Reiner Kobes Jazz News

Jazz-Neuheiten sommer 2010

CDs

Arild Andersen „Green in Blue – Early Quartets“
Arild Andersen (b), Juhani Aaltonen (ts,ss,fl), Knut Riisneres (ts/ss/fl), Jon Balke (p), Lars Jansson (p), Pal Thowsen (dr)

Neben Eberhard Weber und Dave Holland war Arild Andersen lange eine Art Haus-Bassist bei ECM. Seit über vier Jahrzehnten ist der Norweger, der im Oktober 65 wird, beim Münchner Label, dessen Sound zwischen kühl, klar und melancholisch er entscheidend mitprägte. Wer wissen will, wie sich dies einst an hörte, ist mit einer preiswerten Dreier-CD-Kassette bestens bedient. Sie enthält die lange vergriffenen LP´s „Clouds in my head“, „Shimri“ sowie „Green shading into blue“, die Andersen mit seinem Quartett in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre einspielte. Bevor der Bassist sein eigenes Quartett 1975 gründete, war er 6 Jahre lang Mitglied der Jan-Garbarek-Gruppe. Bis heute zeichnet sich sein Spiel durch technische Perfektion und kontrollierte Intonation in hohen wie hellen Lagen aus. Andersens Jazz hat mit Tradition weniger im Sinn als mit einfachen Folk-Motiven. Gerne begibt er sich in Zwiegespräche mit Juhani Aaltonen. Der finnische Saxofonist bietet viel Widerpart mit zuweilen aggressiven Ausbrüchen, passt sich ansonsten aber mit lyrischer Tongebung an. Die junge Rhythmusgruppe überrascht durch ihr reifes, überlegtes Agieren. Wie es sich für ECM gehört, ist der Klang klar und transparent. Die Reproduktionen der Original-Cover im Booklet allerdings sind misslungen.

Brad Mehldau „Highway Rider“
Brad Mehldau (p), Larry Grenadier (b), Jeff Ballard (dr), Matt Chamberlain (dr), Joshua Redman (sax) plus Kammerorchester (Nonesuch/Warner)

Auf einem Doppel-Album veröffentlichte jüngst Brad Mehldau ein ambitioniertes Orchesterwerk. 15 Stücke, die zu einer orchestralen Suite montiert sind, interpretiert der Pianist mit seinem Trio, das durch einen weiteren Schlagzeuger sowie den Solisten Joshua Redman verstärkt wird. Die Jazz-Kapelle kommuniziert zuweilen mit einem 28-köpfigen Kammerorchester und begibt sich auf das Gebiet der 15 Stücke, die von Traurigkeit des Abschieds sowie der Einsamkeit des Reisens handeln. Unterschiedliche Einflüsse von Strauß, Brahms und Tschaikowsky sind zu hören. Mit diesem Werk will Mehldau dem Hörer Zugang zur Kombination von Klassik und Jazz verschaffen. Er nimmt ihn mit auf eine Reise, die abwechslungsreicher sein könnte. Nichts Aufregendes also, denn manche Stücke klingen wie klassische Musik, manche wie reiner Jazz. Die Beziehung zwischen beiden Genres bleiben zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Letztendlich ist es Jazz, der um ein Orchester erweitert wird. Brad Mehldaus Mühe hat sich kaum gelohnt, auch wenn er den erfahrenen Filmkomponisten Jon Brion als Produzent an seiner Seite hinzugezogen hat.

Chick Corea, Solo Piano – Improvisations, Children´s Songs,
ECM 2140-42/Universal

Seinen kreativen Höhepunkt erlebte Chick Corea in den siebziger Jahren. Bereits 1966 und 1968, auf seinen beiden ersten eigenen Alben, fiel der Pianist durch signifikanten Kompositionsstil und eigenwilligen Umgang mit Standards auf. 1971 schüttelte er seine berühmten Piano-Improvisationen im Studio aus dem Ärmel, veröffentlicht auf zwei LP´s bei ECM. Diese beiden Alben sind kürzlich wiederveröffentlicht worden, zusammen mit Aufnahmen von 1983, in einer markanten weißen Box. Die Solo-Aufnahmen, verrät Corea im Booklet, „sind meine musikalischen Antworten auf die Lebensfragen, die sich mir stellten“. Spontan und unbekümmert greift er in die Tasten, spielt vieles, wie er später bekannte, einfach „herunter“. Kurze thematische Statements sind vielfach Ausgangspunkt für Improvisationen zwischen traditionell und avantgardistisch. Es sind spannungsgeladene Sequenzen, die mitunter in Klassik verharren, dann aber wieder durch scharfkantige Melodien und Rhythmen ins Freie streben. Weicher Chopin und härterer Satie treffen auf dunklen Blues. In die achtteilige, improvisierte Suite „Where are you now?“ packt Corea alles, was ihm damals an kompositorischen Ideen in den Sinn kam. Bereits 1973 wurde er erstmals in „Down Beat´s“ Critic Poll als führender Komponist ausgezeichnet. Der Pianist betrachtete die frühen siebziger Jahre als „intensive Zeit der Entdeckungen“, in denen er von Free zu Fusion wechselte und mit der 1972 gegründeten Band „Return to Forever“ zu neuen Ufern aufbrach. 1983 ging Chick Corea ins Studio, um seine „Children´s Songs“ aufzunehmen, die nach und nach zu Hause „zum Zeitvertrieb“ entstanden waren. Die 20 Kompositionen, die Corea Porträts nennt, sind ebenfalls in besagter Box enthalten. Hier versucht der Pianist, kindliche Eigenschaften wie „staunender Blick auf die Welt, ihre bedingungslose Liebe, ihre manchmal ruhige, manchmal wilde Verspieltheit, ihre vollkommene Ehrlichkeit und ihre Leichtfüßigkeit“ (Booklet) musikalisch umzusetzen.








Dave Liebman Group „Turnaround – The Music of Ornette Coleman“
Dave Libeman (ts,fl9, Vic Juris (g), Tony Marino (b), Marko Marcinko (dr)
(Jazzwerkstatt) Contact
“Five on One” Dave Liebman (ts,ss), John Abercrombie (g), Marc Copland (p), Drew Gress (b), Billy Hart (dr) (Pirouet/Musikvertrieb)

Es ist keineswegs paradox, wenn sich ein ausgesprochener John-Coltrane-Bekenner mit der Musik Ornette Colemans beschäftigt. David Liebman hebt dessen Musik auf eine andere Ebene, wenn er mit seinem Quartett Stücke wie „Turnaround“, „The Blessing“ oder „Lonely Woman“ interpretiert. Liebmans Sax-Ansatz und Vic Juris´ Gitarre bringen neue Dimensionen ins Spiel. Der Saxofonist bewundert, wie er in den liner notes verrät, den „unerschöpflichen Reichtum an lyrischen Methoden“. Colemans Improvisationen sieht er durch „enge Intervalle, Blues-Wendungen, Achtelnoten mit intensivem Swing“ charakterisiert.
Anders dann „Five on One“. Hier schließt sich Liebman zu einem Quintett zusammen, dessen Name alles sagt. Fünf für einen heißt, dass fünf Seelenverwandte auf Tuchfühlung gehen, auf „Contact“. Alle haben Stücke eingebracht, unterschiedlich in Konzeption und Vokabular, aber homogen im musikalischen Ausdruck. Selbstredend wird auch ein Standard anverwandelt. Mühelos verschmelzen die persönlichen Sounds der fünf. Einmal mehr erweist sich Liebman als Meister der feinen Abstimmung von Tönen und des melodischen Erfindungsreichtums. Die anderen Musiker tun ein Übriges, um hier, wie die Plattenfirma mitteilt,“ auf ganz natürliche Weise eins (zu) werden.“

Ernie Watts Quartet „Four plus Four“
Ernie Watts (ts), David Witham (p), Bruce Lett (b), Bob Leatherbarrow (dr, Christof Sänger (p), Rudi Engel (b), Heinrich Koebberling (dr) (Laika)

Gleich mit zwei Bands tritt Ernie Watts an die Öffentlichkeit mit einer Parforce-Tour durch aktuelle Spielweisen. Im letzten Jahrzehnt wandte sich der Saxofonist der Westküste wieder verstärkt dem Jazz zu, dessen gesamte Stilvielfalt er perfekt beherrscht.. Vor 6 Jahren gründete er sein „deutsches“ Quartett, das gleichzeitig neben dem „amerikanischen“ existiert. Das Album bringt jede der Gruppen auf drei Tracks, beide hintereinander auf dem vierten Stück. Doch Watts steht im Mittelpunkt, glänzt ständig mit erfinderischen Chorussen und Improvisationen. Gespielt werden weitgehend eigene Kompositionen, die recht abwechslungsreich und spannungsgeladen gestaltet sind. Jazz in allen Varianten liegt Watts am Herzen. Sein beseelter, warmer Ton verrät eine eigene Handschrift, die sich längst von Einflüssen Coltrane´s und Rollins´ frei gespielt hat. Mit dem Sound seines Instruments, der die Melodien und Motive stets aufraut und mit eigenem Flair versieht. lotet er unterschiedliche Stimmungen aus. Aufkommende Romantik geht in zupackendem Hardbop auf, wie überhaupt Watts nichts anbrennen lässt und sämtlichen Themen enormen Dampf verleiht. Frappierend, dass sich die beiden Formationen in nichts unterscheiden.



Henry Threadgill, The complete remastered recordings on Black Saint and Soul Note, 7-CD-Box/ Harmonia Mundi

So vollständig die Aufnahmen sein mögen, die Henry Threadgill für die italienischen Labels Black Saint und Soul Note gemacht hat und die jüngst ziemlich schmucklos in einer 7-CD-Box wiederveröffentlicht worden sind, so lückenhaft ist damit das Schaffen des schwarzen Altsaxofonisten, Flötisten und Komponisten dokumentiert. In den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es kaum eine regere Aufnahmetätigkeit für verschiedene Labels. Immerhin ist bei aller Lückenhaftigkeit das Trio Air, Threadgills wichtigste Gruppe jener Jahre, einigermaßen repräsentativ erfasst. Die vier Alben „Live Air“, „Air“, bzw. „Live at Montreal und „Air Show Nr. 1” von New Air erlauben Aufschlüsse über Threadgills Kompositionsstil.
Erstmals zusammen kam Threadgill mit dem Bassisten Fred Hopkins und dem Schlagzeuger Steve McCall 1971 in Chicago, um Rags von Scott Joplin für eine Theateraufführung neu zu interpretieren. Vier Jahre später wurde Air gegründet, das 1975 nach New York übersiedelte. Von Anfang an stand die intensive Auseinandersetzung mit den musikalischen Wurzeln im Mittelpunkt. Auf der Jazztradition aufbauend hat das Trio moderne Musik kreiert, die bei aller Transparenz und Luftigkeit höchst komplex gestaltet war. Threadgill verarbeitete Gospel, Blues, Funeral March aus New Orleans und sogar Ragtime zu einem schlüssigen Ganzen. Diese traditionellen Bezüge sind selbst in den abstraktesten Improvisationen greifbar. Und: die bis dato wieder vernachlässigte Kollektivimprovisation feierte Auferstehung. „Unsere Idee von kollektiver Improvisation“, erläuterte Threadgill, „ hat uns zu einer Wiederentdeckung und Vitalisierung des ursprünglichen New-Orleans-Konzepts geführt“. Vor dem Hintergrund einer wohl organisierten Grundierung wurden seine Kompositionen immer komplexer. Muhal Richard Abrams, dessen Experimental Band sich der 18-jährige Threadgill bereits 1962 anschloss und der sein Mentor wurde, bezeichnete ihn als Magier wegen „seiner instinktiven Gefühlsbetonung der transparenten melodischen Farben, die durch eine umgekehrte harmonische Palette von veränderlicher Dichte und seinen erleuchtenden Ausdruck klangalchimistischer Aktivität unterstützt wird“. Transparente Soundgeflechte, berückende Klangfarben von ungeahnter Vielfalt und überhaupt kommunikatives Trio-Spiel zeichneten Air aus, eine der wegweisenden Gruppen der siebziger Jahre. Sie wurde zunächst im Jahrzehnt darauf zum Sextett und Septett erweitert bis zur Folge-Formation „Very, Very Circus“ der neunziger Jahre. Hier fand das vielfarbige, stilistisch variable Programm von frei angelegten Kompositionen bis zu kompakten, klar strukturierten Arrangements eine Fortsetzung. Der Ensemble-Klang auf „Spirit of Nuff … Nuff“ erfährt Verdichtungen und Auflockerungen, die es in sich haben. Reibungsmomente entstehen zusätzlich durch komplementäre Instrumentierung: die dunklen Stimmen der beiden Tubisten Marcus Rojas und Edwin Rodriguez und des Posaunisten Curtis Fowlkes auf der einen und des Altsaxofonisten und Flötisten Threadgill sowie der Gitarren von Brandon Ross und Masujaa auf der anderen Seite. Im Zentrum des Geschehens steht der Schlagzeuger Gene Lake als Pendler zwischen den beiden Polen. Tradition und Fortschritt sind bei Henry Threadgill nahtlos ineinander verzahnt, was sowohl auf „Song of tree“ als auch beim Flötenquartett „Flute Force Four“ mit James Newton, Pedro Eustache und Melecio Magdaluyo zu hören ist, den beiden die Box beschließenden Alben von 1993 und 1997. Henry Threadgill, dies als Fazit, hat sich immer mehr als Komponist begriffen denn als strahlender Solist.


Herbie Hancock „Imagine Project“ Herbie Hancock (p) plus diverse Besetzungen
(Sony Music)
Zu seinem 70. Geburtstag hat sich Herbie Hancock mit einem Dutzend Superstars zusammengetan, um ein „Alterswerk voller Tatendrang und Optimismus“ zu schaffen, wie zu lesen war. Der Pianist, umtriebig wie immer, hat ein Jahr lang am „Imagine Project“ gearbeitet. Für die aktuelle Botschaft „Denke und höre global“ hat er verschiedene Stile, Philosophien und Sprachen vermischt. Eine irische Folk-Band, ein Blues-Gitarrist, Mädchenschwarm Juanes, musizierende Ex-Krieger aus Mali oder bekannte Künstler wie James Morrison, Oumou Sangare, Anouska Shankar, Chaka Khan, Manu Katche und Seal Reibeisenstimme sind versammelt, um diese Weltmusik im besten Sinn zu generieren. Sie alle hat Herbie Hancock, der gelegentlich einen hypnotischen Groove auf dem Fender-Klavier erzeugt, unter einen Hut gebracht. Er hat ihnen Arrangements auf den Leib geschrieben, damit scheinbar Unvereinbares zusammengebracht. Sage noch einer, mit 70 hört die Kreativität auf und die Reproduktion fängt an. Achtung: mit Jazz hat das Ganze wenig zu tun.


Klima Kalima „loru“
Kalle Kalima (g), Oliver Potratz (b), Oliver Steidle (dr) (enja)

Kalle Kalima dürfte Deutschlands meistbeschäftigter Gitarrist in Sachen Jazz und Grenzgebieten sein. Der seit 1998 in Berlin lebende Finne mit abgeschlossenem Jura-Studium ist mit unzähligen Projekten und Bands beschäftigt. Mit seinem seit einem Jahrzehnt bestehenden Trio Klima Kalima, das vor zwei Jahren mit dem Neuen Deutschen Jazzpreis bedacht wurde, will der 37-jährige Gitarrist Free Jazz mit Rock in Verbindung bringen. Ihm geht es darum, „zwischen Tradition und Erneuerung etwas verrücktere Sachen“ zu machen. Dies gelingt: auch die dritte Trio-CD stößt ins experimentelle Feld vor. Kratzen, Schaben und allerhand Geräuschhaftes macht Kalimas Gitarristik aus. Geschickt navigieren Gitarre, Bass und Schlagzeug durch Rock und Jazz, thematisiert in zehn Eigenkompositionen. Zusätzlichen elektronischen Glanz erhält die CD durch Jimi Tenor, der auf einem Stück Stimme, Flöte und Keyboards beisteuert.

Knut Rössler/Johannes Vogt plus Beetween The Times „Octagon“
Knut Rössler (sax), Johannes Vogt (laute, synth. g), Ute Kreidler (voc), Werner Goos (perc), Günter Lenz (b)
(ACT)

Tief in die Musikgeschichte dringen Knut Rössler und Johannes Vogt mit ihrer Gruppe Between The Times ein. Nachdem sie ihre ungewöhnliche Kombination von Laute und Saxofon auf ihrer ersten CD um den Bassisten Miroslav Vitous erweitert hatten, ist diesmal die Sängerin Ute Kreidler im Mittelpunkt. Ihr hoher Sopran dominiert die Stücke, die auf Überlieferungen aus dem 12. und 13. Jahrhundert beruhen. Die mittelalterliche Welt ist präsent, nicht zuletzt wegen des Castel del Monte in Apulien, das Stauferkönig Friedrich II. im 13. Jahrhundert erbauen ließ. Der achteckige Bau hat die beteiligten Musiker inspiriert, wie nicht nur aus dem Titel der CD zu erkennen ist („Octagon“). So wirken die Lieder der Troubadoure, die Rittererzählungen und die geistliche Musik wie aus einem Guss, nie antiquiert. Knut Rössler und Johannes Vogt haben das Material harmonisch, rhythmisch und improvisatorisch zu etwas Eigenem erweitert und geformt. 800 Jahre Musikgeschichte wirken somit ebenso lebendig wie das Castel, das „für Tonaufnahmen geradezu vorbildlich geeignet ist“, so Vogt.




Lyambiko
„Something Like Reality“
Lyambiko (voc), Marque Lowenthal (p), Robin Draganic (b), Heinrich Koebberling (dr)
(Sony)
Lyambiko ist die Hoffnungsträgerin des deutschen Vocal-Jazz. Die afrikanisch-stämmige Sängerin feiert jetzt ihr zehntes Bühnenjubiläum mit der siebten CD, die beim Riesen Sony erschienen ist. Sie enthält die bewährte Mischung aus Eigenkompositionen und Cover-Versionen. Unverändert ist die Besetzung der Band, die der Sängerin eine ideale Basis bietet. Stilsicher navigiert Lyambiko durch das Feld von swingendem Jazz, Soul, Blues und Latin. Ihre Stimme klingt mitunter tiefschwarz bluesig, ansonsten ist sie von weicher, warmer Art, allseits modulationsfähig. Neu beim glänzend besetzten Quartett: 5 der 13 Songs sind zusätzlich mit Bläsern angereichert, die ein Gegengewicht zum transparenten Klang der Gruppe bieten. Insgesamt ein Vokal-Album, das sich angenehm abhebt von ansonsten dominierenden Wohlfühl-Gesängen der unüberschaubaren Schar von Singer/Songwritern.



Marilyn Crispell/David Rothenberg „One dark night I left my silent home“
Marilyn Crispell (p,perc), David Rothenberg (bcl) (ECM 2089)

David Rothenberg hat sich mit Naturtönen beschäftigt, hat über die Musik von Vögeln und Walen geschrieben. Der Naturforscher und Philosoph spielt auch Klarinette, mit der er Facetten von Ton und Klang erkundet. Im Zwiegespräch mit Marilyn Crispell, deren Musik er in den frühen achtziger Jahren erstmals schlafend unter dem Flügel begegnete und mit der er seit sechs Jahren zusammenarbeitet, kommt er weiteren Feinheiten auf die Spur. Die Pianistin ist die ideale Partnerin, weil sie die Errungenschaften eines Neuerers wie Cecil Taylor mit Innerlichkeit und Ruhe zu verbinden weiß. Ihre Klangforschungen auf dem präparierten Flügel finden bei Rothenberg nachhaltig Widerhall. Dunkle Klangwolken auf der Bassklarinette, die sich zu lyrischen wie stürmischen Sequenzen verdichten, reiben sich an hell aufblitzenden, bizarren Passagen, bieten berstende Widerparts, aber auch harmonische Korrespondenzen. David Rothenberg und Marilyn Crispell finden zwischen rasanten Tonkaskaden und intensiven Improvisationen über aufscheinenden Themenkomplexen stets Gemeinsamkeiten. Zwischen experimentell und kontemplativ füllen sich die Räume, still klingt die CD aus.




Michael Schiefel „My Home is my Tent” Michael Schiefel (voc)
(Traumton 4539/Musikvertrieb)

Mit seiner vierten Solo-CD ist Michael Schiefel zu Hause in Berlin angekommen. „My home is the stage/ is the song on a page“, singt er. Doch vorher werden noch die zahlreichen Orte gewürdigt, an denen der Professor für Jazzgesang vorbeikam. Die Liste der Stücke liest sich wie ein internationaler Flugplan, der sich durch Flughafen-Kürzel auszeichnet. So werden die unterschiedlichen Stimmungen und Atmosphären verschiedener Orte beschworen. Mit treibenden Beats, sphärischen Soundscapes, betörenden Chören, atmosphärischen Ausflügen und beruhigenden Ostinati dringt Schiefel in ferne, fremde Welten ein. Mit seinem digitalen Multi-Effektgerät kann der Sänger (besser: Performer) seine Stimme loopen, mehrfach auffächern, klanglich filtern. „All sounds on this record are strictly vocal“ heißt es zwar auf der Rückseite der CD. Doch insgesamt ist Michael Schiefel bei allen vokalen Fähigkeiten weit entfernt von Bobby Mc Ferrins akustischen Experimenten.

Paul Zauner´s Blue Brass, Soulful Change, PAO 1140

Paul Zauner´s Blue Brass vereinigt im Oktett Blech- und, wider Erwarten, Holzbläser sowie eine Rhythmusgruppe. Genauso viele Stücke hat der österreichische Posaunist auf „Soulful Change“ einstudiert. Der Titel trifft ziemlich genau auf die Blues- und Soul- inspirierte Musik zu. Auf „Round Midnight“ gibt sich der Chef selbst die Ehre im intimen Trio mit dem feinfühligen Sänger Mansur Scott und dem bluesigen Pianisten Donald Smith. „In a sentimental mood“ hat ebenso Charme wie Charles Mingus´ straight-ahead-Stück „Jelly Roll“ trotz des geglätteten Stride Pianos. Beim einleitenden vor Soul triefenden Klassiker „I can´t stop loving you“ hätte man sich allerdings den Gesang (diesmal: Donald Smith) mit mehr Durchschlagskraft gewünscht. Heiter und luftig kommt der gesanglose „Song for Chester“ daher, um die CD mit einem tanzbaren „Petis Calypso“ ausklingen zu lassen.









Stephan Zimmermann „Quiet Time“
Stephan Zimmermann (tp), Herwig Gradischnik (ts), Andy Scherrer (p), Thomas Stabenow (b), Mario Gonzi (dr,voc) (TCB 29402)

Der persönlichen Botschaften und der Appelle an Liebe, Schönheit und Emotion im Booklet hätte es bestimmt nicht bedurft; um die Musik an den Mann und die Frau zu bringen. Vielleicht aber doch, denn „Quiet Time“, das Album des Stephan Zimmermann Quintetts, ist nichts Spektakuläres. Es vereinigt neun Stücke in gemäßigtem Tempo, fast balladesk, ein paar mit Standard-Charakter. Zimmermann, einer der meist beschäftigten Trompeter Deutschlands, spielt straight ahead ohne Ecken und Kanten. Der erfahrene Bigband-Mann ist ganz in der Tradition verhaftet, wagt nichts Neues. Von der glänzenden Besetzung hätte man mehr erwarten können. Immerhin ist Hardbop reinsten Wassers entstanden, zeitlos, aber auch etwas profillos.

Theo Bleckmann „I Dwell In Possibility“ Theo Bleckmann (voc, little instruments)
(Winter/Winter 910168)
In der klösterlichen Enklave Beinwils hat Theo Bleckmann den richtigen Ort gefunden für seine Solo-Aufnahmen. Für den deutschen Sänger, der seit langem in New York lebt, ist dieser natürliche Raum wichtig, weil er ohne technische Effektgeräte und ohne nachträgliche Klangmanipulation auskommt. So wird „I Dwell Inn Possibility“ zum „Schwur der Keuschheit“, um neue Klang- und Hörerfahrungen zu erzeugen. So schöpft die Stimme verschiedene Möglichkeiten aus zwischen Instrumentalem, Komplexem und Einfachem – freilich mit Hilfe von Megaphon, Spieluhr, Zither, Gläser, Wasser und weiterem Spielzeug. Entsprechend vielfältig ist das Repertoire. Es reicht von Bleckmanns eigenen Kompositionen, seinen Vertonungen von Kurt Schwitters und Emily Dickinson bis zu Versionen von Supertramps „Lord is it mine“, Joni Mitchells „The fiddle and the drum“ und –besonders hervorzuheben – ein Solo-Stück von Meredith Monk. Zwei Standards schließlich sind die Verbindung zu Bleckmanns Jazzwurzeln. Insgesamt ein recht anspruchsvolles Solo-Album, zu dem man aber rasch Zugang findet. Man versteht, dass Theo Bleckmann jüngst mit dem deutschen Echo als „Sänger des Jahres“ ausgezeichnet wurde.










