschauen, vermitteln viel vom Wesen des Jazz. Sie stellen die Musiker agierend auf der Bühne vor, künden von energetischem Jazz, wie er zuweilen auch in der Schweiz gepflegt wird. Ein angespannter, aber lachender Lucas Niggli bürgt ebenso dafür wie ein druckvoller Werner Lüdi, ein expressiver Bruno Amstad mit verwehtem Haar, ein fröhlicher Christoph Stiefel am Klavier, ein Duo Schweizer/Bennink in Aktion oder ein dirigierender Mathias Rüegg. Verschiedene Facetten werden somit abgelichtet.

Die farbige Palette aller 20 Plakate beschließt den Band. Leider ist der vorzüglichen Werkschau keine Chronologie aller Festivals enthalten, ebenso fehlt eine einführende Diskografie, die den interessierten Neuling den Schweizer Jazz auch hörend schmackhaft machen könnte. Die Chance einer geschlossenen Dokumentation wurde leichtfertig vertan.

Copyright auf alle Texte by Reiner Kobe Journalist Eschholzstrasse 58 79115 Freiburg

3.7.09 00:19

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