Tom Gaebel „Music to watch girls by“ Tom Gaebel (voc) plus Bigband (Telemedia Music/Musikvertrieb)

Auf seiner neuen Platte, der vierten, vermerkt die Plattenfirma stolz, sind 13 Songs „zu einer locker swingenden Easy-Listening-CD arrangiert“. Tom Gaebel singt „acht ausgewählte Pop-Tunes von zeitloser Klasse … sowie fünf Eigenkompositionen, die perfekt ins Repertoire von Frank Sinatra, Dean Martin oder Tom Jones gepasst hätten“. Tatsächlich klingt der mehrfach mit dem German Jazz Award ausgezeichnete Kölner Sänger wie diese, will sagen ohne eigenes Profil. Und mit Jazz, aus dem Gaebel ursprünglich kommt, hat das Ganze eh nichts zu tun. Bei aller Kritik ist sein Gesang beachtlich, doch gehört hat man eine solche Stimme, deren Direktheit und Wärme man sich hingeben kann, schon oft. Tom Gaebel verfügt über sicheres Timing, auch das Zusammenspiel mit seiner kleinen Bigband ist makellos. Seine klare Stimme mit ihrem sonoren, eleganten Timbre und ihrer lässig-leichten Phrasierung hätte das Zeug zu Höherem. Das Lebensgefühl einstiger Las-Vegas-Stars wiederzubeleben, ist dann doch etwas wenig. Selbst die eigenen Stücke sind aus dem Holz der Hits geschnitzt.

Trio Dolce Vita „Amarcord“
Claudio Puntin (cl, toys), Jörg Brinkmann (c), Johannes Fink (b)
(Jazzwerkstatt 082)
Cor Claudio Puntin (cl), Joao Paulo Esteves da Silva (p), Samuel Rohrer (dr)
(Blue Serge/Egea)

Der Zuger Klarinettist Claudio Puntin ist nach langen Jahren in Köln nach Berlin verzogen, wo er unter anderem das Trio Dolce Vita unterhält. „Amarcord“ heißt sein Debüt, das sich mit Filmmusik von Nino Rota beschäftigt. Soundtracks zu Fellini-Filmen und anderes von Rota hat Puntin bearbeitet. Das Changieren der Stimmungen und Atmosphären kommt dem Klarinettisten gerade recht, der gern mit musikalischen Genres balanciert, vom traditionellen Jazz bis zur freien Improvisation, von Avantgarde zur Neuen Musik. All diese Sprengkraft klingt in der Kammermusik dieses Trios an. Die großartigen Kleinkunstwerke sind melancholisch bis elegisch geraten, sind auch von hintersinnigem Humor. Sie transportieren eine Vielzahl von Bildern und Eindrücken, auch wenn man die Filme nicht kennt. Dem Komponisten erging es nicht anders: meist ist Rota bei den Filmen eingeschlafen und hat sich die Handlung erzählen lassen. Dass die Soundtracks dann so gelungen sind, mag überraschen.
Den Charme und die lyrische Kraft der Klarinette treibt Puntin mit einem andern Trio auf die Spitze. Bei „Cor“ werden wohl durchdachte Töne durch freies Spiel der Kräfte zersetzt, auch elektronisch verfremdet.



Urs Leimgruber „Chicago Solo“ Urs Leimgruber (sax) Leo 570

Schon vor Jahren wurde Urs Leimgruber die Emanzipation des Saxofons nachgesagt. Auf einem neuen Solo-Album breitet der Luzerner einmal mehr seinen eigenen Klangkosmos von Tönen, gespaltenen Klängen, Obertönen, Klappen- und Anblasgeräuschen auf der Basis auch durch eigene Entwicklungen angereicherter stupender Technik aus. Der Klang wird durch immer weiter getriebene Überblastechniken stets erweitert. „Chicago Solo“ verweist zum einen auf Evan Parkers gleichnamiges Album und dessen fulminante Zirkularatmung, zum anderen, wie es in den liner notes heißt, „auf jenen Chicagoer Kreis aus Musikern, der in der zweiten Hälfte der 1960-er Jahre … Grundlagen für eine Fragmentierung der jazzmusikalischen Strukturen entwickelt hatte“. Was mit Leimgrubers Spiel, das jegliche melodische Tradition längst über Bord geworfen hat, im einzelnen passiert, schildert Oliver Schwerdt in den liner notes recht plastisch. Sie zu lesen, sei unbedingt empfohlen, denn sie schaffen den weiteren Zugang zu Urs leimgruber einzigartigem Klangkosmos.

BÜCHER


Amiri Baraka, Digging – The Afro-American Soul of American Classical Music, University of California Press, London 2009, 411 Seiten (ISBN 978-0-520-25715-3)
In den sechziger Jahren hat Amiri Baraka, der sich damals noch Leroi Jones nannte, viel zum Verständnis afroamerikanischer Musik beigetragen. Seine wegweisenden Bücher „Schwarze Musik“ und „Blues People“ wurden auch hierzulande gelesen. Jetzt legt der amerikanische Autor, inzwischen emeritierter Professor an der State University New York, mit „Digging“ eine beachtliche Sammlung von Aufsätzen vor. Das Sammelsurium von Essays, Porträts, Plattenbesprechungen und Konzertkritiken, die aus den vergangenen beiden Dekaden stammen, scheint zunächst wie ein undurchdringlicher Dschungel. Barakas Slang will außerdem verstanden werden. Vieles liest man mit Gewinn, vieles mit Ärgernis. Der Autor beharrt auf seiner Position aus alten Tagen, als Rassismus allgegenwärtig war. „The Afro-American Soul of American Classical Music“ (Untertitel) liegt ihm am Herzen, der Begriff Jazz taucht kaum auf. Was er einst verdienstvoll herausarbeitete, dass das Wesen der US-Kultur zutiefst schwarz, also afroamerikanisch ist, erfährt heute dogmatische Verhärtung. Für Baraka steht fest, dass die weiße Kultur die schwarze nach wie vor ausbeutet. Die von Blues und Jazz abstammende Popularmusik hat die klassische amerikanische Musik von Irving Berlin, George Gershwin, Cole Porter oder Jerome Kern hervorgebracht. Der Erfolg dieser Komponisten beruhe auf der Ausplünderung afroamerikanischer Musik. Und Peter Brötzmann, der als einziger europäischer Jazzmusiker in diesem Buch behandelt wird, habe die Innovationen Albert Aylers für seine Zwecke missbraucht.
Was Barakas Darstellung anstrengend macht und manchmal ärgerlich werden lässt, ist seine verengte Perspektive des Rassen- und Klassenkampfes. Mehr Differenzierung im Urteil hätte diesem glänzenden Kritiker und Schriftsteller gut angestanden. Dank seiner Sprachgewalt erweist er sich auch als Poet, der seine Musikerporträts gelegentlich mit Gedichten schmückt.


Anja Gallenkamp, Jazz in der Nachkriegszeit. Frankfurt am Main: Die Begegnungen zwischen Amerikanern und Deutschen, AVM Verlag, München 2010, 75 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-89975-832-0)
„Jazz in der Nachkriegszeit“ ist keine profunde Studie, die sich mit der Entwicklung des Jazz in Deutschland nach dem letzten Krieg beschäftigt – lediglich in Ansätzen am Beispiel Frankfurts. Die Examensarbeit von Anja Gallenkamp konzentriert sich auf Frankfurt, „die hessische Landeshauptstadt“, wie es fälschlicherweise heißt. Dort befand sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte, deren zahlreiche Clubs Möglichkeiten der „Begegnungen zwischen Amerikanern und Deutschen“ (Untertitel) boten. Sie erst ermöglichten überhaupt deutschen Jazz, wenn auch in „plagiatorischer“ Form. Er ist jedenfalls als „Resultat der produktiven Begegnungen sichtbar“. Alles in allem werden die Erkenntnisse der vor Jahren erschienenen tiefgreifenden Darstellung von Jürgen Schwab „Der Frankfurt Sound“ reproduziert.
So schildert die Autorin einmal mehr die Geschichte des Hot-Club, stellt dessen Fan-Postille, die 1947 nach 28 Ausgaben eingestellt wurde, als „erste regelmäßige Jazz-Zeitschrift“ vor, berichtet von den Auseinandersetzungen um den Jazz, der „sich Schritt für Schritt seinen Weg bahnte“, macht mit dem „weiterhin bürgerlichen Amerikabild“ bekannt und hält mit weiteren bekannten Details nicht hinterm Berg. Dass der Frankfurter Hot-Club mit anderen Clubs zur Deutschen Jazzföderation fand, wird beiläufig erwähnt, hätte aber weitergehende Betrachtung verdient gehabt. Die Entwicklung des Jazz in den verschiedenen Besatzungszonen verlief nämlich durchaus unterschiedlich. Die „Jazz-Hauptstadt“ Franfurt musste andere Zentren ertragen. Unbestritten ist, dass „die entscheidenden Weichen für den deutschen Nachkriegs-Jazz der fünfziger Jahre“ damals gelegt wurden. Ob sich der Besatzungsstatus für den deutschen Jazz überall so „belebend“ auswirkte wie in Frankfurt, wäre zu untersuchen.


Christian Broecking, Ornette Coleman – Klang der Freiheit, Interviews, Broecking Verlag, Berlin 2010, 123 Seiten (www.broeckingverlag.de)
Mit seinen drei Interview-Büchern hat sich Christian Broecking einen Namen gemacht. Der Berliner Publizist hat sich über Jahre hinweg kompetent mit afroamerikanischen Musikern unterhalten. Ihm ging es darum, wie er formulierte, „subtile Schichtungen sprachlicher und musikalischer Bedeutung“ des Jazz zu ergründen. Den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Erfahrungen und künstlerischem Ausdruck galt und gilt es, auf die Spur zu kommen.
Ornette Coleman machte es dem Interviewer nicht leicht. In den jetzt überarbeiteten Gesprächen, die in einem Extrabändchen zum 80. Geburtstag des Saxofonisten erschienen sind, wird deutlich, dass der vom Autor oft dem Jazz zugeschriebene „Widerstandscode der schwarzen Community“ nicht immer auszumachen ist. Coleman bestreitet ohnehin, dass seine Biografie die schwarze Rasse repräsentiert. Im Spannungsfeld zwischen Armut und Rassismus aufgewachsen ist hieraus keine besondere musikalische Entwicklung entstanden. Im Gegenteil: sie blieb davon unberührt. Seine Musik entstand, wie er bekennt, aus „Tränen, Traurigkeit und Einsamkeit“. Sie hat zur Überwindung der Segregation beigetragen. „Musik existierte bereits, bevor man wusste, was Farben sind“, so Coleman, der nicht gern von schwarzer Musik spricht. Entscheidend sind für ihn, den Pulitzerpreisträger, ob Kategorien wie Menschlichkeit und Qualität greifen.
Dem schmalen Band beigefügt sind zusätzliche Interviews mit Musikern, die Ornette Coleman einige Jahre begleitet haben. Charlie Haden, der mit 19 Jahren seiner Band beitrat, ist stolz, Ornette Coleman getroffen zu haben. Er fühlt sich bis heute „seiner Musik sehr verbunden“. Im übrigen sieht der Bassist Jazz als politische Kunstform, auch wenn er nicht in der schwarzen Gemeinschaft aufgewachsen ist. Aus ihr ist Don Cherry, dessen Interview ebenfalls angefügt ist, früh ausgebrochen. Der verstorbene Trompeter ließ sich 1970 in Schweden nieder, wo er lernte, wie er sagt, „mich als Mensch wahrzunehmen.“ Statements zahlreicher anderer Jazzer, von Anthony Braxton über Jason Moran und Dewey Redman bis Henry Threadgill, runden den Band ab.

Christian Broecking, Herbie Hancock – Interviews, Broecking Verlag, Berlin 2010, 77 Seiten
In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich Christian Broecking wiederholt mit Herbie Hancock unterhalten. Der Berliner Publizist, der mit tiefgründigen Interviews, die bislang in drei Bänden veröffentlicht wurden, die Jazz-Szene beleuchtet, hat zu Hancocks 70. Geburtstag dessen ältere Interviews überarbeitet und neuere hinzugefügt. Der Pianist, der zu den einflussreichsten Innovatoren der Jazzgeschichte zählt, spricht auf knapp 80 Seiten über Miles Davis, Wynton Marsalis, HipHop, Internet, Ethik und Rassismus. Die Strichworte liefern wichtige Einblicke in Überzeugungen und Erinnerungen des erfahrenen Musikers. Er, der praktizierende Buddhist, spricht nicht nur über Musik, sondern über das Dasein an sich. „Damals sah ich mich als Musiker, heute sehe ich mich als Mensch“. Ihm geht es, bekennt er, um „Selbstfindung als Mensch“. Er fühlt sich nicht als Teil der Jazz-Community („Das habe ich hinter mir“) und möchte nicht „in eine kleine Box gesteckt werden, auf der Jazz steht“. Hancock warnt davor, ein Leben lang dasselbe zu tun. Wynton Marsalis und seine Clique sind ihm zuwider: „Mich stört dabei die verengte Sicht“.
Ergänzt werden die fünf Gespräche durch zwei Interviews mit Ron Carter und Wayne Shorter, langjährige Weggefährten Hancocks im legendären Miles Davis Quintett der sechziger Jahre. Shorter, mit Hancock eng befreundet und ebenfalls Buddhist, ist wohl der konsequenteste Umsetzer der Miles-Davis-Philosophie. Für den Saxofonisten liegt die einzige Konstante ebenso im steten Wandel. Dass Kernsätze ähnlich wie die von Hancock klingen, verwundert nicht. „Mit zunehmendem Alter“, las man schon bei Hancock, „verharren viele Musiker in der Komfort-Zone“. Den Gedankenspielen der beiden Freunde vermag sich Ron Carter nur bedingt anzuschließen. Der Bassist gibt sich als seriöser, wertkonservativer Mensch, der keine Zweifel aufkommen lässt ob seiner Integrität. Neugierig und offen zu sein für musikalische Veränderungen, darin stimmen die drei Musiker überein. Die Einsichten und Meinungen dieser Altvorderen hätten mit besseren Fotos bestückt werden können.



Dietrich Rauschtenberger, Jazz und Ikebana – Stories, Verlag Das Fünfte Tier, Stans 2009, 196 Seiten, 21 Euro (ISBN 978-3-9523439-2-0)
Mit dem „Jazz Podium“ von 1983 beginnt die Geschichte des verschwundenen Jazzmusikers Tom Freyermann. Das Titelbild des Magazins inspiriert zu einer einzigartigen Suche. Sie ist Sinn und Inhalt der Erzählung „Jazz und Ikebana“, die Dietrich Rauschtenberger, zusammen mit vier weiteren Geschichten aus dem Jazz-Milieu, kürzlich zu seinem 70. Geburtstag vorlegte. Der Wuppertaler Autor und einstige Free-Jazz-Pionier, der 1960 im Trio mit Peter Brötzmann und Peter Kowald erstmals in Erscheinung trat, frönt seit den siebziger Jahren seiner Leidenschaft, Performances mit Musik und Literatur zu verbinden. Der vorliegende Erzählband ist sein viertes, eigenständige Produkt.
Dass es zunächst Fragen aufwirft, ist verständlich. Die japanische Kunst des Blumensteckens bringt man nicht unbedingt mit Jazz in Verbindung, macht aber neugierig. „Jazz und Ikebana“ nennt sich das große Projekt der Free-Jazz-Oper (?) des verschollenen Tom Freyermann. Um sie rankt sich die Geschichte der vergeblichen Suche, die zumindest mit dem turbulenten Leben eines Künstlers bekannt macht. Bei aller Faszination sollte der Leser froh sein, lenkt der Verlag ein, „nur davon lesen und es nicht leben zu müssen“. Die folgenden vier kurzen Geschichten , die nur ein Fünftel der titelgebenden ausmachen, sind mitunter von herbem Humor. Der Leser erfährt, dass das Saxofon eine Verlängerung des menschlichen Darms ist, dass das Mirliton zu d en ältesten Musikinstrumenten der Menschheit zählt und der fette Bassist Mingus heißt. Mag manches haarsträubend daherkommen, was sich Dietrich Rauschtenberger ausgedacht hat, so kommt es doch aus berufenem Mund. „Hinter die Masken der Darsteller und die Kulissen unserer Welt zu schauen und mit Maß und Rhythmus die Dinge auf den Punkt zu bringen“, wie Herausgeber und Verlagsleiter Max Christian Graeff im „Nachsatz“ schreibt, gelingt nicht jedem. Höhenflügen und Fallstricke des Improvisierens sind in der Kunst wie im Leben versteckt.

Duncan Heining, George Russell – The Story of an American Composer, The Scarecrow Press, Lanham 2010, 373 Seiten (ISBN 978-0-8108-6997-4)
Wohl kaum ein Werk hat den modernen Jazz stärker geprägt als das „Lydian Concept of Tonal Organization“von George Russell. Über den vergangenes Jahr verstorbenen Theoretiker, Komponisten, Musiker und Pädagogen ist jüngst eine umfangreiche Biografie erschienen von Duncan Heining erschienen. Der britische Publizist, seines Zeichens Sozialwissenschaftler, würdigt in elf Kapiteln Leben und Werk Russells. Er erzählt „The Story of an American Composer“, wie es im Untertitel heißt. Diese „einzigartige Gestalt des Jazz“ wird dem Leser nahe gebracht als „Geschichte einer Selbstverwirklichung“. Deren Ruhm und Respekt zu mehren, liegt dem Autor am Herzen.
George Russell, der trotz (nicht wegen) des amerikanischen Traums Erfolg hatte, kam früh in Kontakt mit verschiedenen Arten von Musik. Er spielte zunächst Schlagzeug, dann Klavier, als er seine kompositorische Ader entdeckte. Ab Mitte der vierziger Jahre verfasste er Arrangements und schrieb Stücke für Swing- und Bebop-Orchester. Russell gehörte zum Kreis der Musiker um John Lewis, Gil Evans, Gerry Mulligan und Miles Davis, die den Cool Jazz aus der Taufe hoben. Seine berühmten Kompositionen „Cubana Be, Cubana Bop“, interpretiert von Dizzy Gillespie, oder „Ezz-thetics“, interpretiert von Lee Konitz, waren erste Versuche, Cool und Bebop um Elemente klassischer Musik zu erweitern.
Lange Perioden von Krankheit und Rekonvaleszenz zwangen Russell immer wieder zu Inaktivität und zum Nachdenken. So hat er schließlich sein philosophisch-ästhetisches Konzept entwickelt, das er seit Mitte der fünziger Jahre auch verschiedenen Musikern vermittelt hat. „Das lydische Konzept ist entstanden aus der Musik, die ich mein ganzes Leben gehört habe, und dem Wissen, das ich von den Leuten auf der Straße aufgegriffen habe“, erklärte er später. Heute gibt es zwar wenige Musiker, die Russells lydisches Konzept in reiner Form anwenden, aber die damit verbundenen Ideen haben den Jazz seit 1960 maßgeblich beinflusst. Einflüsse bis auf die Pioniere des Folk werden beleuchtet. Die Theorie führte zum modalen Spiel und nahm den Jazz-Rock der sechziger und siebziger Jahre vorweg.
Ausgehend von der Tatssache, dass die vierte Stufe der siebentönigen Tonleiter der Naturtonreihe erhöht ist, leitet sich Russells Konzept ab. Nicht die Dur-Tonleiter ist ursprüngliche Tonalität, sondern die lydische Tonleiter. Bei konsequenter Benutzung ergeben sich bei einer Reihe anderer Tonleitern andere Eigenschaften. Russell unternahm als erster Theoretiker den Versuch, die besonderen Eigenheiten der Jazz-Tonalität, die sich aus der Praxis entwickelt haben, in ein theoretisches System zu fassen. Dies geschah parallel zu all den Versuchen, die in den vierziger und fünfziger Jahren von zahlreichen Musikern wie Gil Evans oder Stan Kenton unternommen wurden.
Russel hat auch das Nachdenken über Improvisation forciert. Seit seinem Konzept spricht man von horizontaler und vertikaler Improvisation. Letztere bezieht sich immer auf Akkorde der Begleitung, ein horizontaler Spieler befasst sich in erster Linie mit Melodien und mag keine allzu starken harmonischen Wechsel. John Coltrane hat manchen Gedankeansatz Russells auf intuitive Weise weiterentwickelt. Heutiges Improvisieren in der Tonalität und einem bestimmten Rhythmus, auch dafür lieferte der Vordenker, der sich nicht gerne Theoretiker nennen ließ, ist kein Gegensatz mehr zum Spiel außerhalb einer bestimmten Tonalität und Rhythmik. Im Zeitalter der Postmoderne ist alles potentiell multidimensional geworden, eine Frage des eigenen Bezugspunktes letztendlich.
Russells Ideen haben in Europa mehr Interesse gefunden als in seiner amerikanischen Heimat. 1964, nach einem Auftritt mit seinem Sextett bei den ersten Berliner Jazztagen, blieb er in Schweden, wo er beim Rundfunk in Stockholm eine Art Hauskomponist wurde. 1969 ging er in die USA zurück, um Professor am New England Conservatory in Boston zu werden. Diskografie, Bibliografie und Tourdaten runden den profunden Band ab.


Jazzzclub Neue Tonne Dresden e. V. (Hrsg.): „Streiflichter. Erinnerungen und Überlegungen zum Jazz in Dresden rund um die politische Wende“, Dresden 2010, 56 Seiten, 5 Euro (ISBN 978-3-941209-04-6) (www.jazzclubtonne.de)
Am Ende des staatlich geförderten Forschungsprojekts „Wendejazz – Jazz in Dresden rund um die politische Wende 1989“ ist eine Broschüre erschienen, die die damaligen Ereignisse dokumentiert – focussiert auf den Jazz am Beispiel der „Tonne“. Der weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewordene Club – dies ist die wichtigste Erkenntnis der Forschungen, die auf die Diplomarbeit von Viviane Czok-Gökkurt zurückgehen – gehörte zu „den Nutznießern der Kultur- und Sicherheitspolitik der DDR …, keinesfalls zu den Benachteiligten und Unterdrückten“. Die „Tonne“ ist entstanden „aus dem Zwang- und deshalb auch krankhaften Kontrollbedürfnis von Partei- und Staatssicherheit“. Im Leitungsgremium der 1977 gegründeten IG Jazz, die Programm und Organisation der Tonne verantwortete, saß mindestens ein Stasi-Spitzel. So diente der Jazz in Dresden als „gutes Informationssammelrevier“. Um so erstaunlicher, dass die Wende-Ereignisse erst spät Fuß fassten. Auf der großen Kundgebung am Berliner Alexanderplatz am 9. November 1989 war Baby Sommer der einzige Jazzer, der in Erscheinung trat. In Dresden „ bescherte die zeitgenössische Musik in den Zeiten des Umbruchs dem Jazz einen Touch von gesellschaftlichen Aufgaben“.
„Die Rolle der Subkultur Tonne zu klären“, dieses Anliegen ist der vorliegenden Broschüre bravourös gelungen. Sie ist auch optisch ansprechend gestaltet dank der Zeichnungen des verstorbenen Dresdner Grafikers Jürgen Haufe. Seine seit Ende der achtziger Jahre bei Konzerten entstandenen Skizzen vieler Jazzer „bannten rasante Bewegungen, typische Spielhaltungen, ganze Spielabläufe oder eher abstrakt wirkende expressive Körperverdrehungen der meist in höchster Anspannung spielenden Musiker“. Die Grafiken stellen einzigartige Bildquellen dar und ergänzen vorbildlich die Darstellung zum Jazz in der Tonne rund um die Wenedezeit im Herbst 1989. Die IG Jazz wurde ein Jahr später neu gegründet, musste Ende 2000 Insolvenz anmelden, was noch im gleichen Jahr zur Gründung des „Jazzclub Neue Tonne Dresden“ führte.



Martin Lücke, „Ja, der Kurfürstendamm kann erzählen“ – Unterhaltungsmusik in Berlin in Zeiten des Kalten Krieges, Siebenhaar Verlag, Berlin 2009, 192 Seiten, 24,80 Euro (ISBN 978-3-936962-46-8)
Anlass der vorliegenden Untersuchung zur „Unterhaltungsmusik in Berlin in Zeiten des Kalten Krieges“ (Untertitel) war der 100. Geburtstag des Komponisten und Dirigenten Hans Carste. Seine knapp skizzierte Charakteristik könnte Motto der Untersuchung sein. “Er, der der leichten und unterhaltenden Musik einen festen Platz im Rundfunk, auf Schallplatte und im Rahmen zahlreicher Konzerte gab, war vielseitig wie nur wenige seiner Generation, ein Grenzgänger zwischen ernster und unterhaltender Musik, der von Operetten über Filmmusik, konzertanten Suiten bis zum schnelllebigen Schlager alles schreiben konnte“ (S. 7).
So hat Martin Lücke das breite Spektrum von Schlagern, Tanzmusik, Jazz, Operette und Revue im Blick, wenn er über ein halbes Jahrhundert Unterhaltungsmusik in Berlin beleuchtet. Dass der Autor, Professor für Musik-Management in München, sich bislang nicht nur mit Schlagern befasste, sondern auch eine Darstellung zum Jazz in totalitären Regimen vorlegte, qualifiziert ihn für dieses grenzüberschreitende Projekt. Freilich spricht er nur von „Schlaglichtern“, da er sich auf das Unterfangen einer umfassenden Gesamtdarstellung nicht einlässt. Die Geschichte des Berliner Musiklebens, so „diskontinuierlich“ sie sein mag, gelingt Lücke mit Abstrichen in groben Zügen. Ausgangspunkt ist die Gewerbefreiheit von 1869, die einen Boom an Varietes und Theatern auslöste, was „die Herausbildung einer weltstädtischen Unterhaltungsindustrie“ möglich machte. Nach 1918 , als der Krieg verloren war, verstärkte sich das starke Amüsierbedürfnis. Paul Lincke, der Begründer der Berliner Operette, komponierte den Evergreen „Das ist die Berliner Luft“, der zur zweiten Nationalhymne wurde. 1921 war erstmals vom Jazz die Rede, der neuen Musikwelle, die von Amerika herüberschwappte. Die großen Orchester von Bernard Ette, Dajos Bela und Marek Weber spielten mit „jazziger Tanzmusik“, wie es heißt, in diversen Hotels täglich zum „Fünf-Uhr-Tanztee“. Für die Unterhaltungs-Szene brach „eine grandiose, unvergessliche Zeit“ an. Nach einem weiteren verlorenen Krieg erwachte das kulturelle Leben recht schnell wieder. Der Rundfunk erstand aus Ruinen und gründete das RBT Tanzorchester, in dem zahlreiche Jazzer saßen. Dass der Leiter Horst Kudritzki den Nazis diente, interessiert den Autor kaum, wie er überhaupt gern historische Hintergründe außer Acht lässt. Ihn interessiert eher der weitere „swingende Grundsound“, für den die Orchester von Kurt Widmann („Hallo, die entartete Kunst hat doch gesiegt“), Kurt Hohenberger und Walter Dobschinski sorgten. Die Schlager von Bully Buhlan, der auch ein passabler Jazz-Pianist war, „verdeutlichten den damaligen Zustand der Deutschen“. Und: da auch im Jazz „Überraschungen möglich“ waren, elektrisierte ein Trompeter die ganze Stadt. Rex Stewart rat in Ost wie West auf. Eine Jazz-Debatte, auf die Lücke kurz eingeht, wurde losgetreten. „Die Programmzeitschrift ´Der Rundfunk´ griff die seit Jahren schwelende Diskussion um den ´rhythmisch-stampfenden´ Hot-Jazz und den melodiöseren Swing auf, verwies auf die musikalische Ausdruckskraft, die wundervolle Improvisationskunst, und warb letztlich für beide Stile. Amerikanische Interpreten wie Duke Ellington, Arthur Shaw oder Benny Goodman waren im Programm keine Ausnahme, und das RBT spielte eine breites Repertoire, von angloamerikanischer über russische Musik bis hin zu Tangos und populären deutschen Spitzenschlagern. Berliner Jazzgrößen wie Coco Schumann oder Helmut Zacharias mit seinem beliebten Quartett spielten im Berliner Rundfunk genauso selbstverständlich wie im RIAS. Die Jazz- und Swingszene war (noch) offen und fand im Westen wie im Osten der Stadt ihr breites Publikum“ (S. 102). Dort allerdings wurde alsbald verlautet: „Jazz sei für die Jugend Deutschlands nur ein Ersatz für echte Volksmusik, ein Narkotikum, das die Jugend daran hindere, ihre wahre Lage zu erkennen und stattdessen politische Passivität fördere“ (S.104).
Abschließend wird Hans Cartstes Vita nochmals skizziert. Gerühmt wird seine Filmmusik, „die den Sound Berlins jahrzehntelang prägte“. Wer wissen will, wie dies alles klang, ist mit der beigefügten CD bestens bedient.


Max Wirz, Big Bands – einst und jetzt, Verlag Tonema, Frauenfeld 2010, 304 Seiten (ISBN 978-3-033-02321-5)
Seiner neu erschienenen Geschichte der Bigbands gibt Max Wirz den vielsagenden Untertitel „einst und jetzt“ – womit die Schieflage beginnt. Denn der Schweizer Radio-Moderator streift die Gegenwart nur und konzentriert sich ganz auf die Vergangenheit, was sicher mit seinem traditionellen Jazz-Verständnis zu tun hat. Die hier präsentierten Bigbands sind vom alten Schrot und Korn, auch wenn sie heute aktiv sind. Experimentelle Orchester mit modernem Sound kommen wohlweislich nicht vor, nicht einmal die Bigbands der Rundfunkanstalten werden erwähnt. Dabei waren sie es, die die Nachkriegsgeschichte des Bigband-Jazz entscheidend geprägt haben.
Wirz wirft in fünf Kapiteln den Blick zunächst auf das Stammland des Jazz, die USA. Er lässt seinen Freund Richard Grudens zu Wort kommen, der jüngst „Star Dust“ veröffentlicht hat, „The Bible of the Big Bands“, wie das Buch im Original heißt. Daraus gestaltet Wirz mit eigener Übersetzung das erste Kapitel seines Buches. „Big Bands in den Vereinigten Staaten“ stellt lediglich Ray Anthony, Count Basie, Les Brown, Duke Ellington, Benny Goodman, Harry James, Glenn Miller und Artie Shaw vor. Ben Grisafi´s Big Band und „das erste organisierte Tanzorchester“, das Art Hickman 1913 auf die Beine stellte, werden ebenfalls herausgehoben. Weder in der wichtigen Darstellung der Bigbands, die George Simon 1967, 1981 in überarbeiteter Fassung vorlegte, noch im „New Grove“ fanden sie Eingang. Das US-Kapitel schließt Grudens mit Aufnahmen, die über eine Million Mal verkauft wurden, Erkennungsmelodien und den besten Titeln des Jahrhunderts ab. Wirz ergänzt Seiten über die Big Band Hall of Fame, eine Kreuzfahrt sowie drei weitere unbekannte Bands.
Auch die Bigbands, die aus England vorgestellt werden, sind hierzulande kaum bekannt. Das Kapitel Deutschland wird von den noch immer durch die Lande ziehenden Swing-Legenden Max Greger, Paul Kuhn und Hugo Strasser eingeleitet. Die Orchester von Bert Kaempfert, Billy Gorlt, Ambros Seelos und Günter Noris sind eher der Unterhaltungs- und Tanzmusik zuzurechnen. Dies gilt nicht minder für die Schweizer Bigbands, die noch durch einige Amateur-Orchester ergänzt werden. „Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern“, ist zu lesen, weist die Schweiz eine enorme Dichte auf an Bigbands“. Eine herausragende Stellung nehmen Teddy Stauffer, Hazy Osterwald, Pepe Lienhard und Dani Felber ein. Warum die Geschwister Schmid auch auftauchen, bleibt rätselhaft.
Der Autor, ganz Radio-Moderator, erzählt Geschichten, Erlebnisse, Begegnungen und Anekdoten, die sich nur schwer zu einer Geschichte der Bigbands, geschweige denn zu deren Entwicklung, zusammenfügen. Sie illustrieren in winzigen Schritten lückenhaft, „wie die Swing- und Bigband-Musik in Europa Fuß fasste“, so Max Greger im Vorwort. Zwar beschwört Richard Grudens einleitend deren große Ära mit ihren legendären Leadern, doch ihre Wiedergeburt bleibt ein „Traum“ für ihn. Wesen und Wirken der Bigbands, auch hier Fehlanzeige. So ist „Big Bands – einst und jetzt“ nur unter Vorbehalt ein Nachschlagwerk zu nennen. Hilfreich sind immerhin die weiterführenden Internet-Adressen.

Montreux Jazz Festival – Die Emotionsmaschine, Du 808, Juli/August 2010, 130 Seiten, 15 Euro (ISBN 978-3-905852-29-5) (zu beziehen über: hk@hanne-knickmann.de)
„Einen Blick hinter die Bühne werfen“ möchte „Du“ mit ihrem Sommerheft „Montreux Jazz Festival“. „Die Emotionsmaschine“ nennt die seit Jahrzehnten bestehende Schweizer Kulturzeitschrift das Festival am Genfer See, das seit 1967 einen bunten Mix aus Jazz, Pop, Blues und World Music liefert. Mit Emotionen hat es viel zu tun, zumal sich eingeschworene Jazzfans lieber fern halten. „Der Glamour“, schreibt Ane Hebeisen kritisch in einem Beitrag, „wurde irgendwann wichtiger als die Musik“.
Ob das umstrittene Festival noch ein „Synonym für Entdeckergeist“ ist, lässt Herausgeber Stefan Kaiser im Vorwort offen. „Der Glanz (ist) in den letzten Jahren etwas matter geworden“, stellt er fest, seitdem sich „eins der bedeutendsten Sommerfestivals“ am internationalen „Popwanderzirkus“ beteiligt. „Veränderungen einer Branche“ hinterlassen außerdem einen „kontroversen Zustand“, wie Kaiser abschließend notiert. Ganz anders sah es aus, wirft man einen Blick zurück in die Entstehungsgeschichte des Festivals, wie es Christian Rentsch im „Archiv der Rhythmen tut“. Nach ersten Blues-Konzerten Anfang der sechziger Jahre und der ersten TV-Aufzeichnung mit Erroll Garner 1964 konnte Claude Nobs in Zusammenarbeit mit dem Tourismus-Büro das Montreux Jazz Festival drei Jahre später auf den Weg bringen. Bis heute ist Nobs verantwortlich, inzwischen 74 Jahre alt. Ihm zur Seite steht Lori Imm, die im Interview Programm-Probleme erläutert. Ergebnis muss stets eine „gute Mischung“ bringen.
Leider nimmt nur gut die Hälfte der Seiten das Titel-Thema ein. Es folgt noch ein Porträt der Soul-Stimme Erykah Badu, die auch das Titelbild ziert, sowie ein Interview mit Soul-Elektroniker Jamie Lidell, zwei Künstler, die beim diesjährigen Festival zu hören waren. Ein Text über die Gewinner des letzten Nachwuchs-Wettbewerbs lässt die „Emotionsmaschine“ auslaufen. Ein Übriges tun die hervorragenden Fotos, die dem Mythos Montreux entgegenkommen.


The Soul of Motown von Torsten Groß (Illustration: Alexandra Kardinar, Volker Schlecht) - Eine Labelgeschichte in 15 Songs, EMI Music Publishing/Edel, Hamburg 2009, 159 Seiten, 58 Euro (ISBN 978-3-941378-30-8)
Bis in die Tiefen von „Bild“ und Boulevard drang die Kunde von „The Soul of Motown“. Das Buch zum 50-jährigen Jubiläum des legendären Labels ist eine üppig bebilderte Geschichte des größten je in Privatbesitz eines Afroamerikaners befindlichen Medienkonzerns. Dessen Entwicklung und Geschichte schildert Torsten Groß in groben Zügen. Der Redakteur des deutschen „Rolling Stone“ stellt die Menschen vor, die das Label prägten, allen voran Barry Gordy mit seinem autokratischen, aber höchst wirkungsvollen Führungsstil. Im einleitenden Interview stellt er klar, „… dass die Musik die Antwort auf alle Fragen war“. „Wir wollten“, fährt der angeblich vom „Jazz magnetisch Angezogene“ fort, „nicht einfach schwarze Musik machen, sondern Musik für jeden“. Der sagenumwobene Gründer, der vergangenes Jahr achtzig wurde, machte Motown mit einem Familienkredit von 800 Dollar zu einem der wichtigsten Platten-Labels der Welt. Gordy zur Seite stand das nicht minder profilierte Autoren- und Produzenten-Team Holland/Dozier/Holland. 1966 stammten bereits drei Viertel der in den Charts befindlichen Produktionen aus „Gordy´s Hit-Fabrik“, wie die Detroiter Firma genannt wurde.
Der prachtvolle Band, der, wie der Untertitel verspricht, „Eine Labelgeschichte in 15 Songs“ ist, würdigt auf besondere Weise die schiere Vielzahl erfolgreicher Single-Hits. 15 davon, auf beiliegender CD auch zu hören, werden mit ihrer Geschichte und den dazugehörigen Texten und Notenauszügen vorgestellt. Jedem einzelnen Song geht Groß nach, schmückt ihre Geschichte mit mehr oder weniger stimmigen Anekdoten aus. Die eindrucksvollen farbigen Illustrationen von Alexandra Kardinar und Volker Schlecht tun ein Übriges. Ob „Stop, in the name of love“, „What´s going on“, „War“ oder „Money“, vorgetragen von den Supremes, Marvin Gaye über Edwin Starr bis Stevie Wonder, alles waren Hits. Letzterer sei beispielhaft herausgegriffen. „Das in zweieinhalb schwungvolle Minuten verpackte Lebensmotto Gordys erreicht Platz zwei der R/B-Charts. Zudem ist der Song mit seinem klar verständlichen Text und der einprägsamen Melodie eine Art Blaupause für den Motown-Sound der folgenden Jahre – die Firma hatte ihren Stil gefunden“.
Dass Barry Gordy´s restriktive Geschäftspolitik viele irritierte, wird nur am Rande erwähnt. 1972 wurde Motown, „das erfolgreichste schwarze Unternehmen der Welt“, wie es hochtrabend heißt, nach Los Angeles verlegt, neun Jahre später für 61 Millionen Dollar verkauft. Der aufwendig illustrierte Band, von der Stiftung Buchkunst zu einem der „schönsten Bücher“ gekürt, sei mit Abstrichen all denen empfohlen, die um die Geschichte der schwarzen Musik wissen wollen.

Arrigo Cappelletti, Paul Bley – The Logic of Chance, Vehicule Press, Montreal 2010, 171 Seiten (ISBN 978-1-55065-252-9)
Neben Bill Evans und Keith Jarrett behauptet sich Paul Bley im modernen Jazz glänzend. Die einzigartige Stellung des kanadischen Pianisten stellt Arrigo Cappelletti in seiner gelungenen Untersuchung heraus. Sie verknüpft knappe biografische Daten, also Leben und Werk im weitesten Sinn.
Der italienische Jazz-Professor am Konservatorium in Venedig, der auch als Pianist und Komponist in Erscheinung tritt, betont im Vorwort Paul Bleys Rolle als „mad man“ und Anarchist, der schon Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verkündete, dass die Zeit reif sei für eine Revolution. Er selbst stand im Zentrum vieler folgender Revolutionen, zählte 1958 zu den ersten, die Ortnette Coleman eine Chance gaben und war 1969 der erste Musiker, der einen Synthesizer live einsetzte. Wie der Weg zur neuen Freiheit verlief, ist zunächst den 32 kleinen Variationen über Bleys Klavierstil zu entnehmen, den eine gewisse magische Aura umgibt. Die näher erklärten griffigen Stichworte reichen von schierer Notwendigkeit über Improvisation, Akkorde, Tradition, Minimalismus und elektrischen Jazz bis zum direkten Pragmatismus, um ein paar herauszugreifen.
Seine Soli, tief verwurzelt in Tonalität und Blues, entwickeln sich einer rigorosen, unbegreiflichen Logik entsprechend, so der Autor. Bley stellt die Verbindung her zur Jazztradition und baut Brücken zwischen zwei Welten, die ansonsten nicht miteinander kommunizieren. Mit viel Sympathie und Einfühlungsvermögen schildert Cappelletti den Pianisten, dessen Aussagen er stets kritisch hinterfragt. Der Leser, dem einige Englisch-Kenntnisse abverlangt werden, erfährt nicht nur über Leben und Werk eines großen Jazzschaffenden, sondern auch die Musik wird ihm näher gebracht durch exakte Darstellung von Komposition und Improvisation, wie sie dieser theoretischen Studie eigen ist.
Im abschließenden Interview äußert sich Paul Bley über Blues, Stille, Vorbild Bill Evans („Er spielte meinen Stil besser als ich selbst“), Einflüsse (am meisten: Don Cherry und Albert Ayler). Eine brauchbare Bibliografie, die auch Artikel aus dem „Jazz Podium“ aufweist, sowie eine Diskografie aller rund 120 Alben, die Bley von 1953 bis 2008 eingespielt hat, runden den Band ab.

Schaffhauser Jazzgespräche, herausgegeben von Christian Rentsch und Urs Röllin, Edition 03, Chronos-Verlag, Zürich 2010, 149 Seiten (ISBN 978-3-0340-1036-8)
„Die Schaffhauser Jazzgespräche, vom Jazzfestival Schaffhausen bereits 2004 initiiert, versuchen, im Dialog mit Musikerinnen und Musikern, mit Konzert- und Festivalveranstaltern, Kulturpolitikern und Fachjournalisten die Situation der aktuellen Jazzszene zu analysieren und nach Chancen zu fahnden, Möglichkeiten aufzuspüren, wie sich in und mit diesem Wandel leben lässt“. Zweck und Sinn dieser einmaligen Einrichtung bringt Christian Rentsch schlüssig auf den Punkt. Der Herausgeber des dritten Bandes, der Referate und Diskussionen aus den Jahren 2007 bis 2009 dokumentiert, setzt sich weiter mit den kulturellen Bedingungen auseinander, die dem Jazz enge Grenzen setzen. Im kleinen Land der Schweiz ist die allseits spürbare Problematik tiefer gehend. Die Themen der Tagungen, die leider lückenhaft dokumentiert sind, lassen sich aus dem Inhaltsverzeichnis herauslesen. Sie reichen von „Jazz und Internet“ über Festivals und Lobbying bis zu Musikerkollektiven und Netzwerken. Sie bieten, sind sich die Herausgeber sicher, „einen guten Überblick über die Probleme, welche die Jazzszene derzeit beschäftigen“. So klar die Fragen formuliert, die Probleme benannt werden, so diffus mitunter sind die Antworten und selten werden Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Neue Präsentationsformen, wie sie der Flötist Matthias Ziegler aufzeigt, gehören ebenso dazu wie Netzwerke, zu denen sich verschiedene Selbsthilfegruppen zusammengeschlossen haben. „Nur starke Netzwerke“, unterstreicht Rentsch, „in denen vor allem auch die Musiker ihre Bedürfnisse artikulieren und verwirklichen können, vermögen dem fatalen Sog des leer laufenden Unterhaltungsbetriebs zu entkommen und eine zukunftsträchtige Szene zu etablieren, in der Musik mehr ist als bloß ein rentables Produkt“. Freilich wird auch über Fördermöglichkeiten nachgedacht. Dass Jazz und Klassik dieselbe Subventionierung erhalten, steht für Marcus Maida außer Frage, der die Unterscheidung zwischen E und U zudem unsinnig findet („ästhetisch irrelevant“).
Abschließend berichten verschiedene Veranstalter, Manager und Club-Besitzer von ihren einschlägigen Erfahrungen im Business. Sie gilt es, gemeinsam nutzbar zu machen, womit der Sinn dieser Veröffentlichung mehr als gerechtfertigt ist.


Werner Josh Sellhorn, Jazz-Lyrik-Prosa. Zur Geschichte von drei Kultserien, Christoph Links Verlag, Berlin 2008, 158 Seiten, 14,90 Euro (ISBN 978-3-86153-581-2)
„Jazz-Lyrik-Prosa“ behandelt die „Geschichte von drei Kultserien“ (Untertitel) in der ehemaligen DDR, die allesamt, wie ersichtlich, mit Lyrik und Jazz zu tun haben. Bereits Ende der fünfziger Jahre zog der Lyriker Jens Gerlach durch die Lande mit vom Jazz begleiteten Gedichten, ehe Joachim Ernst Berendt im Westen das Gleiche tat. Erst kürzlich ist seine 1960 erschienene erste „Lyrik und Jazz“-LP wieder veröffentlicht worden. Dass auch im Osten die Reihe populär wurde, belegt die vor einiger Zeit erschienene vorzügliche Dokumentation. Vorgelegt hat sie Werner Josh Sellhorn, der im vergangenen Jahr verstarb. Ein besserer Chronist hätte sich nicht finden lassen als der Begründer der Reihe selbst. Sellhorn, der als Moderator und Manager zahlreicher Bands sowie als Autor von liner notes, einer umfassenden Amiga-Diskografie und als Chronist der Szene den Jazz im anderen Teil Deutschlands populär zu machen verhalf, stellt seine Reihe einleitend kurz vor. Er erzählt, wie er 1964, damals Werbeleiter und Lektor eines Verlags, die Serie startete, nachdem es bereits einer Vorläufer gab. Bis zum Ende der der Serie, die von den Behörden mit Argusaugen beobachtet wurde, kamen fast alle namhaften Jazzmusiker zum Zug. Sie werden in dem Band alle biografisch vorgestellt und abgehandelt. Erst 1997, nach fast drei Jahrzehnten Pause, wurde die Reihe unter dem neuen Namen „Jazz-Lyrik-Prosa“ fortgesetzt, nun auch unter thematischen Aspekten. Dass sie nach 12 Jahren erfolgreicher Durchführung eingestellt wurde, vermag Sellhorn nicht eindeutig zu erklären. Dass es im Westen „keine wirkliche Tradition für solche Veranstaltungen“ bestand, wie er schreibt, kann nicht der Grund für das Ende gewesen sein. Als Dokument einer vergangenen Epoche ist diese Dokumentation durchaus nützlich. Sie ermöglicht es, alle Interpreten zu finden und kennen zu lernen, abschließend auch alle Programme und Tonträger.

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Jazz - Neuheiten Dezember 2009

CD`s

Aki Takase/Louis Sclavis, Yokohama, Intakt 165/Records
Eine ungewöhnliche CD legen Louis Sclavis (cl,bcl,ss) und Aki Takase (p) vor. Frisch und frech werden mühelos 13 eigene Titel präsentiert, die das Duo herausfordern. Es sind meist spontane Improvisationen, die von fest umrissenen Themen ausgehen, dann aber in verschiedene Himmelsrichtungen stürzen. Yokohomas Hafen öffnete die Tür zur Welt, wie Aki Takase, Japanerin mit Wohnsitz Berlin, beweist. Ihre fünf Stücke spielen darauf an. „Raw silk“ ist ein Hinweis auf den Seidenhandel mit Lyon, wo Louis Sclavis geboren wurde. Seine Antwort heisst „Vol“, ein Flug mit Loopings und Trudelphasen. Ansonsten pendelt das famose Duo zwischen Free Jazz, Noise und Neuer Musik, auch Liedhaftes findet sich. Klavier, Sopransax, Klarinette und Bassklarinette tasten sich ab, bewegen sich aufeinander zu und weg, Suchprozesse über verschiedene Themen und Motive folgen. Zwiegespräche, wie sie nicht alle Tage passieren.


Blue Note: Best of Miles Davis, Herbie Hancock, Wayne Shorter, John Coltrane, Sidney Bechet, Blue Note/Emi
Aus Anlass seines 70-jährigen Bestehens lässt Blue Note nach den Schlaglichtern auf Michel Petrucciani, Dexter Gordon und einer Retrospektive des Labels fünf weitere “Best of”-Kompilationen folgen. Diese „Best of“-Boxen mit jeweils drei CD´s enthalten jeweils einen Querschnitt des betreffenden Künstlers in einer bestimmten Schaffensphase sowie teilweise seltene Aufnahmen. Für Kenner freilich sind diese Boxen eher uninteressant, allenfalls Neulinge finden wichtige Zugänge zu den Musikern.
Bei Miles Davis zum Beispiel sind alle Ingredienzien versammelt, die seinen Aufstieg in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausmachten: warmer Ton, weiche Attacke, entspannte Phrasierung, schnörkellose Improvisation sowie eine akkurate Artikulation. In den drei Aufnahmesitzungen für Blue Note 1952, 53 und 54 reifte der Trompeter zum unverkennbaren Stilisten. 1958 spielte er mit Cannonball Adderly, ebenfalls für das Label, das Album „Something else“ ein, das komplett auf der dritten CD vertreten ist und deutlich von Miles´ Handschrift geprägt ist.
Als Herbie Hancock 1961 nach New York, dem Mekka des Jazz, kam, war er 21 Jahre alt und schon ein beachtlicher Post-Bop-Pianist. Einflüsse von Bud Powell, George Shearing, Bill Evans und Tommy Flanagan verschmolz er zu einem eigenen Stil. Sieben LP`s spielte Hancock in d en sechziger Jahren für das renommierte Label Blue Note in den sechziger Jahren als Bandleader ein. Während die beiden ersten CD`s der Box einen Querschnitt bieten durch jene Jahre, darunter die Hits „Watermelon Man“ und „Cantaloupe Island“, beinhaltet die dritte CD seltene Aufnahmen, darunter seine erste eigene aufgenommene Komposition „Requiem“ von Donald Byrds „Royal Flush“-Album.
Insgesamt elf LP´s hat Wayne Shorter in der Zeit von 1964 bis 1970 für Blue Note aufgenommen. Sein erstes Album „Nightdreamer“ stellte gar einen Wendepunkt in des Saxofonisten Karriere dar. Er konnte mit seiner Traumbesetzung debütieren (Lee Morgan,tp/ McCoy Tyner,p/ Reggie Workman,b/ Elvin Jones,dr). Auch die beiden Nachfolge-Alben „JuJu“ und „Speak no evil“ zählen zu den besten der Jazzgeschichte. Leider können sie bei diesem Querschnitt nur gestreift werden. Auf der dritten CD ist Shorter als Sideman bei verschiedenen Musikern zu hören.
Etwas weniger üppig sind die Aufnahmen ausgefallen, die John Coltrane repräsentieren. Was sicher damit zusammenhängt, dass der legendäre Saxofonist vorwiegend als Sideman in Erscheinung trat (Monk, Chambers, Clark). Vertraglich anderweitig verpflichtet, kam es 1957 zu „Blue Train“, dem ersten eigenen und einzigen Album für Blue Note. Von diesem Album, einem der wichtigsten der Jazzgeschichte, sind alle Stücke sowie einige alternative Takes enthalten. Mit Coltrane schliesst sich der Reigen der Miles-Davis-Musiker.
Coltranes Kontakt mit Blue Note kam durch Sidney Bechet zustande, genauer dessen Platten, die er im New Yorker Büro erwerben wollte. Der Sopransaxofonist war schon 1939 bei der allerersten Aufnahme-Session für Blue Note dabei. Mit dem Meade Lux Lewis Quartett spielte er seinen Hit „Summertime“ ein. Dieses Stück und weitere wie „Sweet Georgia Brown“, All of me“ oder „Saturday Night Blues“ sind auf der ausgewogenen Zusammenstellung zu hören. Sie ehren Sidney Bechet als einen der grossen Repräsentanten des frühen Jazz. Diese repräsentativen Boxen hätten ordentliche Booklets verdient gehabt. So muss man sich mit minimalen diskografischen Angaben, ebenso minimal gedruckt, also kaum leserlich, begnügen.


Boban i Marko Markovic, Devla, Piranha 2339/Indigo
Das Boban Markovic Orkestar, ein Sammelsurieum von Trompeten, Flügel- und Tenorhörnern sowie Helikons, belebt seit Jahren die Blechbläser-Szene des Balkans. Welche Brillanz der Orchesterchef seinem Flügelhorn zu entlocken vermag, hat einst schon Miles Davis in Erstaunen versetzt. 2006 hat Sohn Marko, der ganz auf Kontinuität setzt, die musikalische Leitung der preisgekrönten Roma-Kapelle übernommen. Nach wie vor wird munter drauflosgespielt mit überraschenden Breaks und gekonnten melodischen Wendungen. Der fette Bläser-Sound erinnert mitunter an New Orleans, integriert aber auch Lateinamerikanisches. Wildes improvisatorisches Spiel wird mit virtuosem Handwerk gemischt. Bei aller Raserei verblüfft die Präzision der Band, die vielfach parallel geführten Linien werden scharf angerissen. Trompeter Marko Markovic, der die Hälfte der 14 Stücke beisteuerte, liefert mal jazzige, mal orientalisch angehauchte Soli. Liebhaber von archaischem Jazz mit Sentiment und süffigen Balkan-Brass-Sound kommen voll auf ihre Kosten.



Charlie Mariano „The great concert“
Charlie Mariano (as), Philipp Catherine (g), Jasper van´t Hof (p)
(Enja 9532/Musikvetrieb)
Die vorliegenden Live-Aufnahmen von 2008 sind die Spitze einer Reunion des legendären Trios Pork Pie, das in den siebziger Jahren bei Verzicht auf die Rhythmusgruppe dem kammermusikalischen Jazz neue Brisanz gab. Drei Jahrzehnte später sprühen die Funken noch immer, was bei der Qualität der drei Musiker nicht verwundert. Charlie Mariano blies auch im hohen Alter ein starkes Altsaxofon voll berstender Kraft. Sein Sound und seine Ausdrucksstärke inspirieren die Mitspieler. Gitarrist Philippe Catherine steuert melodische Phrasen bei, die an Django Reinhardt gemahnen, Pianist Jasper van´t Hof ist das qirlige Bindeglied. Das Trio bildet eine unverbrüchliche Einheit. Leider ist Charlie Mariano im Jahr darauf verstorben, was besagte CD zu seinem Vermächtnis werden lässt – intuitiv und magisch.


Colin Towns/HR Bigband „Visions of Miles“
Colin Towns (cond,arr), HR Bigband
(In and Out Records 77101)
Mit seiner Bigband, dem Mask Orchestra, hat Colin Towns schon vielerlei Höhenflüge unternommen. Seit drei Jahren arbeitet der britische Alchimist in Sachen Sounds auch mit der Frankfurter HR Bigband zusammen. Die Musik des Mahavishnu Orchesters wurde neu arrangiert, was jetzt auch mit der von Miles Davis geschieht. Allerdings setzt sich Towns ausschliesslich mit dessen elektrischer Phase auseinander, den letzten beiden Jahrzehnten seines Schaffens also. Dies geschieht mit Versatzstücken, Soundflächen und einzelnen Themen, die zu einer packenden Collage montiert werden. Funk („Wili“), Afro-Rhythmen („Black satin“), klassische Sounds („He loved him madley“) oder spätere Pop-Titel wie „Tutu“ erweisen sich im ungewohnten Gewand einer Bigband als dramaturgische Meisterwerke. Die Stücke, von denen oft nur der Groove oder die Melodie übrig blieben, sind luftig und wirken wie ein deutlich wieder zu erkennender Zitatenschatz des Jazz. Man spürt, wie es Colin Towns Spass machte, „mit verschiedenen Rhythmen und Farben zu experimentieren“. Vorliegende CD ist ein Live-Mtschnitt vom vergangenen Jahr und unbedingt hörenswert.


Dok Wallach „Live in Lisbon“
Michael Thieke (as,cl), Daniel Erdmann (ts), Johannes Fink (b), Heinrich Köbberling (dr) (Jazzwerkstatt 076)
Dok Wallach spielt ausschließlich Stücke von Charles Mingus. Das seit einem Jahrzehnt bestehende Quartett aus Berlin, benannt nach dem Psychiater der herausragenden Gestalt Mingus, überträgt alles in eine eigene, zeitgenössische Klangsprache. Die Arrangements von Altsaxofonist Michael Thieke sind eigenwillig und in jeder Beziehung gelungen. So wird zum Beispiel das Material einer ganzen Mingus-Platte („Tijuana Moods“) auf ein Dutzend Minuten komprimiert, die alles sagen. Ähnlich auch „Ah Um“ in einer neunminütigen Montage. So werden Mingus-Kompositionen aus allen Schaffensphasen durch den Fleischwolf neuer und frischer Arrangements gedreht. Das Quartett beindruckt durch geschlossenes Spiel und kollektives Denken. Allzu schön dürfen die mitunter mit aufmüpfigen Sounds unterlegten Melodien bei Thieke allerdings nicht werden. Da an mehreren Abenden hintereinander in der Live-Atmosphäre eines Lissaboner Clubs aufgenommen werden konnte, ergibt sich ein authentisches Bild.



Gary Burton/Chick Corea “Crystal Silence – The ECM Recordings 1972 – 1979”
Gary Burton (vib), Chick Corea (p) (ECM 2036-39)
Chick Corea und Gary Burton brachten eine neue kammermusikalische Sprache und Sensibiltät in den Jazz. Durch Zufall entstand das Duo des Pianisten und des Vibrafonisten 1972 beim Münchner Olympia Jazz-Festival. Bis Ende des Jahrzehnts nahmen die beiden „Crystal Silence“, „Duet“ und das Live-Doppelalbum „In Concert“ auf. Jetzt sind diese zeitlosen Aufnahmen, allesamt Klassiker des kammermusikalischen Jazz in einer 4-CD-Box neu erschienen mit zwei zuvor unveröffentlichten Live-Aufnahmen aus Zürich. Was das Duo so erfolgreich machte, stellt Peter Rüedi in den liner notes fest, waren die scheinbaren Gegensätze, die Fruchtbares hervorbringen und „telepathische Übereinstimmung“: Coreas knappe Formulierung und Konzentration sowie Burtons barocker Hang zum Ornamentalen. Bei allem Perfektionismus in den Unisono-Passagen sind die intimen Zwiegespräche getragen von Spannung und Spontaneität. Chick Corea und Gary Burton sind bis heute ein Paradebeispiel brillanter Partnerschaft im Jazz. Absolut hörenswert.


Gary Peacock/Marc Copland „Insight“ Gary Peacock (b), Marc Copland (p)
(Pirouet 3041)
Der Bassist wird zuerst genannt, was nur bedeuten kann, dass er die Richtung bestimmt. Tatsächlich weist Gary Peacock den Weg, ist aber Partner von Marc Copland. Der 74-Jährig, altersweise und gelassen, bildet mit dem Pianisten ein Team, das allseits gleichberechtigt agiert. Klassiker wie „All Blues“ und „Sweet and lovely“ stehen neben Eigenkompositionen. Die beiden Musiker hören einander zu, lassen Platz füreinander, bilden eine beindruckende Einheit. Als Hörer ist man fasziniert vom Zusammenspiel zweier Meister. Selten haben sich melodische Führung und solistische Prägnanz so prächtig ergänzt und so subtil gewechselt wie hier. „Insight“ heisst nicht nur Einsicht oder Einblick, sondern auch Erkenntnis.


Hildegard lernt fliegen, .. vom fernen Kern der Sache, Unit 4221/Sunny Moon
Wild ist ihr Spiel, frisch und frech. Von Konventionen will „Hildegard lernt fliegen“ nichts wissen. Das Sextett um den Berner Sänger und Komponisten Andreas Schaerer hat nicht nur einen eigenartigen Namen. Es macht packende Musik zwischen Jazz, Rock und Avantgarde. „Extended Punk Jazz“ nennt Schaerer dieses eigenständige Stil-Gemisch. Mal swingt es tierisch, dann fährt der Zug unvermittelt ab in Richtung Avantgarde. Bei Andreas Schaerer, dem kreativen Stimmkünstler, geht alles, ist alles möglich. Keiner hat das Leitmotiv der achtziger Jahre, das die Postmoderne prägte, ernster genommen als der berserkernde Berner Sänger. Mit vielerlei Projekten hat er auf sich aufmerksam gemacht, „Hildegard lernt fliegen“ rief er vor drei Jahren ins Leben. Sie spricht all jene an, die auf gewagte Klangabenteuer aus sind, die bereit sind, sich auf unterschiedliche Stimmungen und Atmosphären einzulassen. Denn Schaerer nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er wild losscattet, auch mal brave Lieder singt. Wenn er dabei von einem donnernden Rockschlagzeug oder einer aufgekratzten Saxophon-Phrase unterbrochen wird, egal. Die Musiker sind irgendwie immer zu Diensten, sie werden von Schaerer geschickt eingesetzt. Sie liefern die entsprechenden Farben, um bizarre Geschichten zu liefern, polymetrische Konstrukte zu produzieren oder – nicht zu fassen – um durch kammermusikalische Fragilität zu berühren.
Nach vollendeter Trilogie „Räuber“, „Reptil“ und „Ritter“ liegt jetzt die zweite CD vor.
Unberechenbar wie die Texte ist wieder die Musik zwischen komplexer Polyrhythmik, balladesker Beschaulichkeit und polterndem Lärm. Die brisante wie faszinierende Mischung, unverkennbar alles Eigengewächse, wird mit immenser Spielfreude und Bravour geboten .


Jan Garbarek „Dresden“
Jan Garbarek (sax,fl), Yuri Daniel (b), Reiner Brüninghaus (p), Manu Katche (dr)
(ECM 2100/01, Musikvertrieb)
Lange Jahre hat Jan Garbareks Musik kaum personellen Wandel erfahren, von seinen elegischen Hymnen ganz zu schweigen. Auf dem neuen Live-Doppelalbum, dem ersten Live-Mitschnitt überhaupt, fegt der Norweger mit neuem Drive durch altes und neues Material. Was besticht, ist der dichte Gruppensound, getragen von der fruchtbaren Zusammenarbeit des Saxofonisten mit seinem Lieblings-Schlagzeuger Manu Katche. In das kontrapunktische Spiel fügt sich der neue Bassist Yuri Daniel nahtlos, aber unauffällig ein. Er klebt an den Noten ohne grossen Widerpart zu bieten. Der Brasilianer hat Eberhard Webers Stelle eingenommen, scheint aber noch nicht richtig angekommen zu sein. Reiner Brüninghaus, seit 1988 an der Seite des Saxofonisten, ist mit sphärischen Sounds zur Stelle. Die quirligen Interaktionen des Quartetts ändern allerdings wenig an der liedhaften Schlichtheit der Melodien. Jan Garbareks unverwechselbarer Ton und dessen vollendete Klangkultur spalten nach wie vor die Jazzgemeinde. Daran dürfte auch ein Live-Album nichts ändern.


From Johnny Griffin with love, The unique Storyville Collection (4 CD/DVD Box)/Sunny Moon
Es ist wirklich eine einzigartige Kollektion, die nochmals den 2008 verstorbenen Saxofonisten Johnny Griffin vorstellt. Der lange Jahre in Europa ansässige „little giant“ hat sich immer wieder mit anderen Expatriates getroffen. Ein beliebter Ort bei Afroamerikanern war Kopenhagen, das mit dem „Montmartre Jazzhouse“ und dem „Jazzhus Slukefter“ über zwei vorzügliche Clubs verfügte. Was lag da für das dänische Storyville-Label näher als just dort Aufnahmen zu machen. Die vorliegenden Live-Mitschnitte aus den sechziger und achtziger Jahren zeigen einen glänzend disponierten Johnny Griffin. Studios waren ihm verhasst, so dass er sich live um so stärker ins Zeug legte. Von verschiedenen Rhythmusgruppen unterstützt bläst sich der Saxofonist die Seele aus dem Leib. Die erste CD von 1964 stellt den damals als Wunderkind gehandelten Bassisten Niels-Henning Örsted Pedersen vor, 18 Jahre alt. Die zweite CD bringt Griffins langjährigen Partner Eddie Lockjaw Davis ins Spiel, der für weitere Höhenflüge sorgt. Dies sind die beiden letzten gemeinsamen Aufnahmen der beiden Tenoristen, eingespielt 1984. Die dritte CD dokumentiert ein weiteres Zusammentreffen mit Expatriate Kenny Drew (p). Auf der der Bx beiliegenden DVD ist nochmals Eddie Lockjaw Davis zu hören, diesmal mit eigenem Quartett, sowie Johnny Griffin mit drei Eigenkompositionen, die er nach seiner vorübergehenden Rückkehr in die Staaten 1977 erstmals veröffentlichte.


Jürgen Hagenlocher, Confusion, Mons 874472
Konfusion, Verwirrung stiftet die neue CD Jürgen Hagenlochers mitnichten. Im Gegenteil: der Freiburger Saxofonist versteht es glänzend, sein perfekt aufeinander eingespieltes Quartett mitzureissen. Sechs eigene Stücke sorgen für Swing und Bop, wandeln auf traditionellen Pfaden. Freilich wird Hagenlochers Konzept des modernen Jazz mit spannenden Momenten melodischer, rhythmischer und harmonischer Art facettenreich ausgeleuchtet. Nach diversen Taktwechseln kommt Gitarrist Dano Haider ebenso zu Wort wie Hammond-Spieler Thomas Bauser mit besonderen Klangelementen, die er wendig einsetzt. Da bedarf es keines Bassisten, zumal Schlagzeuger Jörg Eckel solide rhythmische Fundamente legt. Doch die Krönung dieser Aufnahmen bildet Gast Alex Sipiagin. Der seit 1991 in New York wohnende russische Trompeter verhilft mit energetischem Spiel Hagenlochers kraftvollen melodischen Ideen zu nachhaltiger Wirkung. Selten ist die Freiburger Jazz-Szene so fruchtbar bereichert worden.


Keith Jarrett „Testament“ (ECM 2130-32)
In der vergangenen Dekade hat Keith Jarrett gerade mal 30 Solo-Konzerte gegeben. Um so stärker gieren die Fans nach derartigen Aufnahmen, von denen in den letzten Jahren einige erschienen sind. Jetzt ist es gleich ein 3-CD-Set, das den Tasten-Egomanen in all seiner meisterlichen Vielfalt zeigt. Die beiden Konzerte, deren Mitschnitte gegensätzlich ausgefallen sind, bringen einen Pianisten, der sich nicht festlegen lässt. In seinen Konzerten ist nichts geplant, alle Stücke entwickeln sich spontan, organisch, bekommen folglich keine Titel. In Paris, wo der Pianist in introvertierten Zwiegesprächen mit sich selbst brilliert, werden acht „Parts“ gespielt, in London, wo es etwas heftiger zur Sache geht, zwölf. Dort, wo er 18 Jahre nicht mehr solo aufgetreten ist, gibt sich Keith Jarrett nach düsterem Beginn fast magisch. Kurze Themen werden vorgestellt und in verschiedenen Richtungen erkundet und variiert. Süffige Lyrik, markante Rhythmik, Blues, Jazz und Impressionismus fliehen vorbei. Dunkle Klangballungen wechseln mit hellen, klaren Strukturen, die sich in abstrakten Passagen verflüchtigen. Man hat oft den Eindruck, Bekanntes wieder zu entdecken, mal ein Standard, mal ein klassisch inspirierter Einfall. Die einzelnen Teile erscheinen wie aus einem Guss, als ob sie notiert wären. Doch Keith Jarrett gibt sich stets dem Moment hin, lässt seinen musikalischen Gedanken ihren Lauf, folgt seinen Inspirationen. Nichts ist vorbereitet oder abgesprochen, bleibt einzig die Hoffnung auf aufnahmebereite Zuhörer.


Michael Wollny/Tamar Halperin „Wunderkammer“
Michael Wollny (p, celesta, harpischord, harmonium), Tamar Halperin (harpischord,celesta) (ACT 9487, Musikvertrieb)
In eine „Wunderkammer“, wie der Titel seiner neuen CD verkündet, führt der Pianist Michael Wollny den Zuhörer. Der Hoffnungsträger des deutschen Jazz, allseits hochgelobt und mit Preisen bedacht, will es wissen. Er erkundet allerhand Tasteninstrumente. Mit dem harten Federkiel-Klang des Cembalos, dem Klingeling einer Celesta, der sakralen Klangluft des Harmoniums, dem schwingenden Sound eines Fender-Rhodes-Pianos oder der Brillanz eines Flügels entlockt Wollny ein Kaleidoskop von Farben und Klängen, Sphären aller Art. Er entfaltet sie mit Partnerin Tamar Halperin in eben jenen Wunderkammern, den geheimnisvollen Räumen in Schlössern und Klöstern, wo einst kuriose Schätze lagerten. Jetzt sind es mysteriöse Hörgefilde, durch die eine Musik irrlichtert, die sich stilistisch nirgends festmachen lässt. Wollny gibt sich minimalistisch, dann wieder versöhnlich melodiös, stets weit und frei fliessend. Aus sparsamen Motiven entwickeln sich oft unterschiedliche Tasten-Farben, Akkordfolgen und jazzige Phrasen mit coolem Drive. Das Dutzend Stücke hat mal improvisatorische Teile, ist mal aus freien Improvisationen entstanden.

Mercedes Sosa „Cantora“ (Sony 56781)
Sie galt als die „Grande Dame“ Argentiniens, die ein halbes Jahrhundert lang für Recht und Gerechtigkeit kämpfte und gegen jegliche Form der Diktatur ansang. Als Mercedes Sosa vor wenigen Monaten starb, war die Welt des Gesangs schlagartig um ein leuchtende Stimme ärmer. Ein Glücksfall, dass mit ihr noch ein Album produziert werden konnte. Es wurde nun zum Vermächtnis der Sängerin. Dass ihre dunkel-mächtige Stimme etwas nachgelassen hat im Alter, kann nicht überraschen. Eher schon, dass Sosa in den vergangenen Jahren mit neuen Stilrichtungen experimentierte und mit Rockmusikern wie Charly Garcia oder mit Luciano Pavarotti auftrat. In eine ähnliche Kerbe schlägt das letzte Album. Hier treten zahlreiche Topkünstler zu vielfältigen Duetten mit Mercedes Sosa an. Das Album spannt einen Bogen von Latino-Folklore über Bossa bis Blues und Chanson. Es sind zwar keine eigenen Stücke der Sängerin zu hören – meist fand sie Vorlagen bei namhaften Komponisten wie Milton Nascimento oder Atahualpa Yupanqui – doch sind sie getragen von viel Gefühl und mit Tiefgang. Ein würdiger Abschied.


Sonny Rollins Quintet „Live in Montreal 1982
Sonny Rollins (ts), Bob Cranshaw (b),Bobby Broom (g), Yoshioki Masuo (g), Jack de Johnette (dr) (Jazz Shots DVD)

Saxophone Colossus
Robert Mugge
Sonny Rollins (ts), Bob Cranshaw (b), Clifton Anderson (tb), Mark Soskin (p), Marvin Smith (dr) (BHM DVD 07/Zyx)
Zwei DVD´s bringen auch einem jungen Publikum Sonny Rollins näher. Der Saxophon-Titan des Jahrgangs 1930, heute eine lebende Legende, war Mitte der achtziger Jahre auf der Höhe seines Schaffens. Die drei Live-Mitschnitte sind beredter Beleg. Der Konzert-Film von Robert Mugge bringt ein Open Air in New York von 1986 in wenigen Ausschnitten. (auf CD komplett veröffentlicht). Rollins´ Spiel ist von immenser Intensität. Sogar nach einem Sturz von der Bühne bläst er im Liegen weiter und merkt nicht, wie er später erklärte, dass er den Knöchel gebrochen hatte. Gespräche und Interviews sind es, die diese DVD hervorheben. Der Meister selbst will, wie er bekennt, mit seiner Musik nicht mehr die Welt verändern, sondern das Publikum erfreuen. In Interviews mit Ehefrau Lucille sowie den Jazzkritikern Ira Gitler, Gary Giddins und Francis Davis wird Rollins´ Persönlichkeit beleuchtet. Hervorstechend sind sein persönlicher Sound, sein Sinn für Time, seine thematischen Improvisationen, seine intuitiven Soli, seine totale Kontrolle des Horns. Ein leider nur knapper Schwarz-Weiß-Ausschnitt wirft einen Blick auf „The Bridge“, die Aufnahme-Session von 1962, wo all das Gesagte bereits angelegt ist.
Wie sehr sich Rollins immer wieder als genialer Improvisator entpuppt, wird auch im Zusammenspiel mit einem Sinfonieorchester deutlich, wie ein weiterer Live-Mitschnitt, diesmal aus Japan, beweist. Die einzelnen Sätze des Konzerts werden von rhythmischen Bildschnitten unterbrochen, die das Leben japanischer Menschen verdeutlichen sollen. Zu fernöstliche Philosophie, Religion und Spiritualität bekennt sich Rollins im Interview.
„The greatest improviser in the history of jazz“ (DVD-Untertitel) wird auch auf einer weiteren DVD gewürdigt. Allerdings nutzt sie nicht die Möglichkeiten des Mediums und bringt einzig einen Live-Mitschnitt. Der einstündige Auftritt des Sonny Rollins Quintetts in Montreal vom Juni 1982 freilich hat es in sich. Der Saxofon-Koloss beherrscht beindruckend die Szene. Agil wie eh und mit großem Ton bläst er unablässig in sein Horn. Einmal mehr legt er ein Bekenntnis zu seinen westindischen Wurzeln ab Geblieben ist seine Vorliebe für karibische Rhythmen, die er nach Belieben formt. Mit seinem strahlenden, durchdringenden und aufgerauhten, aber geschmeidigen Ton ergeht er sich in zupackenden, emotionsgeladenen Improvisationen. Seine Begleitband hat sichtlich Mühe, das Tempo zu halten, nicht kalt abzustürzen. Dass dabei die Mitmusiker als bloße Statisten fungieren könnten, dieser Eindruck drängt sich auf. Der Chef stellt sie zwar lobend vor, lässt sie gewähren, solange die Soli sich im Rahmen halten, und stachelt sie gar an, indem er sich mit seinem Horn vor ihnen aufbaut. Doch allzu sehr erliegen sie der hypnotischen Kraft des Giganten, trauen sich kaum. Die beiden Gitarristen treten gelegentlich hervor, während der langjährige Bassist Bob Cranshaw und der zeitweilige Drummer Jack de Johnette die rhythmischen Fäden in Händen halten. Höhepunkt ist einmal mehr eine ausgedehnte Interpretation von „Don´t stop the carnival“. Sonny Rollins at his best.


Stitches Brew, The Flying Piano, Neuklang 4042
Hinter Stitches Brew verbirgt sich kein Verschnitt eines Miles-Davis-Gebräus, sondern das neue Quintett Matthias Stichs. Einmal mehr hat der Freiburger Saxofonist und Komponist dem modernen Jazz seinen Stempel aufgedrückt – mit Gesang und ausdrucksstarken Stücken.
Das vor zwei Jahren gegründete Quintett legt sein Debüt vor. „The Flying Piano“ hebt zwar nicht ab, was der bodenständige Tilman Günther verhindert. Streng orientiert sich der Pianist an den Harmonien, erst spät hebt er mit bluesigen Phrasen ab. Erdig der elektrische Bass Jörgen Welanders. Mit bohrenden Bass-Figuren spielt sich der Schwarzwälder Schwede gelegentlich in den Mittelpunkt, hält ansonsten aber die harmonische Stellung. Für den rhythmischen Zusammenhalt sorgt Matthais Daneck mit schwebenden Akzenten und schweren Schlägen, je nach Stimmung. Auf dem Teppich bleibt Stich selbst, auch wenn seine Soli immer wieder in hitzige Bebop-Passagen ausbrechen, auch mal dank Bassklarinette ins Geräuschhafte abheben. Dass er nach wie vor ein kreativer Melodiker ist, beweisen seine neuen Stücke, die sich zu einem stimmungsvollen programmatischen Ganzen formen. Nicht zuletzt dank des fabelhaften Gesangs von Julia Pellegrini. Ihre warme Altstimme, die auch mit dunklen Farben zu überraschen vermag, singt sich stilsicher durch die Stücke voller menschlicher Tiefen und Höhen. Sie wird den Texten von Gary Barone, Nina Wurman und des Komponisten Stich jederzeit gerecht und leuchtet verschiedene Facetten aus. Auch die knappe Lyrik Erich Frieds bringt sie mit „Es ist, wie es ist“ auf den Punkt.


Tomasz Stanko Quintet „Dark Eyes“
Tomasz Stanko (tp), Alexi Tuomarila (p), Jakob Bro (g), Anders Christensen (b), Olavi Louhivuori (dr) (ECM 2115)
Das neue Album von Tomasz Stanko knüpft unmittelbar an die wunderbaren drei Scheiben („Soul of Things“, „Suspended Nights“ und „Lontano“), die er mit dem von ihm entdeckten und inzwischen in die Selsbstständigkeit entlassenen Wasilewski-Trio eingespielt hat. Mit seinem neu formierten „Nordic Quintet“ entdeckt der polnische Trompeter nicht unbedingt andere Klangwelten, erweitert aber sein Umfeld um lyrische Akzente und Klangfarben. Gitarrist Jakob Bro etwa ist mit fein ziselierten Tönen und natürlichen Klängen zur Stelle. Insgesamt bilden die beiden jungen Finnen und die beiden jungen Dänen eine geschmeidige Rhythmusgruppe, die einen interessanten Kontrast zu Stankos Trompete darstellen. Hieraus bezieht das Quintett seine Spannung. Geblieben ist Stankos unverkennbarer Sound, der die sanften, traurigen und zeitlosen Melodien eigener Stücke in dunkle Farben packt. Auf einem dicht gewebten Rhythmusteppich tanzen die Trompetentöne von elegischer Schwere und strahlender Kraft Vibratolos kommt die Melancholie daher; die Stimmung ist sanft und traurig, die Themen sind rubato und out of tempo. „Du trägst diese nostalgische Stimmung einfach in dir, für immer“ sagt Stanko.


Urs Leimgruber/Jacques Demierre/Barre Phillips „Albeit“
Urs Leimgruber (ss), Jacques Demierre (p), Barre Pillips (b)
(Jazzwerkstatt 074)
Urs Leimgruber ist aus der improvisierenden Szene Europas nicht mehr wegzudenken. Seit einem Jahrzehnt geht er mit einem Trio, das jetzt die dritte CD vorlegt, auf Klangforschung. Sie ist spontan, direkt und entwickelt sich aus dem Augenblick. Auch nach 200 gemeinsamen Konzerten entstehen stets neue Herausforderungen. Immer wieder werden neue Klang-Facetten zu Tage gefördert, wie diese CD mit dem kryptischen Titel „Albeit“ beweist. Der Luzerner Saxofonist verweist auf die Reichhaltigkeit dieses Wortes, da so viel wie „allerdings“, „trotzdem“ oder „ungeachtet“ bedeutet. Den Zeitläufen zum Trotz wird widerständig musiziert, bilden sich stets neue Klänge. Gemeinsam baut sich die Spannung auf, verzahnen sich obertonreiches Sopransax mit Innenraum und Korpus eines weitgreifenden Klaviers und dem polyphonen Kontrabass, der gleichzeitig rhythmische Akzente setzt. Spontaneität und Unvorhersehbarkeit gehen eine Einheit voller Vertrautheit und Geschlossenheit ein. So wie die sechs Buchstaben von „Albeit“ durch immer wieder neu entstehende Konstellationen variiert werden, finden die drei Musiker Urs Leimgruber, Jacques Demierre und Barre Phillips vielfältige Ausdruckmöglichkeiten. Bei aller zurückhaltender, aber erahnter Virtuosität ist viel Intensität im Spiel.


Vienna Art Orchestra, Third Dream, Extraplatte 998
Alle zehn Jahre hat der rührige Orchesterchef, Komponist und Arrangeur Mathias Rüegg bisher seinem seit fast dreieinhalb Jahrzehnte bestehenden Vienna Art Orchestra ein neues Gesicht gegeben. Nicht nur die Musiker, auch die Inhalte änderten sich. Nach über einjähriger Pause ist das Orchester zurück mit „Third Dream“, einer zwölfteiligen Suite für Kammerorchester und vier Jazz-Solisten (von Anfang an mit dabei: Saxofonist Harry Sokal). Die gesamte Band hat sich vom gewohnten Klangbild verabschiedet, um neue Klanghorizonte zu eröffnen. Dies geschieht zur einen Hälfte mit Jazzern, zur anderen mit klassisch ausgebildeten Musikern, die bereits sinfonische Erfahrungen gesammelt haben. Frappierend, dass alle gleichermassen in der Lage sind, solistisch zu glänzen. Das konventionelle Bigband-Format wird einmal mehr gesprengt, diesmal in eine andere Richtung. Rüegg hat ein Dutzend neue Stücke diesem Klangkörper auf den Leib geschrieben. Dass das Orchester reine Kammermusik zu spielen in der Lage ist, überrascht nicht, wie die zweite CD mit ihren zusätzlichen elf Kammermusik-Kompositionen.beweist. Sie ist zusammen mit der Orchester-CD, einem Live-Mitschnitt vom Mai 2009, in ein dickes Buch im CD-Format gepackt. Dieses als Kunstobjekt deklarierte Album, das zusätzlich ein Labyrinth enthält, in das die mitgelieferten Kügelchen gefüllt werden können, ist auf 444 Exemplare limitiert und zu einem höheren Preis zu bekommen. Der Umbau einer fast klassischen Bigband zum jazzigen Kammerorchester ist gelungen.


BÜCHER

Aldo Gianolio, Dem Duke Ellington gefiel Hitchcock nicht und andere Geschichten vom Jazz, Drava Verlag, Klagenfurt 2009, 187 Seiten, 19,80 Euro (ISBN 978-88-7223-114-2)

Aldo Gianolio erfindet Jazzgeschichten, die er nett erzählt und mit allerhand Anekdotischem würzt. Der italienische Publizist, Mitarbeiter von „Musica Jazz“, nähert sich zahlreichen Persönlichkeiten des Jazz auf eigene Weise. Dabei versteckt er sich gern hinter dem erfundenen Kritiker John Ferro, den er ausführlich zu Wort kommen lässt. Diese Phantasiefigur arbeitet wohlweislich für den „Down Beat“ mit „Überzeugungskraft“, als Redner allerdings ist eher, so Gianolio, als „schwachsinnig“ einzustufen. Seine Erzählungen werden jedenfalls „treu wiedergegeben“. Insgesamt „29 hirnrissige und wenig glaubhafte Geschichten über ebenso viele berühmte Jazzer“. Die Palette reicht von Adderly, Armstrong und Ayler bis Tristano und Young. Bei aller Phantasie fussen die Porträts, was überraschen mag, auf realen Daten und Ereignissen, wie sie die Biografien der Musiker, wenn auch lückenhaft, hergeben. Oft eigensinnig interpretiert zielen sie auf charakterliche Merkmale. Charlie Parkers Vorliebe für Brathähnchen ist bekannt, auch dass der dickleibige Cannonball Adderly „immer mit einem Hamburger“ herumlief, Louis Armstrong ein sensibles Gemüt besass und Jay Jay Johnson ein Gefangener seiner Uhr war. Weitere Wesensmerkmale der Jazzer stellen Ferro/Gianolio in amüsante Zusammenhänge und mitunter verwegene Vermutungen, die schmunzelnd man zur Kenntnis nimmt. Was mit Albert Ayler wirklich passiert ist, ist bis heute ungeklärt. Auf alle Fälle, erfährt der Leser, ist er „übergeschnappt wegen seiner fanatischen Yoga-Übungen“. Selten sind Jazzmusiker so menschlich und alltagsnah dargestellt worden wie hier.


Andrew Wright Hurley, the return of jazz – Joachim-Ernst Berendt and West German cultural change, Berghahn Books, New York 2009, 296 Seiten, 58 US-Dollar (ISBN 978-184545-566-8)
Über Joachim Ernst Berendt gab es bislang keine umfassende Studie, die sein Leben und Wirken würdigte. Jetzt legt Andrew Wright Hurley diese vor. Der australische Publizist stellt dessen Rolle im Rahmen der deutschen Nachkriegs-Jazzgeschichte dar. In 15 Kapiteln versucht er vielerlei Facetten des als „Jazzpapst“ Geschmähten und Verehrten aufzufächern.
Ausgangspunkt für Hurley, der für seine ausführlichen Recherchen mehrfach das Darmstädter Jazzinstitut aufsuchte, ist „Jazz meets the world“. Die mehrteilige Plattenreihe, die zwischen 1965 und 1971 erschienen ist, ist symptomatisch für Berendt aus vielerlei Gründen. Sie steht für ihn als Macher, Kritiker, Produzent, Veranstalter und Philosoph in einer Person. Akribisch wird seine Rolle von der Legitimierung des Jazz in den fünfziger Jahren bis zu seinen zentralen Aktivitäten in den sechziger und siebziger Jahren geschildert. Selbstverständlich wird eine kleine Geschichte des deutschen Jazz nach 1945 bis zur Eigenständigkeit des europäischen Jazz mitgeliefert, um Berendts Rolle einzuordnen. Dieser mischte sich in zahlreiche Nachkriegsdebatten ein (er stritt mutig mit Adorno), machte sich aber auch kundig im Entstehungsland des Jazz, das er sechs Mal aufsuchte. Zwei grosse Reisen 1950 und 1960 trugen besondere „musikalische Früchte“ – und eben auch publizistische, möchte man hinzufügen. Sein Jazzbuch, nach der ersten Reise entstanden, wurde bislang 1,5 Millionen Mal verkauft und in 12 Sprachen übersetzt.
Hurleys kritische Biografie beschäftigt sich selbstredend auch mit den Schattenseiten eines grandiosen Schaffens. Machtbewusstsein und übersteigerte Selbsteinschätzung werden am Rand abgehandelt, um Berendt um so mehr als Lichtgestalt des deutschen Nachkriegs-Jazz herauszustellen. Er ist die zentrale Gestalt der Szene und steter Streiter für eine einst umstrittene Musik. Insgesamt wird das Bild eines umtriebigen, kreativen Menschen gezeichnet, der stark vom kirchlich-antinazistischen Elternhaus geprägt seine eigenen musikalischen Erfahrungen machte. Sie führten zur weltmusikalischen Neugier und schliesslich zu einer körper-klang-orientierten Sinnsuche, der viele Jazzfans nicht mehr folgen wollten. Berendts Beitrag zur Rezeption asiatischer und afrikanischer Musik im Jazz ist ebenso unumstritten wie der zur Sozialgeschichte des Jazz im Nachkriegs-Deutschland.
Hurleys Studie, deren Bibliografie zum weiteren Lesen ermuntert, ist eine glänzend recherchierte Arbeit, auf deren deutsche Übersetzung man gespannt sein kann. Sie schliesst mit einem Nachwort des Darmstädter Jazzinstitut-Leiters Wolfram Knauer, der stellvertretend für viele seinen persönlichen Zugang zu Berendts Wirken schildert. Es hat Bedeutung bis heute.

Carlo Verri, Jazz from A to J, Mediane Libri, Milano 2007, 382 Seiten
(ISBN 88-89886-24-2)
“Jazz from A to Z” ist weder Lexikon noch Enzyklopädie, sondern ein wunderbarer Fotoband, der viele Jazzpersönlichkeiten zeigt, von Abercrombie bis Zawinul. Ihnen ist Carlo Verri auf der Spur, einer der führenden Fotografen Italiens in Sachen Jazz. Durch Arrigo Polillo, den Nestor der italienischen Jazz-Kritik, kam der inzwischen 57-Jährige zum Szene-Organ „Musica Jazz“, für das er drei Jahrzehnte arbeitete. Verris Bilder sind längst Kult, viele wurden 2006 und 2007 bei Sotheby´s versteigert.
Was Verris Fotos, aufgenommen während der letzten drei Jahrzehnte, in Nizza, Mailand, Lugano oder beim North Sea Jazz Festival, auszeichnet, ist ihre unmittelbare Nähe zum Jazz. Die Kamera rückt den Künstlern auf den Leib ohne sie blosszustellen. Auf der Bühne finden sie zu höchstem Ausdruck, abseits der Bühne strahlen sie Privatheit, ja Vertrautheit aus. Viele der Bilder hat der Fotograf mit persönlichen Bemerkungen versehen, was den Fotoband persönlicher, fast intim macht. Oftmals sind die Musiker mehrmals abgelichtet, in verschiedenen Konzerten und Anlässen, was dem Ganzen das Statische nimmt. Plötzlich sind Entwicklungen nachzuvollziehen. In grösserem Format – dies als einziger Kritikpunkt – kämen die Fotos noch besser zur Geltung.


Christoph Merki (Hr.), Musikszene Schweiz – Begegnungen mit Menschen und Orten, Chronos Verlag, Zürich 2009, 34 Euro (ISBN 978-3-340-0942-3)
„Eine musikalische Supermacht ist die Schweiz noch immer nicht“, schreibt Christoph Merki im Vowort von „Musikszene Schweiz“, aber sie hat „gewaltig aufgeholt“ und ist „keineswegs mehr eng“. Der Herausgeber des dickleibigen Bandes hat 39 Beiträge versammelt, die dem „aktuellen Musikleben nachspüren“. Verschiedene Autoren stützen Merkis These, zeichnen ein bunter Bild. Die Palette reicht von Operette zu Pop, von Jazz zu Rap, von Techno zu Gregorianik und was der Stile und Genres mehr wären. „Gegenüberstellung von Musikrichtungen“ ist gewollt, wohl gar nicht anders machbar in einer, wie es heisst, „globalisierten Musik-Szene“. Und: die Dichte an Musik-Festivals ist nirgends so hoch wie in der kleinen Schweiz und noch nie ist so viel Schweizer Musik verfügbar gewesen. Trotzdem will dieses Buch keine Enzyklopädie sein, sondern „Ausschnitte aus dem Leben einer Musik (liefern) in Begegnungen mit Menschen und Orten“. Figuren einer bestimmten Musikrichtung werden vorgestellt. Die unterschiedliche Qualität der Texte ist selbstredend den lebendigen Personen geschuldet, den Porträtierenden wie den Porträtierten.
Die gesamte bandbreite des Jazz kommt zum Tragen. Vom freien Jazz in Zürichs „Unerhört“ oder „Taktlos“ über das „rein kommerzielle Event“ Montreux bis zu Ascona, das die traditionellen Stile pflegt. Festival-Chef Nicolas Gilliet sieht eine ganze Anzahl von Parallelen zwischen den verschiedenen Stilen, wie er erklärt: „spontanes Musizieren, emotionaler Ausdruck, Kollektivimprovisationen, Abneigung gegen Kommerz“. Derlei würde Claude Nobs ebenfalls auf seine Fahnen heften. In ihm, der Montreux gross machte, „verbinden sich Ehrgeiz, Geschäftstüchtigkeit und eine grenzenlose Begeisterungsfähigkeit“, Tugenden, die mitnichten für die gesamte Szene gelten. Jazzmusiker haben es schwer zu überleben. Man erfährt, dass Profis in der Schweiz 30 bis 40000 Franken verdienen pro Jahr.
Ingesamt bringt der Band eine beachtliche Breite an Stilen und Stimmungen. Er vermittelt vielerlei spannende Einblicke in lebendige Szenen und hilft dem Musikfreund vielleicht, über den eigenen Tellerrand zu schauen. So sorgfältig die porträtierten Personen dargestellt werden, so sehr fehlt gelegentlich die nötige Distanz. Lesen lohnt sich aber allemal.


Mark Lehmstedt, Art Tatum. Eine Biografie, Lehmstedt Verlag,
Leipzig 2009, 320 Seiten
Art Tatums Sonderstellung im Jazz ist bislang kaum in die einschlägige Publizistik eingegangen. Einer Diskografie und der einzigen Biografie in den USA stellt jetzt die erste deutschsprachige Mark Lehmstedt entgegen. Der Autor würdigt den Solitär am Klavier zum hundertsten Geburtstag. Seine Sonderstellung am Rand des Hauptstroms sowie sein ungeheurer Einfluss auf viele Jazzmusiker sind in dieser Biografie nicht hinterfragbare Voraussetzungen. Er will, wie er einleitend erklärt, „Tatum so nüchtern und sachlich darstellen, wie es angesichts der Quellenlage möglich war“.
Da diese bekanntlich nicht üppig ist, stützt sich der Autor auf Zeitzeugen und Interview-Aussagen des Protagonisten. Zahlreiche veröffentlichte Musikbiografien nimmt er als Grundlage und montiert seitenweise Zitate zu etwas Ganzem. So nimmt schließlich Tatums Persönlichkeit Konturen an. Über den Pianisten selbst gibt es nicht viel zu sagen. Das Kapitel „Privatleben“ beschränkt sich auf zweieinhalb Seiten. Tatum spielte wie besessen Piano und war ebenso besessen vom Alkohol. Er war kein Wunderkind, denn erst mit 15 erlernte er das Klavierspiel. Er wächst ohne Rassismus auf und erblindet früh fast vollständig. „Es war“, ist zu lesen, „eine durchschnittliche Kindheit im Schoße einer liebvollen Familie.“
Lehmstedt beschreibt Art Tatum als Solist. Er schildert das schlagzeuglose Klavier-Trio, das Tatum bekannt machte, aber nicht erfand; er berichtet von Konzerten in Kneipen, Clubs und großen Sälen, von Jam-Sessions und Aufnahmen. Viele Musiker werden vorgestellt, auch weniger bekannte, aber damals durchaus bedeutende wie Lee Sims oder Clarence Profit. So entsteht ein detailreiches Porträt der amerikanischen Jazz-Szene der dreißiger und vierziger Jahre. Dass bei all dem die Musik etwas zu kurz kommt, wundert nicht. Gern hätte man erfahren, wo und wie genau Art Tatum in der Jazzgeschichte einzuordnen ist. So viel Mark Lehmstedt lebendig über die Szene zu erzählen weiß, so sehr bleibt Art Tatum im Dunklen. „Was tat Art Taum, wenn er nicht spielte?, fragt ratlos der Autor und antwortet: “Wir wissen es nicht“.
Alles in allem aber eine brauchbare Biografie, die in ihrer Länge etwas verschreckt. Diskografie, Index und umfassende Bibliografie runden den Band ab.


Maxi Sickert, Clarinet Bird – Rolf Kühn Jazzgespräche, Christian Broecking Verlag, Berlin 2009, 242 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-938763-10-0)
Eine Dekade lang hat Maxi Sickert intensive Gespräche mit Rolf Kühn geführt, um Licht zu bringen in sein langes Jazzerleben, das lange „unter dem Schatten“ stand. Zu dessen 80. Geburtstag Ende September legte die Berliner Publizistin ihre Gesprächserlebnisse und -ergebnisse vor, verpackt in eine ansprechende Art Biografie.
Tatsächlich erfährt der Leser fast alles aus einem bewegten Leben. Rolf Kühn, der sich in den wörtlich wiedergegebenen Gesprächen auskunftsfreudig und offen gibt, ohne Nabelschau zu betreiben, erzählt von seiner Kindheit in Leipzig („eine schöne, unbeschwerte Zeit“), von seinem Vater, dem Artisten, der den jungen Rolf zum Zirkus holen wollte. Doch der lernt mitten im Krieg Klarinette und schlägt sich mit verschiedenen Arbeiten durch. Im „Feindsender“ BBC hört er Dizzy Gillespies Bigband, als Klavierbegleiter später in der Ballettschule erlebt er seine „allererste Konfrontation mit improvisierter Musik“. Richtig mit Jazz kommt Kühn in Berührung durch Jutta Hipp. Die Pianistin spielt ihm „Hallelujah“ von Benny Goodman vor, was zur Initialzündung wird und zum Symbol für Freiheit. Und weil diese Musik aus Amerika kommt, will er hin, um sich dort mit den Besten der Welt zu messen. Dank Buddy de Franco, den berühmten Klarinettenkollegen, schafft er den Absprung in die Staaten, wo er beachtet und bald Mitglied wird in der Band seines Vorbilds Benny Goodman. Doch die moderne Spielweise Buddy de Francos fasziniert Kühn mehr, so dass er sein einträgliches Engagement bei Goodman aufgibt. Der unbarmherzige Existenzkampf sowie der Rassismus setzen Kühn schliesslich so zu, dass er 1961 nach Berlin zurückkehrt. Es folgen Engagements bei den Orchestern von RIAS und SFB, wo er Berufsverbot bekommt und zum NDR nach Hamburg geht. Chronologisch kommt der weitere Lebensweg zur Sprache, bis in die jüngste Zeit.
Nüchtern, aber engagiert berichtet der Klarinettist von den diversen Stationen seiner Karriere. Die Interviewerin bringt ihn mit klugen Fragen dazu, in die Tiefe biografischer Erfahrung vorzudringen. Spannend sind auch die begleitenden Gespräche mit Weggefährten und Zeitzeugen, darunter Bruder Joachim und die Erinnerungen von Ornette Coleman oder Bert Noglik, die jeweils überraschende, auch persönliche Facetten des Menschen und Musikers Rolf Kühn offen legen. Dass er als Halbjude einen schweren Stand hatte, Schulverbot und drohende Deportation, ständige Angst also, erlebte, vermittelt sich dem Leser eindringlich. Als Fazit des famosen Buches, das den Leser beschwingt mitnimmt auf eine Zeitreise, gibt Kühn zu Protokoll: „Der Himmel ist weit und ein Vogel muss frei sein und fliegen können. Das ist Jazz“. Das ist der Clarinet Bird.


Nickelsdorfer Jubiläumsbuch, tell no lies, claim no easy victories, herausgegeben vom Verein Impro 2000, Nickelsdorf 2009, 207 Seiten, 25 Euro
Auf dem Buch-Cover abgelichtet ist der Chicagoer Saxofonist Roscoe Mitchell in gelber, grüner Landschaft, mit blauem Himmel und weissen Wolken. Hier, an einem Ort, der sich ungewohnten Klängen nicht gerade aufdrängt, finden alljährlich die Nickelsdorfer Konfrontationen statt. Zum 30-jährigen Bestehen des Festivals ist ein Buch erschienen, das „this place and the spirit“ festzuhalten gedenkt, wie im Vorwort Don Robinson zitiert wird. Es will also keinen Rückblick bieten, wie einer der Herausgeber, Philipp Schmickl, schreibt. Es geht darum, heisst es weiter, „die momentane Stimmung einzufangen sowie Haltungen der Involvierten zu Gegenwart und Vergangenheit, nicht nur rein auf die Musik bezogen, sondern auf das ganze Leben“. Dies geschieht in Interviews oder komplett eigenständigen Beiträgen „verschiedenster Leute“. Zu verdanken ist das ungewöhnliche Festival Hans Falb, dem „liebenswürdigen Chaoten mit Kalkül“, der sich stets in Beharrlichkeit und Starrköpfigkeit übt.
Vielfältig sind die Beiträge des Bandes geraten. Joe Mc Phee erzählt von einem seiner wichtigsten Einflüsse, dem fast vergessenen Trompeter Clifford Thornton. Hans Falb selbst hält die Erinnerung an James Carter wach, der erstmals 1983 in Nickelsdorf auftrat. Weitere Musiker wie Roscoe Mitchell, Paul Lovens, Joelle Leandre und Evan Parker, allesamt Konfrontationen-Kämpfer, kommen zu Wort. Georg Graewe geht in seinen Festival-Betrachtungen bis zu Bachs „Musikalischen Concerten oder Zusammenkünfften“ zurück und weist darauf hin, dass 250 Jahre später die zeitgenössische Musik wie die Konfrontationen aus den Kaffehäusern verschwunden sind. Vom schweren Stand der improvisierten Musik in Rumänien berichtet Mircea Streit, bevor abschliessend Alexandre Pierrepont tagebuchartig die AACM abhandelt.
Den Autoren des Buches blieb nicht viel Zeit, ihre Ideen textlich umzusetzen. So wirkt vieles unausgegoren und zusammengewürfelt. Trotzdem ist ein liebenswürdiger Rückblick auf eins der bemerkenswertesten Jazz-Festivals in Europa entstanden.


Peter Guralnick, Sweet Soul Music, Bosworth, Berlin 2008, 540 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-86543-321-3)
Die amerikanische Kritik war 1986 nach Erscheinen von „Sweet Soul Music“ voll des Lobes. „Das bisher beste Buch, das über schwarze Musik geschrieben wurde“, urteilte die „New York Times“. Nach 22 Jahren ist dieses exzellente Buch nun auf deutsch erschienen, was allerdings keine neue Euphorie auslösen dürfte. Trotzdem ist dieses Buch ein Glücksfall, da es kenntnisreich geschrieben, gut fundiert, hervorragend recherchiert und fesselnd erzählt ist. Und, was nicht unterschätzt werden darf: es ist glänzend übersetzt. Harriet Fricke trifft den Slang und fügt selbstredend zusätzliche eigene Erklärungen bei, die von Nutzen sind.
Nach Blues, Country wandte sich Peter Guralnick Mitte der achtziger Jahre dem Südstaaten-Soul zu, um die Lücke zu schliessen. Die „vom Gospel her kommende, emotionsgeladene Musik, die in der Welle des grossen Erfolgs von Ray Charles ab etwa 1954 entstand“, (S. 10) hatte ihn schon immer fasziniert. So bereiste er die Staaten und interviewte eigener Aussage nach mehr als 100 Menschen. Ergebnis ist eine packende, detailreiche Geschichte voller Anekdoten – zu voll mitunter.
Guralnick beginnt die Geschichte mit dem „Eindringen von Gospelelementen in die säkulare Welt des Rhythm´n´Blues“ (s. 34) Deutlich wird, wie von den Kanzeln herab gegen eine neu heraufziehende Musik gewettert wird, wie aus dem Gospelsänger Sam Cooke der erste Soul-Star wurde, wie der blinde Pianist Ray Charles die Rassenschranken ins Wanken brachte und wie James Brown gross wurde. Ausgehend von Aufstieg und Fall des legendären Labels Stax, dessen Sound aus einem Gemisch von Gospel, Country und Blues bestimmt wurde, wird der Werdegang von Otis Redding, Booker T. und Johnny Taylor erzählt. „Das Bermuda-Dreieck des Südstaaten-Souls“ mit Memphis, Macon und Muscle Shoals wird ebenso gewürdigt wie Aretha Franklin, Wilson Pickett und James Brown, denen eigene Kapitel gewidmet sind.
Peter Guralnick ist ein intimer Kenner und versierter Chronist, wie es keinen zweiten geben mag. So wie seine zweibändige Biografie von Elvis Presley 1999 zum Standardwerk wurde, ist dies auch mit „Sweet Soul Music“ passiert. – obwohl die Geschichte nicht gut ausgeht. Die die Bürgerrechtsbewegung flankierende Musik verlor mit dem Tod Martin Luther Kings 1968 an Bedeutung. Mit dem Zerfall von Stax ging zudem eine Ära zu Ende. Geblieben ist der Rassismus weisser Studios und Labels, wovon der Autor wenig wissen will.


Reclams Jazzlexikon, herausgegeben von Wolf Kampmann, Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2009, 695 Seiten, 29,90 Euro (ISBN 978-3-15-010731-7)

Sechs Jahre sind vergangen, seit Reclams Jazzlexikon in der Nachfolge des alten Jazzführers erstmals erschienen ist. Die zweite, erweiterte und aktualisierte Auflage liess auf Aufnahme gerade von Musikern der jüngeren Generation hoffen. Doch daraus wurde nichts, wie überhaupt bei genauerem Hinsehen die Änderungen sich in engen Grenzen halten. Eine Aktualiserung sieht anders aus. Auch auf ein neues Vorwort wurde verzichtet.
Für Herausgeber Wolf Kampmann ist Jazz, wie er im Vorwort betont, nichts anderes als ein „Sammelbegriff für musikalische Offenheit“. So verwundert es nicht, wenn Bands wie Grateful Dead, Soft Machine oder Sonic Youth vorkommen und Jimi Hendrix zum ersten wichtigen Gitarristen des Electric Jazz erklärt wird. Freilich gesteht Kampmann ein, dass die Auswahl der Musiker „nicht unproblematisch“ war und bekennt sich ungeniert zu einer gewissen Willkür.
Reclams Jazzlexikon bezieht sich zwar dankend auf den im gleichen Verlag 1970 erschienenen „Jazzführer“, der im Jahr 2000 letztmals aktualisiert wurde, doch unterscheidet es sich von diesem grundlegend. „Angesichts gewandelter Produktions- und Hörgewohnheiten“, heißt es, werden die Akzente anders gesetzt. Die Musikerbiografien – 2000 an der Zahl stehen im Mittelpunkt, 300 mehr als beim Jazzführer – sind mehr Wirkungs- als Lebensgeschichte, was durchaus vertretbar ist, da es um die Relevanz der Musik heute geht. Das Abklappern biografischer Stationen hat im alten Reclam den Blick auf das Wesentliche verstellt. Jetzt werden die einzelnen Musiker zunächst in ihrer Stilistik beschrieben, ehe nach ihrer Wirkung und ihren Einflüssen gefragt wird. Hinweise auf wichtige Aufnahmen finden sich im Text, so dass sich zusätzliche diskografische Angaben erübrigen.
Wenn schon „ein besonderes Augenmerk auf die deutsche Szene“ gerichtet ist, überrascht das Fehlen so wichtiger Musiker wie Jochen Rückert, Pablo Held, Robert Landfermann und die Wasserfuhr-Brüder, um nur ein paar Namen zu nennen. Zu verstehen ist auch nicht, wenn Nik Bärtsch, Bojan Z., Dhafer Youssef oder Leszek Zadlo neu aufgenommen werden, nicht jedoch Gilad Atzmon und andere, deren Namen beliebig erweitert werden können, um die Crux eines jeden Lexikons zu verdeutlichen. Die 500 Sachartikel auf rund hundert Seiten – kompetent verfasst von Ekkehard Jost – runden das Jazzlexikon ab. Insgesamt ein brauchbares Nachschlagewerk, das seinen legendären Vorgänger schlägt. Den altehrwürdigen Jazzführer legt man zugunsten dieses Jazzlexikons gern zur Seite. Schade nur, dass der Hardcover-Einband weichen musste zugunsten eines flexibleren, mithin bei wiederholtem Nachschlagen anfälligeren Paperbacks. Nur so ist wohl der gleiche Preis zu erklären.


Roads of Jazz von Peter Bölke und Rolf Enoch, Edel „Ear Books“, Hamburg 2009, 156 Seiten (ISBN 978-3940004-31-4)
Noch eine Geschichte des Jazz, aber diesmal mit vielen Bildern. In sechs Kapiteln führen die „Roads of Jazz“ in die „unendliche Geschichte“ ein, von New Orleans bis Europa. Die Strassen des Jazz, heisst es einleitend, „begannen in New Orleans, dann führten sie zu neuen Zentren im Norden und an der Westküste“. „Sie verbinden mit den Namen grosser Musiker und sind geprägt von den Lebensumständen der Zeit.“ Diese Lebensumstände werden ebenso kursorisch gestreift wie die Musikerbiografien skizziert werden. In die Tiefe gehen die (zweisprachigen) Texte nicht, sie kleben zu sehr an der Oberfläche. Das sattsam Bekannte wird von Peter Bölke nochmals erzählt. Faszinierend sind die Bilder, die mit legendären Strassen wie Basin Street, Canal Street oder Lenox Avenue bekannt machen, die atmosphärischen Fotos von San Francisco, Los Angeles, Berlin, London, Paris. Auch die seltenen Platten-Cover vergangener Tage und die teils ganzseitigen Musikerfotos haben ihren Reiz. Und: den einzelnen Kapiteln zugeordnet, die den klassischen Jazz, Swing, Bebop, Cool und Europa vorstellen, ist jeweils eine beigelegte CD mit mehr oder weniger typischen Stücken, die Rolf Enoch zusammengestellt hat, gewidmet. Die „Roads of Jazz“ sind ein weiterer Band der Reihe „Ear Books“, die bisher mit verschiedenen preiswerten Foto-Bänden hervorgetreten sind, auch im Jazz.


Tobias Lehmkuhl, Coolness. Über Miles Davis, Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin 2009, 168 Seiten, 16,90 Euro (ISBN 978-3-8077-1048-8)
Wenn auch Miles Davis die Cool-Pose nicht erfunden hat, so war er doch massgeblich an ihrer Weiterentwicklung beteiligt. Nicht nur, dass der Trompeter 1954 die „Birth of the Cool“ einleitete, sein Spiel und sein Stil wurden von da an mit eben jenem Mode gewordenen Wort assoziiert. Was es genau damit auf sich hat, untersucht Tobias Lehmkuhl in seiner Studie „Coolness“, deren Titel gleich noch den Namen des schwarzen Prinzen ziert.
Was „cool“ genau ist, wird seitenlang erklärt, ausgeführt, definiert. Dass es um eine Überlebensstrategie geht, die keineswegs mit Gefühlskälte verwechselt werden darf, ist wohl des Autors wichtigste Erkenntnis. Gleichwohl hat der Begriff einen Bedeutungswandel erfahren. Er ist freilich mit keinem anderen Musiker so stringent in Verbindung zu bringen wie mit Miles. Nicht nur, dass er mit besagter „Birth of the Cool“ einer ganzen Epoche einen Namen gegeben hat, sein Stil ist es, der erst im Spannungsverhältnis von Stärke und Schwäche, von Hitze und Kälte, Zärtlichkeit und Strenge entsteht. „Seine Trompete kann klingen wie geeist“, heisst es auf Seite 12, „sein Ton klar und fest, frei von Vibrato, mitunter scharf und durchdringend, scheinbar unangreifbar. Zugleich aber spielt er die zartesten Melodien, bläst Balladen so rein und schlicht, als wäre Musik gerade erst erfunden worden. …. Seine Musik ist ein Balanceakt, in ihr wird das richtige Verhältnis von Hitze und Kälte ständig neu austariert“.
Weitere Charakteristika bringt Lehmkuhl mit dem einflusssreichsten Musiker der Jazzgeschichte in Verbindung. Sein Blick für „komplexe musikalische Zusammenhänge“, seinen „festen Willen zur Veränderung“, stets „ohne Rücksicht auf Verluste“ sowie die Fähigkeit, „nervös und wachsam wie ein Boxer“ zu sein. Doch im Jahr 1973 hat Miles Davis die Kontrolle verloren und damit die Coolness. Wenig später war auch „der alte Schwung dahin“. Weitestgehend endet Lehmkuhls Studie hier. Sorgte bislang die interessante Verbindung zwischen dem schillernden Begriff und der schillernden Figur für Furore (und unterhaltsame Lesefreude), so bringt das Folgende nichts Neues. Es sind die bekannten Stationen biografischer und musikalischer Entwicklung. Miles´ Karriere ist „ständiges Oszillieren: ein Pendeln zwischen Schlaffheit und Anspannung, zwischen Nachlässigkeit und Perfektion, Angriff und Verteidigung. Coolness eben“.


Wegweiser Jazz 2009/2010 – Das Adressbuch zum Jazz in Deutschland, herausgegeben vom Jazzinstitut Darmstadt, Darmstadt 2009, 416 Seiten, 19,80 Euro (zu beziehen über 06151/963700 oder www.wegweiserjazz.de)

Nach zwei Jahren hat das Darmstädter Jazzinstitut seinen „Wegweiser Jazz“ auf den neuesten Stand gebracht. Was nicht ganz korrekt ist, denn die aktuellen Daten und Neuerungen sind selbstredend stets im Internet abzurufen. „Das Adressbuch zum Jazz in Deutschland“, wie es im Untertitel heisst, strotzt in seiner sechsten Auflage mit erheblicherem Umfang und zuverlässigen Daten wie gewohnt. Stolz wird auch die erste gänzlich in einer Datenbank erfasste Ausgabe veröffentlicht, was mit viel Arbeit verbunden war und deswegen das Erscheinen verzögerte. Warum der Wegweiser überhaupt noch in Buchform erschienen ist, sagen die drei Herausgeber klipp und klar: „weil er schneller aufzuschlagen ist als man einen Computer hochfahren kann, weil einem beim Blättern immer noch Quergedanken in den Sinn kommen, die beim gezielten Suchen nicht entstehen.“ Darüberhinaus will der Wegweiser nicht nur praktisches Nachschlagewerk sein, sondern Dokumentation einer lebendigen Jazz-Szene. Er wendet sich an alle, die mit Jazz zu tun haben, an den Fan ebenso wie den professionellen Begleiter und Musiker.
Eine gelungene Dokumentation ist der Wegweiser, wie sich gleich beim ersten Blättern herausstellt, auf alle Fälle. Adressen von Plattenfirmen, Jazz-Zeitschriften, Agenturen, Jazz-Redaktionen, Kulturämtern und Ausbildungseinrichtungen springen den Leser an. Nirgendwo sind Spielorte, Szenen und überhaupt die Situation des Jazz in Deutschland besser erfasst, ist die Übersicht umfassender. Nicht nur Zahlen und Daten sind es, die den Blick auf die Szene schärfen. Auch grundlegende Beiträge wie das Editorial „ Zur aktuellen Situation des Jazz in Deutschland“, „Clubs und Festivals“ oder über die GEMA regen zum Nachdenken an. Neu sind die Städte-Porträts, die dem Jazz-Reisenden Orientierung bieten. Bei einer Auswahl weiterer Texte ist auch das Goethe-Institut beteiligt. Insgesamt bietet der „Wegweiser Jazz“, der erstmals zweisprachig erschienen ist, allerhand Material, das mehr als nützlich ist. Diese aktuelle Bestandsaufnahme der deutschen Jazz-Szene ist einmal mehr unerlässlich.

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Jazz - Neuheiten Juli 2009 - CDs und Bücher

CDs


Andy Sheppard “Movements In Colour”

Andy Sheppard,ss/ts – John Parricelli, g – Eivind Aarset,g – Arild Andersen, b – Kuljit Bhamra,table/perc (ECM 2062)

Nach einem Dutzend Alben als Sideman legt Andy Sheppard endlich sein Debüt als Leader auf ECM vor. Der britische Saxofonist mit internationalem Renommee hat sich mit fähigen Instrumentalisten umgeben, die für exotische Töne und weite Elektronikflächen sorgen. Der indische Tabla-Virtuose Kuljit Bhamra und der norwegische Bassist Arild Andersen bieten den groovigen Untergrund für das karibische Flair des Gitarristen John Parricelli, Sheppards langjährigem Duo-Partner, und die elektronischen, sphärischen Sounds des zweiten Gitarristen Eivind Aarset. Über all dem thront Sheppards warmer, melodischer Ton, den man sich nach und nach etwas ruppiger gewünscht hätte. Doch der Saxofonist, der alle sieben Stücke komponiert hat, entpuppt sich keineswegs als Experimentator – das passende personal hätte er dafür gehabt - , der Grenzüberschreitungen begeht oder Verbindungen zu anderen Kulturen sucht. Er pflegt den Wohlklang, die klare, einfache Melodie, sowie durchsichtige Harmonik und Rhythmik.




Angelika Niescier, Sublim III, Enja 9533/Edel

Die Sicherheit und Phantasie, mit der Angelika Niescier Sublim durch die Klippen des modernen Jazz steuert, ist erfrischend, faszinierend und wohltuend. Ihr seit 2000 bestehendes Quartett, dessen kreatives Potenzial unerschöpflich scheint, hat die Saxofonistin neu mit dem Pianisten Florian Weber besetzt. Dieser fügt sich glänzend ein in die Vielseitigkeit und Spielfreude der Band. Die „Coltrane-Geschädigte“, wie sich Niescier zuweilen kokettierend selber nennt, ist in ihren Kompositionen und Improvisationen überaus eigenständig. Sie verschmilzt unterschiedliche Einflüsse aus einem halben Jahrhundert Jazzgeschichte zu vitaler Musik, in der sich komplexe Staccato-Themen mit lyrischen Stimmungen vermischen. Gastmusiker Mehdi Haddab bringt auf der Oud orientalische Stimmung mit. So werden Niesciers expressive Spitzen immer wieder mit überraschenden Farben konfrontiert. Sublim III ragt heraus, muss unbedingt gehört werden.




Anthony Braxton, The complete Arista Recordings, Mosaic 242

Die neun Alben, die Anthony Braxton zwischen 1974 und 1980 für das Label Arista eingespielt hat, zählen nicht nur zu Höhepunkten im Schaffen des Reeds-Spielers und Komponisten Anthony Braxton. Sie sind, jetzt glänzend vollständig ediert in einer Mosaic-Box von acht CD´s, unbestrittene Meilensteine der improvisierten Musik, um die der Hörer des avancierten Jazz nicht herum kommt.

Nach Auflösung des spektakulären Quartetts Circle 1971 kehrte Anthony Braxton Amerika den Rücken. Erst ein Brief des Arista-Chefs Steve Backer brachte ihn in die Staaten zurück, nach New York. Dort traf sich Braxton wieder mit den alten Rhythmus-Gefährten Dave Holland (b) und Barry Altschul (dr), um die herum er diverse Besetzungen zusammenstellte. Die beiden tauchen sowohl in Combo-Besetzungen wie Bigbands und anderen Großformationen auf. Bei letzteren ist neben Altschul der unvergessene Philip Wilson als Perkussionist zu hören. Braxton lehnte es ab, weiter im Quartett tätig zu sein, was Backer am liebsten gewesen wäre. Ihm ging es darum, Neues auszuprobieren wie z. B. mit dem radikalen, kammermusikalisch orientierten Trio, bei dem Braxton, Henry Threadgill und Douglas Ewart je neun verschiedene Instrumente bedienen mussten. Dieses Manifest des Multiinstrumentalismus war eine Verbeugung vor der AACM in Chicago, der Braxton angehörte. Der Saxofonist feilte weiter an geschlossenen und offenen Klangkomplexen, die sich in diversen Stimmungen, monotonen Sounds oder langen Geräuschpassagen offenbarten. Sein kreatives Schaffen gipfelte in einem seiner gewaltigsten Projekte von 1977. Das zweistündige Werk für 40 Musiker, dessen Partitur 303 großformatige Seiten umfasste, steht in seiner kompletten Notierung der europäischen Kunstmusik eines Stockhausen oder Webern näher als der amerikanischen Jazztradition. . Das op. 82 bildet auf zwei CD´s den krönenden Abschluss dieser exzellenten Edition.




Dexter Gordon, Best of BN, Blue Note/Emi

Mit voluminösem Ton und unverkennbarem Vibrato ist Dexter Gordon in die Geschichte eingegangen. Nach massiven Drogenproblemen und Gefängnisaufenthalt feierte der große, stilbildende Saxofonist Anfang der sechziger Jahre ein packendes Comeback. Dies spiegelt sich in seinen famosen Aufnahmen wider, die er von 1961 bis 1965 für Blue Note machte. Zum Label-Jubiläum in diesem Jahr ist jetzt ein Dreier-CD-Pack mit einer Auswahl besagter Aufnahmen erschienen, mehr oder weniger repräsentativ. Sie sind freilich nur ein kleines Trostpflaster für all diejenigen, die die längst vergriffene brillante Deluxe- Box von 6 CD´s mit den kompletten Blue-Note-Aufnahmen Gordons, erschienen 1997, nicht besitzen. Mit dem beginnenden Hardbop 1960 spielte sich der Saxofonist endgültig in die Herzen der Fans und in die erste Liga. Er nahm seine erstmals seit 1947 wieder regelmäßige Aufnahme-tätigkeit wieder auf. Unterstützt von ausgezeichneten Sidemen, darunter Kenny Drew, Paul Chambers, Philly Joe Jones, Sonny Clark, Billy Higgins, Bobby Hutcherson, Freddie Hubbard und anderen, wurde Dexter Gordon selber zum Klassiker des Hardbop. Coleman Hawkins und Leser Young hatte er auf einen Nenner gebracht. Insgesamt sieben LP´s waren das beachtliche Ergebnis der vierjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit mit Blue Note, von „Doin´ allright“ über die meist gerühmte Platte „Go“ und „Our man in Paris“ bis zu „A swingin´ affair“ (um ein paar Titel zu nennen). Das Foto, das sich über eine Doppelseite des dürftigen Booklets erstreckt, dürfte eher dem von Roland Kirk entsprechen. Baskenmütze und mehrere Saxofone gleichzeitig im Mund, waren sein Markenzeichen. Der Name des Fotografen wird nicht genannt, so dass keine Rückschlüsse zu ziehen sind.






Efrat Alony „Dismantling Dreams“

Efrat Alony,voc – Mark Reinke,p,el,keyb – Christian Tome,dr,elö – Kajkaj string quartet (Enja 9523)

Auf ihrer vierten CD singt Efrat Alony kammermusikalische Popsong-Miniaturen mit wandlungsfähiger Stimme. Die in Berlin lebende israelische Sängerin komponiert Stücke, die sie mit ihrem Trio und einem Streichquintett interpretiert. Gesanglich hält sie sich zurück, legt mehr Wert auf Sounds, Stimmungen und Atmosphäre. Mit Jazz hat das alles allerdings wenig zu tun, dafür offenbaren sich überraschende Details. Alonys Stimme, die nie Instrumente zu imitieren vorgibt, fügt sich glänzend ein in den Streicherklang. Er wird durch rhythmisch eingesetzte Pizzicati gelegentlich aufgebrochen, ansonsten herrscht Melancholie vor. Wer gerne neue stimmliche Facetten entdeckt, ist mit dieser CD bestens bedient – egal, wie sie´s mit den Träumen hält.



European Jazz Ensemble 30th anniversary Tour 2006, Konnex 5225

Nun ist er endlich das, der Live-Mitschnitt der Anniversary Tour 2006 des European Jazz Ensemble. Was in den Konzerten sich an Brillanz, Spielfreude, Virulenz und überhaupt an Geschlossenheit der Gruppe offenbarte, ist jetzt festgehalten auf einem höchst lebendigen Mitschnitt aus drei Konzerten in Karlsruhe, Amsterdam und Heek (Auf der CD sind die Orte leider nicht vermerkt). Schade nur, dass Joachim Kühns Stück mit seinem mediterranen Flair und seinem expressiven Ausbruch nicht vertreten ist, was minderer technischer Aufnahmequalität geschuldet ist. Es ist nicht nur Haurands erlesenes Bass-Spiel von ersonnener Feinheit und sicherer Rhythmik, das mit ostinaten Figuren Fundamente legt für das ausgefuchste Flöten-Solo von Jiri Stivin, den samtweichen Sound von Pino Minafras Flügelhorn oder Conny Bauers Posaunen-Ausflüge. Es sind insgesamt die grundverschiedenen Kompositionen, die einzelne Mitglieder des 15-köpfigen Klangkörpers den Kollegen auf den Leib geschrieben und so das Kollektiv geformt haben. Das Great American Songbook blieb außen vor, es herrschte europäisches Flair. Am Anfang unterstreicht Charlie Mariano, der seit Jahren auf dem alten Kontinent lebt und als elder statesman gilt, seine Bedeutung für den europäischen Jazz mit einem sich ins Expressive steigernden Solo. Im Duo mit dem Pianisten Rob van den Broeck glänzt er später erneut. An Glanzpunkten hatte das Ensemble einige aufzuweisen. Zu erwähnen wären noch der hoffnungsvolle, junge und damals unbekannte Trompeter Matthias Schriefl, der kurzfristig engagiert wurde, der erfahrene Manfred Schoof, der gewitzte Conny Bauer, die Saxofonisten Stan Sulzman, Alan Skidmore und Gerd Dudek sowie die beiden Schlagzeuger Tony Levin und Daniel Humair. Sie alle tragen nicht unerheblich zum Gelingen dieses einmaligen Band-Projektes bei. Das European Jazz Ensemble ist nach drei Jahrzehnten lebendiger und beständiger denn je. Warum die Besetzung der Band sich immer wiederholt auf dem Cover und aufgrund giftgrüner Farbe schwer lesbar ist, bleibt Geheimnis des Berliner Labels. Ebenso stimmt die Anzahl der Stücke nicht, wundersamerweise aber die Zeitangaben, sofern man selber zusammenrechnet.



European- TV-Brass-Trio, Wunschklang, Yolk Records 2042/NRW Vertrieb

Wenn strenge Kompositionen, freie Improvisationen und ein Hauch von Anarchie aufeinanderprallen, sind Matthias Schriefl (tp), Daniel Casimir (tb) und Francois Thuillier (tu) nicht weit. Die drei komponierenden Blechbläser haben sich zum European-TV-Bras-Trio zusammengeschlossen und hauen auf ihrer Debüt-CD mächtig auf die Pauke (und das ohne große Perkussionsinstrumente, kleinere sind vorhanden). Ihre Stücke wecken mancherlei Assoziationen. Swing, Avantgarde und Unterhaltungsmusik werden keck und gekonnt gegen den Strich gebürstet.

Dabei blühen die Blechblasinstrumente mit Kesselmundstück (Brass!) allseits auf. Aus den meist einleitenden Unisonopassagen flüchten die drei Instrumentalisten alsbald, um jeder für sich solistisch zu brillieren. Schriefls aufblitzender, spitzer Trompetenton besitzt so viel Strahlkraft, um das Trio rhythmisch und melodisch auf Vordermann zu bringen. Dabei produziert er eine Unzahl schmutziger Töne, die die Nähe zu Blues und New-Orleans-Jazz erkennen lassen. Er greift aber immer wieder in die populäre Trickkiste, bläst diese oder jene Melodie an, auch zahlreiche Zitate dringen durch. Unvermittelt gerät Vorbild Don Cherry in den Blick. Kraftvolle Staccato-Läufe und lyrische Melodien sind für den jungen Trompeter, der auch gern in Lederhosen auftritt, kein Widerspruch. Im Gegenteil inspirieren sie die Mitspieler zu ungeahnten Höhenflügen. So verlässt Francois Thuillier immer wieder seine basslastigen Linien, die rhythmische Fundamente markieren, um in luftige Höhen vorzustoßen. Dann beginnt die ungelenke Tuba zu tanzen. Die Posaune, die Daniel Casimir mitunter dreistimmig spielt, vermag allemal mitzuhalten. Das European-TV-Brass-Trio ist eine Klasse für sich. Es wirft einen augenzwinkernden Blick hinter die Kulissen der Musik und unterhält dabei bestens.

Warum nun unbedingt seine Stücke recyclet werden müssen – die CD enthält zusätzlich vier Remixe von Steve Arguelles – ist nicht einsichtig.




Helmut Eisel + JEM „Clarinet Colours“

Helmut Eisel,cl – Michael Marx,g – Stefan Engelmann,b (Neuklang 4030/Musicora)

Ob man hier von Jazz, Klezmer oder Klassik spricht, ist unerheblich. Mit ungeheurer Wucht und Dynamik rast JEM durch die Genres. Das seit zwei Jahrzehnten bestehende Trio des deutschen Klarinettisten Helmut Eisel, hierzulande leider kaum bekannt, ist Spitze. „Es gibt keine vergleichbare Gruppe, die Innovation, Tradition und Können so zauberhaft in sich vereint“, lässt uns die Plattenfirma anlässlich der neuen CD wissen. Tatsächlich ist Helmut Eisel Weltklasse. Sein Klarinettenspiel ist stilistisch angesiedelt zwischen Benny Goodman und Giora Feidman, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Experimentierlust. Die multiphone Klarinette, die sich auf pulsierenden Klangteppichen von Gitarre und Bass austobt, erzählt, lacht, schreit, schwelgt, trauert und ist allseits nah an der menschlichen Stimme. Damit hat diese Musik bei aller stupender Technik, die nie Selbstzweck wird, etwas Anrührendes, Bewegendes – Menschliches eben. Fiktive Geschichten verschmelzen mit realen, eine bunte Märchenwelt entsteht und fesselt.



Jacques Loussier plays Bach – The 50th Anniversary Recording, Telarc 83693/Inakustik

Vor einem halben Jahrhundert genau wurde erstmals über Jazz und Barock nachgedacht, deren Bezüge und Verbindungen. Ausgelöst hatte die Debatte Jacques Loussier. Der französische Pianist entzückte mit „Play Bach“ die Jazzfans und verstörte die Klassik-Gemeinde. Bach und Jazz war das Thema, das nebenbei erste Markierungszeichen eines europäisch geprägten Jazz setzte. Nach zwanzig Jahren hatte sich das Konzept von „Play Bach“ aber abgenutzt, das Trio wurde aufgelöst. Wer nun geglaubt hat, zum Jubiläum werden diese alten Aufnahmen wieder veröffentlicht (dies geschah bereits vor wenigen Jahren), wird überrascht mit dem Loussier Trio, das 1985 zum Bach-Jahr neu formiert wurde. Nicht mehr ganz so streng wurde nun musiziert. Das Ganze klang geschlossener, vielleicht weniger akademisch unterkühlt. Andre Arpinos flotte Rhythmen wurden mit Kanten und Ecken versehen, Loussiers zackige Akkorde der erdigen Verwurzelung des Bassisten Vincent Charbonnier zugeführt. „Play Bach“ entstand in aufgefrischtem Gewand nicht zuletzt deswegen, weil die beiden Partner über vielfältige musikalische Erfahrungen verfügten. Loussier selbst wartete mit zaghaften Rockrhythmen und karibischen Nuancen auf. Am Prinzip, dies belegen die eben veröffentlichten Aufnahmen von 1991, hatte sich nichts verändert: mehr oder weniger eingängige Melodien werden jazzig phrasiert, mit ein paar Synkopen und mit einer rhythmischen Begleitung versehen. Wenn auch die Originale Bachs klar erkennbar sind, so leisten sich die Instrumentalisten Freiräume. Gelegentlich sind auch Kompositionen Ausgangsmaterial eigener improvisatorischer Erkundungen. Der „Geist des größten Genies in der Geschichte der klassischen Musik“, wie es 1959 hieß, wird in ein neues Licht gerückt. Pulsierende Rhythmen und perlende Läufe, mit viel Swing versehen, sind das Markenzeichen von „Play Bach“. Sie machen aus dem demnächst 75 werdenden Pianisten einen Pionier des Crossover zwischen Klassik und Jazz.



Joe Morris Bass Quartet, High Definition, Hatology 670/Harmonia Mundi

Das Joe Morris Quartet besteht keineswegs, wie man hätte vermuten können, aus vier Bassisten. Es ist ein pianoloses Quartett alter Schule. Trompeter Taylor Ho Bynum und Saxofonist Allan Chase legen ihre freien Chorusse auf das rhythmische Geflecht, das Schlagzeuger Luther Gray und Bassist Joe Morris stricken. Alle vier Musiker haben Erfahrungen mit freien Spielweisen, was diesen durchaus auf traditionellen Strukturen fußenden Aufnahmen bekommt, sie vom Gängigen abhebt. Die acht Morris-Stücke sind von fließender Eleganz, die vom kratzenden Trompetenton und quengelnden Saxofonton gelegentlich hinterfragt wird. Im Ausbalancieren von Freiheit und Groove überzeugt dieses Quartett. Es besticht insgesamt, wie es in den liner notes heißt, durch „ausgeprägtes Gefühl für rhythmische und melodische Artikulation; die ungezügelte Energie und konzentrierte Entschlossenheit in seiner Phrasierung.




Les Diaboliques „Jubilee Concert“

Irene Schweizer,p – Maggie Nicols,voc – Joelle Leandre,b (Intakt-DVD 141)

In den liner notes der ersten DVD von „Les Diaboliques“ bringt es Irene Schweizer auf den Punkt: der dokumentierte Live-Mitschnitt zum 20-jährigen Bestehen des Intakt-Labels und des furiosen Trios ist „ein musikalisch spontan improvisiertes , abstraktes Theaterstück mit dramatischen, skurrilen und ausgeflippten Passagen – ein Seh- und Hörvergnügen der besonderen Art“. Tatsächlich sind die Improvisationen der drei „nice old ladies“ einzigartig. Kommunikation und Interaktion werden groß geschrieben. Maggie Nicols Vokalartistik impliziert höchste Soprantöne, Obertongesang, Scat und allerhand Laute bis hin zu Geräuschen aller Art. Dazu lässt sich Joelle Leandre am Bass etwas einfallen. Erdige Glissandi und perkussive Bogen-Striche produzieren allseits dunkle Klangwolken, die mitunter durch eigene hohe Gesänge übertönt werden. Irene Schweizer gibt ihren pianistischen Segen mit präzis gesetzten Clustern und Kaskaden, die nie ausufern. Die Kamera beobachtet das musikalische Geschehen unspektakulär und verliert sich glücklicherweise nicht in Großaufnahmen. Hier ist ein glänzend aufgelegtes Trio, das lässig über die Grenzen und Konventionen des Jazz hinwegfegt. Bravo!



Magma, Studio Zünd, Le Chant du Monde/Harmonia Mundi

Zum 40-jährigen Bestehen der französischen Kultgruppe Magma ist eine prachtvolle Box mit 12 CD´s erschienen. Sie enthält alle zehn Original-Alben sowie ein speziell zusammengestellte „Archiv“-Doppel-CD mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen. Dem Hörer erschließt sich ein besonderer Kosmos aus Klängen, Gesängen, Tönen und Rhythmen, die mit Jazz-Rock oder Art Rock nur schwer zu umschreiben sind.

Magma hat sich von Anfang an in einen mystischen Mantel gehüllt. 1969 nach dem Vorbild der britischen Soft Machine gegründet, brachte Christian Vander, Sohn eines nach Frankreich eingewanderten polnisch-baltischen Zigeuner-Geigers, Gegensätzliches miteinander in Einklang. Der Schlagzeuger, ein Bewunderer John Coltranes, der nach dessen Tod 1967 19-jährig ans eigene Sterben dachte, montierte und kombinierte Harmonie- und Rhythmusakzentuierungen seines großen Vorbilds mit Voodoo-Rhythmen, Opern-Vokalisen, satten Bläsersätzen, gängigen Gitarrenriffs, Blues-Versatzstücken und Folklore-Proben, insgesamt eine „bizarr-eklektizistische Spielweise“, wie das „Rock-Lexikon“ urteilte. Das Ganze wird von Vanders Drive und Dynamik getragen, der einzigen Konstante der Band, die mehr als drei Dutzend Besetzungswechsel überstanden hat, 1980 bis 1984 eine Zwangspause einlegte und in den neunziger Jahren wieder live in Erscheinung trat.

Magma-Alben, klärt die Plattenfirma „Chant du Monde“ auf, „tragen kryptische Titel wie ´Mekanik Destruktiw Kömmandöh´, auf denen sich wiederum Songs finden, die nicht minder geheimnisvoll anmuten. In der eigens erfundenen Kunstsprache Kobaianisch erzählte die Gruppe von einer Jahrhunderte entfernten Zukunft, in der die Zivilisation sich ins absolute Chaos manövriert hat. Eine Gruppe von erleuchteten Erdenbürgern auf der Suche nach einem spirituellen Dasein hat ihren Weg in den Weltraum gefunden und beginnt auf dem fernen Planten Kobaia ein neues, besseres Leben“.



Magog, Live at the Montreux Jazz Festival 1973, TCB 01232/Sunny Moon

Warum es so lange gedauert hat, bis der sensationelle Montreux-Auftritt der Schweizer Gruppe Magog von 1973 endlich auf CD erscheint, bleibt ein Geheimnis. Das Sextett, das seinen Namen von einem barbarischen Volk des Alten Testaments bezog, war fast bis Ende der siebziger Jahre allgegenwärtig. „So viel Freiheit wie möglich, so viel Struktur wie nötig“, lautete das Motto der aus dem seit 1964 beim Rundfunk ansässigen Jazz Live Trios (Klaus Koenig,p/ Peter Frei,b/ Peter Schmidlin,dr) hervorgegangenen Formation. Das Erbe des Hardbop galt es zu bewahren und mit neuem Sinn zu füllen, der ausgehende Free Jazz war zu reflektieren ohne in grenzenlose Freiheit der Postmoderne zu verfallen, schließlich war die Popularmusik aus Pop und Rock aufzugreifen ohne dem Populismus zu frönen. Eine Synthese aus diesen Essentials strebte Magog an, wie Pianist und Komponist Klaus Koenig jetzt rückblickend in den liner notes der CD schreibt. Sie enthält den kompletten einstündigen Live-Mitschnitt aus Montreux – erstmals auch die Zugabe „Calypso“, die auf der alten LP nicht enthalten war. Auch nach über dreieinhalb Jahrzehnten wirkt dieser Auftritt frisch und vital, nie überholt oder langweilig. Allenfalls die Fender-Sentenzen haben etwas Abgestandenes. Ansonsten dominiert die am freien Spiel orientierte Konzeption. Frei gestaltet sind die Solo-Partien, vor allem die dreistimmigen Kollektivimprovisation der Bläser begeistern (Hans Kennel,tp,fh/ Andy Scherrer,sax/ Paul Haag,tb) sowie die logisch erscheinenden Übergänge zwischen den fixierten, durchstrukturierten und den ungebundenen Passagen. Magog demonstrierte in den siebziger Jahren einleuchtend, wie es mit dem Jazz nach den Lähmungen und Impulsen durch den Free Jazz weitergeht. Zwischen 1972 und 1978 gab das Sextett unzählige Konzerte und veröffentlichte 2 LP´s. Die erste war das Montreux-Konzert.


Marc Sinan „Fasil“

Marc Sinan, g – Yelena Kuljic, voc – Julia Hülsmann,p – Lena Thies, viola – Marc Muellbauer,b – Heinrich Köbberling,dr (ECM 2076)

Genau so ambitioniert wie schwerfällig fällt das ECM-Debüt Marc Sinans aus. Der türkisch-deutsch-armenische Gitarrist, der von der Klassik kommt, hat sich das Leben Aishas vorgenommen, der Vertrauten des Propheten Mohammed. Wie soll man den Weg „von der unschuldigen Schönheit … zur weisen Mutter der Gläubigen“ musikalisch umsetzen? Sinan spielt eine zurückhaltende, visionäre Gitarre, Julia Hülsmann ein karges Klavier, der Gesang ist verhalten. Orientalische Strukturprinzipien werden ausgeleuchtet, auf eigene Weise wird ein Bogen zwischen Orient und Okzident geschlagen. Europäischer kammermusikalischer Jazz als Ergebnis insgesamt umhüllt die Texte. Sie bestehen aus Koran-Zitaten, persischen Gedichten sowie Überlieferungen über den Propheten. Mit diesem Zyklus (türkisch. Fasil) aus Liedern und instrumentalen Improvisationen hat Marc Sinan ein beachtliches Debüt geschaffen.




Miroslav Vitous Group „Remembering Weather Report“

Mirolav Vitous,b – Franco Ambrosetti,tp – Gary Campbell,ts – Gerald Cleaver,dr – Michel Portal,bcl (ECM 2073)

33 Jahre nach seinem Weggang von der Supergroup Weather Report, die er 1970 mit Wayne Shorter und Joe Zawinul ins Leben rief, erinnert sich Miroslav Vitous an alte Zeiten. In den liner notes seiner neuen CD sagt der Bassist, wie Weather Report hätte klingen müssen, bzw. wie ihre Musik weiterzuentwickeln wäre und macht sich an die Arbeit. Umgeben von glänzenden Musikern, darunter der Tessiner Trompeter Franco Ambrosetti, interpretiert Vitous die alten Stücke neu, will sagen ohne jegliche Elektrifizierung. Nicht mal funky klingt das Ganze, eine völlig neue Klangästhetik wird zelebriert. Im Grenzbereich von frei improvisierter und Neuer Musik, Swing und Kollektiv-Improvisation agiert das Quintett. Selbstredend steht der Bass dabei im Mittelpunkt, eine Rolle, die Vitous virtuos ausfüllt. Er zupft und streicht sein Instrument, ihm immer wieder andere Klangfarben abringend. Weather Report jedenfalls hat man so noch nie gehört.



Sun Ra Arkestra, Live at the Paradox,

In+Out 77098/Inakustik

Auch im 55. Jahr seines Bestehens und 15 Jahre nach dem Tod des legendären Bandleaders macht das Sun Ra Arkestra auf sich aufmerksam. Ein famoser Live-Mitschnitt vom vergangenen Jahr ist beredter Beleg dafür, dass diese Großformation nach wie vor voll auf der Höhe der Zeit ist. Nach scheinbar elektronisch beliebigem Beginn – Marshall Allen tobt sich auf seinem Electronic Valve Instrument aus, was den früheren Moog-Synthesizer vergessen lässt – findet das 14-köpfige Orchester schnell seinen gewohnten Rhythmus. Geballtes Powerplay und ausgefeilte Solistik machen sich breit. Die sprühenden Funken der inspirierenden, improvisatorischen Kraft Sun Ras, der im Grunde von einem anderen Planeten aus mitmischt, sind allgegenwärtig. Erstmals agiert auch wieder ein frei rhythmisiertes Klavier, das mit dem jungen Farid Barron glänzend besetzt ist. Überhaupt entfaltet die Rhythmusgruppe allseits ihre treibende Kraft. Marshall Allen, seit den fünfziger Jahren fester Bestandteil des Arkestra, hat es verstanden, Sun Ras Erbe zu bewahren. Mit ordnender Hand bringt der 85-Jährige immer wieder Ruhe ins kreative Spiel der Band, die dem Chaos nicht abhold scheint. Dabei glänzt Allen selbst mit messerscharfen Altsax-Attacken, die sich über die Bläser-Riffs der Kollegen legen. Auch mit schrillen Exzessen auf dem elektronischen Wind-Instrument ist er der prägende Solist, unorthodox auch im Alter. Mit überbordender Solistik, schierer Spielfreude und ausgelassenem Musikantentum werden die alten Schlachtrösser von „Dreams come true“, vom alten Weggefährten Charles Davis auf dem Tenor vorgetragen, bis „Hocus Pocus“ präsentiert. Präzise Interpretation und wohl kalkulierte Routine freilich gibt es nicht. Dafür ist ein einzigartiges Stilgemisch zwischen Swing-Behäbigkeit, rockigem Blues und freitonalen Eruptionen, stets solistisch zugespitzt, sinniges und sinnliches Ergebnis. Das Sun Ra Arkestra, spielfreudig, souverän und versiert von den Wurzeln des Jazz bis in die Spitzen der Avantgarde, zählt zu den schillerndsten Ensembles zwischen innovativen Ideen und traditionellem Bigband-Sound. Zweifel daran sind nicht angebracht.

BÜCHER


Giorgio Moroder/Alessandro Benedetti, Extraordinary Records, Taschen Verlag, Köln 2009, 432 Seiten, 29,99 Euro


Dass die alten Vinyl-Schallplatten schwarz sein müsssen, mit diesem Klischee und Vorurteil räumt ein opulent ausgestatteter Bildband auf. Er versammelt fast 500 Schallplatten, die in Farben und Formen anders sind. Sie sind gülden bis durchsichtig, mal bemalt, mal bedruckt, mal leuchten sie im Dunkeln. Sie kommen als Schmetterling, Baum, Herz oder Stern daher, verblüffend ist ihre Formenvielfalt. Diese Vinyls spiegeln die Individualität der Künstler wie Pink Floyd, Queen, die Beatles, Prince, Michael Jackson, Elvis Presley oder Bon Jovi wider. Welche Platte zu welchem Anlass passt und den richtigen Rausch verspricht, weiß einzig der Kenner.

Zu einem solchen kann werden, wer aufmerksam den Band „Extraordinary Records“ sich zu Gemüte führt und studiert. Er ist, wie Herausgeber Moroder im Vorwort schreibt, eine „Liebeserklärung an Vinyl in all seiner Vielfalt“. Die beiden Autoren Peter Bastine und Alessandro Benedetti sammeln seit 30 Jahren ungewöhnliche Schallplatten, mehr als 16 000 an der Zahl. Die schönsten und schrägsten präsentieren sie hier. So wird verständlich, warum das Vinyl wieder Auftrieb hat, während den Konzernen die Einnahmen aus CD-Verkäufen weg brechen. In Zeiten von Downloads und MP-3-Playern bekommen „Extraordinary Records“ eine besondere Bedeutung. Davon handelt der Prachtband.

Geoff Brown, Let´s get personal – Die James Brown Biografie

Bosworth Edition, Berlin 2008, 261 Seiten (ISBN 978-3-86543-364-0)

Er galt als “irrational, manipulativ, polarisierend, rachsüchtig, außerordentlich egozentrisch, pervers und nachdrücklich einschüchternd, mit einem Temperament, das sich in Türenknallen äußerte”. Mit dieser treffenden Charakteristik beginnt Geoff Brown seine Biografie von James Brown, einem der größten schwarzen Entertainer, schonungslos. Wenig später schon stellt der Autor dessen Verdienste heraus. James Brown prägte wie kein zweiter die westliche Popularmusik, er erfand den Funk-Stil. Mit dem Jazz hatte er es nicht so: „Ich muss jetzt dahin kommen, wie ich swingen kann“, formulierte er einmal.

Zwischen den Polen starker Ablehnung und tiefer Sympathie bewegt sich die 1998 erstmals erschienene und jetzt überarbeitete Biografie. Geoff Brown, mit dem Protagonisten weder verwandt noch verschwägert, hat das Buch, wie er einleitend bekennt, „aus einem alternativen Blickwinkel, von einem objektiven Standpunkt aus verfasst“. Er möchte den bisherigen „Halbwahrheiten, Selbstrechtfertigungen und Geschichtsumschreibung“, wie sie der Sänger selber in zwei Autobiografien in Umlauf brachte, etwas entgegensetzen. Dass einer der einflussreichsten afroamerikanischen Musiker mit Gefängnisstrafen und Körperverletzungen Schlagzeilen machte, wälzt der Autor nicht aus, was für ihn spricht. Vieles erwähnt er gar nicht. Stattdessen versucht er, den Brown-Songs auf die Spur zu kommen, deren Wesen zu erfassen ohne mit musikwissenschaftlichen Analysen zu langweilen. Stets werden auch Hintergründe und Entstehungszeit der Songs erläutert, was vielfach langatmig geraten ist. Da kommt dann doch zu kurz, dass sich James Brown ein Imperium aus Radio- und TV-Stationen, Musikverlagen, einer Plattenproduktion, einer Künstleragentur, einer Immobilienfirma und einer Restaurant-Kette aufbaute. Freilich nutzte er seine Popularität auch, um sich für Unterpriviligierte einzusetzen, die Notwendigkeit derer Ausbildung zu betonen. Scheinheiliger geriet Browns Kampf gegen Drogen.
Geoff Brown setzt dem King of Rock´n´Roll und Rhythm´n´Blues-Sänger Nummer 1 fachkundig und versiert ein Denkmal. Der angestrebte alternative Blickwinkel ist dabei begrenzt. Die „objektiveren Standpunkte“ schüren die Gerüchteküche immerhin nicht weiter und schieben der Legendenbildung einen Riegel vor.



Jürg Laederach, Depeschen nach Mailland, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2009, 187 Seiten (ISBN 978-3-518-42059-1)

Dass ein Schriftsteller locker über Jazz plaudert, kommt nicht alle Tage vor. Noch weniger, dass dies auch noch schriftlich fixiert wird und so der Nachwelt erhalten bleibt. Der Ursprung: im Februar 2002 lud das Schweizer Radio DRS Jürg Laederach zu einem Gespräch über Jazz ein. Ausgehend von dieser Begegnung im Studio entwickelte sich ein intensiver E-Mail-Diskurs mit dem Radakteur Michael Mettler, zunächst über Musik, dann über alltägliche Dinge. Teile dieser Mails sind jetzt als „Depeschen nach Mailland“ veröffentlicht worden.

Diese Mails sind witzig, ironisch, bissig, weltfremd, beiläufig und bedeutungsvoll. Hunderte künden von der Sprachkraft des Basler Schriftstellers. Er liefert ein Lehrstück über die Liebe zum Jazz und zum unbedingten Sammeln. Er hat sich, wie er berichtet, eine Countryside-Platte von John Patitucci gekauft und erinnert sich an 1968, als man „Dorham/Henderson oder Dolphy oder extravaganten Coltrane haben“ musste, denn „man gehörte sonst einfach nicht dazu“. Der leidenschaftliche Sammler „kann auch warten bis Teures billiger wird“ wie zum Beispiel die „30 Japan-Blue-Note zum Ramschpreis“, die er auf einem Flohmarkt erstanden hat. Seine Sammlung, erfährt der Leser, „ist nicht ´All of All ´, nur von denen, die mich interessieren“. „Monks Brillant Corners darf ich nicht in der Sammlung haben – wo immer ich es kaufe, ich verliere es sofort, geschah schon fünfmal mindestens“. Dann fallen Namen wie Toscanini, Schubert und Mozart. Die „All-Time-Meisterwerke“ entstammen Svjatoslav Richter und Vladimir Horowitz. Beim Jazz herrscht merkwürdige Fehlanzeige. „Voraussetzung genussreichen Jazzhörens“, verrät Laederach, ist Mozarts Requiem. Dies nimmt der Leser ebenso erstaunt zur Kenntnis wie die Aussage: „Jazzästhetik ist ein raschlebiges Gut, das man eben vom Kleiderbügel löst und wieder dorthin hängt nach Gebrauch.“
Es geht weiter. Der Autor brennt „den ganz frühen Dexter Gordon 1943 – 1950“, hört „weiterhin den immer besser werdenden King Kelly“, findet bei Diana Krall „alles unvorstellbar einstudiert“, gewöhnt sich langsam an Booker Ervin, findet Lennie Tristano „sehr fad“, lernt Ben Webster „erst durch die Großliebe der Bekannten Anna aus Hamburg schätzen“, , glaubt, dass Lee Konitz „ein emotionales Behäbigkeits-, ja Fauteuil-Problem“ hat, meint, dass er zum Studium einer einzigen Phrase von Warne Marsh drei Jahre bräuchte, hält Oscar Peterson und Errol Garner „ganz klar (für) die Michelangeli des Jazz“ und „John the Colt (für) den Hölderlin des Saxofons“. „Leicht verrückt und vom Turm herunter verkündend“ geht der Autor zu Werke. „In einer dauernd allzu Jazz-zentrierten Welt“ will er aber keinesfalls leben, auch wenn ihm das reine Jazzthema „als Lebensmetapher geeignet“ scheint. So ist dann von Schweizer Städten und Regionen die Rede, von Krankheiten und der Katze, von Computerproblemen beim Brennen der CD´s und dem Lieblingsessen. Jürg Laederach bringt die Dinge in einer gekünstelten Sprache, in der Literatur und Alltag vermischen, schlüssig auf den Punkt. Der Jazz profitiert davon.

Susanne Beyer, Palucca – Die Biografie,
Aviva, Berlin 2009, 430 Seiten, 24,80 Euro

Gret Palucca, liest man in einer neuen Biografie über die legendäre Tänzerin, wurde „hineingeboren in die Spannungen zwischen Bürgertum und Künstlertum, zwischen der Lust an Repräsentation und dem Bedürfnis nach einem Körperbewusstsein fernab von Korsetts, von langen Röcken und gezwirbelten Schnurrbärten.“. Diese stimmungsvollen Verhältnisse hielten labenslang an und verdichteten sich, wie es heißt, zum „Prinzip Palucca“, eine Erfolgsformel für die wechselhafte deutsche Geschichte. Ihr versucht Susanne Beyer auf die Schliche zu kommen. Die „Spiegel“-Journalistin konnte die bis vor kurzem gesperrte Privatkorrespondenz der Tänzerin sichten und zeigt anhand dieser erstmals ausgewerteten Dokumente Palucca im regen Austausch mit ihren Freundinnen, Geliebten, Künstlern, Förderern und Politikern. Obwohl ohne neue Fakten, beleuchtet Beyer einige zahlreiche privaten Details. Die stetigen Konflikte mit Mary Wigman zum Beispiel, bei der Palucca zum Ausdruckstanz fand, enthüllen schließlich, was bislang kaum bekannt war: der Konflikt mit der einstigen Lehrerin und langjährigen Intimfeindin, deren Tagebücher als Zitate wie kritische Kommentare zu lesen sind, kam zu einem guten Ende.
Paluccas Bild bleibt ambivalent, auch wenn gelegentlich Legenden zerstört werden. Ihre Leistung, den Ausdruckstanz popularisiert und auf hohem Niveau gehalten zu haben, steht außer Frage. Weniger glücklich verlief ihr Umgang mit den Mächtigen. Zur Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin 1936 tanzte sie unter Hitlers Blicken ein Solo. Schon zuvor war sie bei den Nazis zum Star avanciert und wurde als „deutscheste Tänzerin“ gefeiert. Später erhielt die Halbjüdin Auftrittsbeschränkungen, was ihren Umgang mit den Nazis aber nicht einschränkte. „Anpassungsbereitschaft bis zum Äußersten und völliger Eigensinn“ bescheinigt Beyer ihr. Nach dem Krieg konnte Palucca unmittelbar mit Hilfe der Sowjets weitermachen. Sie gründete eine Schule in Dresden und stilisierte sich als „Opfer des Faschismus“, was ihr in der DDR Ruhm und Ehre einbrachte und zu einer Wanderin zwischen Ost und West werden ließ.
Beyers Biografie zeigt Palucca allseits vor zeitgeschichtlichem Hintergrund, ist also mehr als ein Tanzbuch. Die Verstrickung privater Beziehungen, Korrespondenzen und Politik, vielfach hinderlich dem Lesefluss, vermitteln vielerlei Einflüsse.


Ute Büchter-Römer, Swingingly yours – Ilse Storb love and peace, Nonem-Verlag, Duisburg 2009, 112 Seiten, 15 Euro (ISBN 978-3-935744-09-6)

Es waren “prägende Erlebnisse” und “besondere Begebenheiten”, die die mit Klassik groß gewordene Ilse Storb zum Jazz brachten. Zum 80. Geburtstag der ersten und einzigen Professorin für Jazzforschung, wie sie sich gern nennen lässt, ist ihre Biografie erschienen. Verfasst hat sie die Kölner Professorin Ute Büchter-Römer, die einst bei Storb promovierte.

Deren bewegtes Leben erzählt die Autorin nicht ohne Bewunderung und Respekt. Eine glückliche Kindheit verbrachte Ilse Storb in Essen, wo sie auch die Kriegsjahre überstand, allseits darauf bedacht, dass auch das Klavier heil bleibt. „Gedanken der Unabhängigkeit von männlicher Bevormundung“ wurden ihr quasi in die Wiege gelegt. Was wirklich in ihrem Leben zählte, war die Musik. Sie schrieb ihre Doktorarbeit über Claude Debussy, der ihre neue Horizonte und Klangdimensionen eröffnete. Den Jazz entdeckte die Klavierlehrerin Ilse Storb erst 1969, als sie auf den ersten Jazz-Kongress in Graz aufmerksam wurde. Der unbedingte Wille, diese Musik zu ihrem Lebensinhalt zu machen, springt den Leser in jeder Zeile dieser Biografie an. Es ging dann Schlag auf Schlag mit dem Jazz. 1971 wurde das Jazzlabor in Duisburg eingerichtet, ab 1985 folgten diverse Tagungen, die sich mit Jazz und Ausbildung befassten. Mit Storbs Emeritierung 1994 wurde die einzigartige Einrichtung des Labors geschlossen, „die Zerstörung ihres Lebenswerks“

Doch der Jazz ließ die Professorin nie mehr los. Ute Büchter-Römer stellt nicht nur ihren Lebensweg dar, dessen Freiheitswunsch sich mit der Freiheitsoption des Jazz vermählte, sondern liefert gleichzeitig, wie sie schreibt, „eine reflektierende Betrachtung ihrer Veröffentlichungen“. Der Habilitationsschrift über Dave Brubeck, der ersten Buchveröffentlichung über den Pianisten weltweit, folgte die Biografie Louis Armstrongs. In „Jazz meets the world“ formulierte Ilse Storb Gedanken zum Jazz, die in „Anweisungen zur weiblichen Lebensführung“ gipfelten. Handreichungen für Lehrer und Unterrichtsanleitungen sowie weitere veröffentlichte Beiträge und Interviews werden erwähnt. In einem längeren Radiogespräch, das über 20 Seiten in voller Länge dokumentiert wird, erläutert Ilse Storb ihre Haltung zum Jazz, die das Fazit dieser Biografie abgibt. Der Jazz ist eine kreative, partnerschaftliche und freiheitliche Musik, ist zu erfahren, für die einzusetzen sich lohnt. Dem setzt die Autorin eins drauf auf Seite 64, die ihre „Conclusio – Coda“ enthält. Das Loblied auf Ilse Storb könnte nicht harmonischer ausfallen.

Werkschau – 20 Jahre Schaffhauser Jazzfestival. Ein Rückblick, Chronos Verlag, Zürich 2009, 144 Seiten (ISBN 978-3-0340-0961-4)

Zum 20-jährigen Bestehen hat sich das Schaffhauser Jazzfestival ein schönes Geschenk gemacht. „Werkschau“ heißt der Fotoband treffend, weil er „die Werkschau der einheimischen Szene“ Revue passieren lässt. Dies in vier Beiträgen und vielen Bildern von vier Fotografen. Die beiden künstlerischen Leiter Urs Röllin und Hausi Naef ergänzen sich glänzend, wie im einfühlsamen Porträt-Beitrag zu lesen ist. Ihre „Mixtur aus Groove und Avantgarde, aus Feeling und Intellektualität, die die Schweizer Jazzszene optimal abzubilden versteht“, macht den Charakter des Festivals aus. Es stellt, wie wiederholt betont wird, „ein Horchposten der Schweizer Jazzszene“ dar, ist „Marktplatz der einheimischen Szene“ wie „Bühne für den Schweizer Jazz“. Selbstredend ist es „Treffpunkt der aktuellen, modernen Schweizer Jazzszene in ihrer ganzen Breite“.

Nichtsdestotrotz kommt der Betrachter von außerhalb auf seine Kosten. Der Schweizer Jazz, dessen „Verhältnis von aktiven Jazzmusikerinnen und -musikern zur Gesamtbevölkerung … etwas höher zu sein (scheint) als im europäischen Durchschnitt“, wie man liest, ist nicht isoliert von internationalen Entwicklungen. So verwundert es nicht, dass eins der ersten Fotos Peter Brötzmann zeigt, liebevoll sein Saxofon im Arm haltend. Daneben gleich der in seine Trompete blasende Enrico Rava, Landsmann Paulo Fresu pustet ebenso. Der nahe Schaffhausen lebende Barry Guy gibt sich in stürmischer Pose, während Hans Reichel an seinem selbst konstruierten Daxofon herumdoktert. Über 1000 Musikerinnen und Musiker waren Gast in der nördlichen Schweiz, „ihre Klänge leben in den Bildern fort“. Sie sind hübsch anzuschauen, vermitteln viel vom Wesen des Jazz. Sie stellen die Musiker agierend auf der Bühne vor, künden von energetischem Jazz, wie er zuweilen auch in der Schweiz gepflegt wird. Ein angespannter, aber lachender Lucas Niggli bürgt ebenso dafür wie ein druckvoller Werner Lüdi, ein expressiver Bruno Amstad mit verwehtem Haar, ein fröhlicher Christoph Stiefel am Klavier, ein Duo Schweizer/Bennink in Aktion oder ein dirigierender Mathias Rüegg. Verschiedene Facetten werden somit abgelichtet.

Die farbige Palette aller 20 Plakate beschließt den Band. Leider ist der vorzüglichen Werkschau keine Chronologie aller Festivals enthalten, ebenso fehlt eine einführende Diskografie, die den interessierten Neuling den Schweizer Jazz auch hörend schmackhaft machen könnte. Die Chance einer geschlossenen Dokumentation wurde leichtfertig vertan.

Copyright auf alle Texte by Reiner Kobe Journalist Eschholzstrasse 58 79115 Freiburg

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Jazz - Neuheiten - März 2009

CDs

Adrian Mears New Orleans Hardbop, Birdseye view, TCB 28103/Sunny Moon

Fröhlich und ausgelassen wie das hüpfende Männchen auf dem Cover kommt das Quintett von Adrian Mears daher. Der australische Posaunist, der seit einiger Zeit in der Südwest-Ecke der Republik lebt, hat sich dem quirligen Hardbop verschrieben, genauer dem New Orleans Hardbop, was aber lediglich den historischen Hintergrund beleuchtet. Mears´ Spielweise ist alles andere als historisch oder zurückgeblieben. Sie ist spannungsgeladen, dynamisch, voller Drive. Verspielte Zieseleien und Spitzfindigkeiten sind seine Sache nicht. Der zupackende Blick strebt stets nach vorn, straight ahead. Immer wieder wirft sich Mears mit Dominic Landolf (ts), dem zweiten Bläser der Band, die Bälle zu. Auch die Rhythmusgruppe ist allzeit gefragt und gefordert: Peter Madsen gefällt mit einem wunderbar austarierten Klavier-Solo, Bassist Stephan Kurmann mit harmonisch vertrackter Begleitung und Neuzugang Mario Gonzi bringt sein Schlagzeug souverän in Stellung. Auf neun neuen Stücken, die aus neuen und alten Quellen schöpfen, beweist Adrian Mears New Orleans Hardbop erneut seine Klasse. Den „etwas traditionellen Beat aus New Orleans mit den avancierten Harmonien des Hardbop zu verbinden“, wie Mears seinen Anspruch formulierte, ist bestens gelungen.


Aki Takase/Rudi Mahall „Evergreen“
Aki Takase (p), Rudi Mahall (bcl)

Es beginnt mit „Mood Indigo“, Ellingtons größtem Hit. Aki Takase und Rudi Mahall zelebrieren einträchtig die blaue Stunde des Blues, bringen die Melancholie schließlich mit dem schillernden Nachtleben New Yorks in Verbindung. Programmatisch am Anfang ihres dritten Duo-Albums haben die Pianistin und der Bassklarinettist, beide in Berlin lebend und seit langem miteinander bekannt, Ellington gesetzt. Die Hits, allesamt Evergreens, folgen Schlag auf Schlag., hintersinnig interpretiert und ironisch gebrochen von dem famosen Duo. Richard Rodgers, Howard Arlen, Hoagy Carmichael und George Gershwin: das Great American Songbook wird listig aufgeblättert. Simple Lieder mitunter erfahren gewagte Tonartwechsel , erscheinen mithin in neuem Licht. Ein gewisser individueller Respekt wird den beiden Interpreten im Booklet bescheinigt. Traumwandlerisch gehen sie zu Werke, ob Stride-Piano-Parodie, eine bittersüße Melodie, schmachtend bis schmetternd, oder eine elegische zarte Phantasie. „Die CD ist ein Gang durch viele Stilelemente“, heißt es anerkennend weiter im Booklet. Insgesamt, auch dies stimmt, ist sie „vitale Kammermusik von endloser Fülle und Phantasie“.


Andy Herrmann, Looking Back, Mons 874462/Sunny Moon

So wie er auf dem Cover seiner neuen CD daherschreitet, ist seine Musik: lässig, entspannt und unaufgeregt. Andy Herrmann blickt mit seinem Jazz-Trio, das er seit sieben Jahren leitet, zuversichtlich zurück. Der Freiburger Pianist erinnert an alte Jazztugenden wie geschliffene Solistik und kommunikatives Interplay. Auf acht eigenen Stücken lotet er die offensichtlich nie versiegenden Möglichkeiten der klassischen Trioform aus, wobei drei Mal zusätzlich Gast-Saxofonist Paul Heller, Mitglied der WDR Bigband, in die Bresche springt. Die Brücke zum langfristig geplanten Quartett ist geschlagen Die Themen tragen oft romantisch-impressionistische Züge, stehen aber auch in der Tradition des modernen Jazz und werden von vielfältigen Grooves getragen. Sie werden von Bassist Henning Sieverts und Schlagzeuger Tom Rainey, beides exzellente Solisten wie Sidemen, als Katalysator für vielschichtige Improvisationen genutzt, die immer im Dienst von Form und Thema stehen. Das Andy Herrmann Trio spielt unspektakulären modernen Jazz ohne modische Ambitionen. Dabei hätte es der abgedruckten Beifallsbekundungen prominenter Musiker im Booklet nicht bedurft.


Anke Helfrich „Stormproof“ (Enja 9528)
Anke Helfrich (p), Henning Sieverts (b), Dejan Terzic (dr), Nils Wogram (tb)

Ihre beiden letzten Alben waren für den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik nominiert, ihr jüngstes, das dritte, ist ebenso ambitioniert. Anke Helfrich ist Deutschlands Vorzeige-Pianistin par excellence. Souverän durchschreitet die mehrfach ausgezeichnete Helfrich vielerlei Stationen des modernen Jazz, vom Swing mit zeitgenössischen Einsprengseln über leichtfüßigen Latin-Touch bis zu glühendem Groove. Schillernd ist ihr perkussives Spiel. Die Vielseitigkeit dieser Pianistin besticht, vor allem wie sie amerikanische Tradition mit europäischer Freiheit verbindet. Die zehn Eigenkompositionen entwickeln sich ziemlich frei und doch agiert das Trio geschlossen. Erstaunlich auch, wie sich Nils Wogram, der auf fünf Stücken Gast ist, in das Gruppengeschehen integriert, konzeptionell wie spieltechnisch. Der Wahl-Zürcher Posaunist ist mit geschmeidigen Chorussen zur Stelle, deren Aggressivität er gern mit Lyrik verbindet. Seit ihrem Debüt vor acht Jahren hat sich Anke Helfrich enorm weiter entwickelt.


Borah Bergman Trio, Luminescence, Tzadik 8131/Sunny Moon

Schon vor fünf Jahren, als er seine “Meditations for Piano” vorlegte, gab sich Borah Bergman, der in den achtziger Jahren neben Cecil Taylor die tragende Säule des Free-Jazz-Klaviers war, abgeklärt und altersweise. Auf seinem neuen Album führt der inzwischen 82-Jährige seine elegischen Etüden fort, diesmal in Trio-Besetzung. Dunkel und verhangen gibt sich der Pianist. Mit verhaltenen Tonfolgen produziert er Schwermut und Melancholie. Dass das Ganze nicht zu sehr abdriftet, dafür sorgen Greg Cohen (b) und Kenny Wollesen (dr), eins der versiertesten Rhythmus-Teams der New Yorker Szene. Auch Label-Chef John Zorn greift als Gast einmal zum Altsaxofon und öffnet mit einem ergreifenden Solo freie Räume. Nichtsdestotrotz zeigt sich Borah Bergman verhalten. Mit sparsamem Spiel verzögert er das Tempo, dehnt die Zeit.



Clusone 3, Soft Lights And Sweet Music, Hatology 657/Harmonia Mundi

In dem Jahrzehnt, in dem das Clusone 3 bestand (1988 – 1998), hat es die Jazzwelt mit sechs CD´s beglückt. Die wohl umwerfendste, das 1993 aufgenommene Irving Berlin Songbook, ist jetzt wieder veröffentlicht worden, ein wahrer Glücksfall. In den 18 zwischen zwei und fünf Minuten dauernden Stücken werden sämtliche Register des Zusammenspiels gezogen. Leichtfüßig, ungekünstelt und virtuos agieren Michael Moore (as,cl,bcl), Ernst Reijseger und Han Bennink (dr). Die drei Musiker bauen eine eigene Klangwelt auf, die Irving Berlin, den amerikanischsten aller Song-Komponisten, in ein neues Licht rückt. Dessen Songs, Tages-Schlager und Musical-Melodien, werden mit Drive, Swing, Ideenreichtum und Humor interpretiert und in eine zeitgenössische Klangsprache gebracht. Neben bekannten Hits wie „There is no business like showbusiness“, „Cheek to cheek“, They say it´s wonderful” oder “How deep is the ocean” werden auch weniger bekannte Songs vorgestellt. Allesamt sind Themengrundlagen für jazzige Interpretationen und Improvisationen; einige sind ins Standard-Repertoire eingegangen. Faszinierend, wie Clusone 3 mit der Tradition umgeht und darüberhinaus Eigenes schafft. Swingend-elegante Passagen treffen auf Zydeco-Rhythmen und vielgestaltige freie Kollektivphasen.



Coco Schumann, Rex Casino, Trikont 0382/Indigo

In den letzten Jahren Hat Gitarrist Coco Schumann zwei CD´s vorgelegt. Sie dokumentieren zum einen sein gesamtes Schaffen von den ersten Aufnahmen in den vierziger Jahren bis zur Gegenwart, zum anderen einen Live-Mitschnitt von 1999, dessen Rhythmusgefühl und harmonische Raffinessen hervorgehoben wurden. Zu Schumanns 85. Geburtstag im Mai erscheint eine CD, die beide Aspekte der vorausgegangenen Produktionen reflektiert und, wie es im hervorragenden Booklet heißt, „Historisches live“ präsentiert. „Rex Casino“ enthält 6 Live-Titel, die im gleichnamigen Ami-Club im Süden Berlins 1955 mit Quintett aufgenommen wurden. Der letzte der 16 CD-Titel ist wiederum live 1996 eingespielt, dazwischen leider nicht näher diskografierte historische Tonbandmitschnitte und alte Schellacks. So unterschiedlich das Material, von swingenden Standards bis zu verjazzten Schlagern, so entschieden zielstrebig Schumanns Artistik. Sie ist stets dem „gehobenen Swing“ (Booklet) verpflichtet und gerät selten in seichtes Fahrwasser.

Der CD beigelegt ist eine DVD, die Schumanns Schaffen optisch ergänzt. Allerdings nicht, wie man vermuten könnte, mit irgendwelchen abgefilmten Live-Auftritten oder ergänzenden Interviews aller beteiligten Musiker, sondern mit höchst individuellen, ja privaten Videos. Der Gitarrist selbst nahm oft die Kamera in die Hand, wenn er in Berlin Ausflüge machte, oder auf Schiffskreuzfahrten, wo er sich lange Jahre musikalisch verdingte. Die Super-8-Aufnahmen ermöglichen bei aller Amateurhaftigkeit eine höchst persönliche Begegnung mit Coco Schumann. Die Bilder nehmen den Betrachter mit auf Reisen nach Afrika, Beirut und Istanbul oder auch nur in eine schwarz-weiß gefilmte Neon-Nacht auf den Berliner Kurfürstendamm 1961. Ergänzt werden die Filmaufnahmen durch Ausschnitte aus zwei Dokumentationen, die sich mit der Nazi-Zeit beschäftigen. Schumann, einer der letzten Überlebenden des Holocaust, erzählt aus seinem bewegten Leben, wie ihm die Musik das Leben rettete. Im Film des japanischen Fernsehens zur Geschichte des St. Louis Blues berichtet er von seiner KZ-Haft. Zwischen den einzelnen Beiträgen der DVD finden sich Video-Clips von Duo-Aufnahmen mit dem Geiger Helmut Zacharias, die in dessen Villa privat aufgenommen wurden. Insgesamt ist die DVD eine vergnügliche, aber auch nachdenklich stimmende Zeitreise, meist unterlegt mit dem entspannten „Rhythm Cocktail“, der 1952 in Australien angerührt wurde.



Ernst Reijseger, Tell me everything, Winter + Winter 910151

Auf seinem siebten Album unter eigenem Namen zieht Cellist Ernst Reijseger wieder alle Register seines Könnens. Seine Solo-Performance, aufgenommen in einer alten Dorfkirche in der Toskana, bezieht die Raumakustik ebenso ein wie Naturklänge oder Vogelgezwitscher. Kammermusikalisch sanft bis hochexpressiv gibt sich der Niederländer, der es schon immer verstanden hat, sich gleichzeitig in verschiedenen Stimmungs- und Gefühlswelten zu bewegen. Die besondere Atmosphäre der Kirche kommt ihm gelegen. Die Klangperformance ist Komponieren in Echtzeit par excellence. Das Cello singt und lacht, brüllt und schreit; ihm sind keine Grenzen gesetzt. Reijsegers Stücke, unterschiedlich konzipiert, entspringen mal lang gezogenen Tönen, sind mehrstimmig, klingen in höchsten Registern wie Violinen, dann Country-Stile, offenbaren in ostinaten Figuren magische Momente oder ergehen sich in donnernden Trommel-Einlagen auf dem Resonanzkörper. Das Album, empfiehlt Label-Chef Stefan Winter, „sollte vielleicht in absoluter Dunkelheit“ gehört werden., um „Ernst Reijsegers Farben und Formen voll zum Blühen bringen zu können, so wie auch die Farben in Jerry Zeniuks Bilder (im Booklet mitgeliefert, R.K.) leuchten“.




Geir Lysne Ensemble, „The Grieg Code“ (ACT 9479)

Geir Lysne (ts,fl), Morten Halle, Tore Brunborg, Steffen Schorn (sax,fl), Eckhard Baur, Jesper Riis (tp), Arkady Shilkloper (fh), Helge Sunde (tb), Lars Haug (tu), Jörn Öien (keyb), Björn Kjellemyr (b), Andreas Bye (dr), Terje Isungset (perc)

Was hätte Edvard Grieg komponiert, wäre er ein Jazz-Komponist des 21. Jahrhunderts mit Wurzeln in Norwegens Fjorden, aber ausgesetzt allen globalen Einflüssen? Allen Ernstes stellt Geir Lysne diese Frage und erfindet auf seinem neuen Album den „Grieg Code“. Der norwegische Tenorsaxofonist, Arrangeur und Komponist hat (in Griegs Sinn?) eine Suite geschrieben mit wiederkehrenden rhythmischen und melodischen Leitmotiven. Die zahlreichen Zitate und Anspielungen auf den Komponisten, der keinesfalls verjazzt wird, erschließen sich freilich nur demjenigen, der mit Griegs Werk vertraut ist. Wer dies nicht ist, genießt den sanften Bigband-Sound, der Weltmusik im besten Sinn ist. Vibrierende, pulsierende und mitreißende Stimmungsbilder verdichten sich in den Soli, die sich organisch aus dem Kollektiv lösen. Wir hören ein bisschen Balkan, Gil Evans, Bengt Arne Wallin und irische Volksmusik. Auch vor Norwegen hat die Globalisierung nicht Halt gemacht.



George Robert Jazztet, Remember the Sound- homage to michael brecker, TCB 28932/Sunny Moon

Wenn sich zehn Dozenten der Jazzabteilung der Musikhochschule Lausanne zusammentun, muss etwas Besonderes sein. Tatsächlich überrascht das George Robert Jazztet mit einer gelungenen Hommage an einen der ganz Großen, an Michael Brecker. Der Westschweizer Altsaxofonist war mit dem vor zwei Jahren verstorbenen Saxofonisten befreundet und wollte ihm ein eigenes Denkmal setzen. Er beauftragte den erfahrenen Arrangeur und Komponisten Jim McNeely, anhand bestimmter neuer Stücke die Karriere Breckers nachzuzeichnen. So beleuchtet das frisch aufspielende Jazztet, das mit famosen Solo-Partien nicht hinter dem Berg hält, Breckers Karriere von Horace Silvers Quintett über die Brecker Brothers und Steps bis zu dessen letzten Aufnahmen mit Pat Metheny. Jedes der Stücke markiert verschiedene Schaffensperioden präzise. Insgesamt eine berührende Würdigung eines großen Jazzmusikers unserer Zeit.




Henry Grimes „solo“ (ILK Musik 151)
Henry Grimes (b)

Seit seinem neuerlichen Auftauchen nach Jahrzehnten auf der Jazz-Szene vor sechs Jahren ist Henry Grimes unermüdlich aktiv. Der Bassist, der einst mit Albert Ayler, Don Cherry und Cecil Taylor spielte, also der ersten Free-Jazz-Generation angehört, hat nichts von seinem suberben Können eingebüßt. Auf einer neuen Doppel-CD, die er solo aufgenommen hat in zwei Takes von jeweils eineinviertel Stunden Länge, zeigt Grimes, dass mit ihm immer noch zu rechnen ist. Der ansonsten zurückhaltende 74-Jährige blüht am Bass auf, ist reich an Ideen. In wechselnden Improvisationen kommen Klangflächen auf, rhythmische Muster und unendlicher Melodienreigen. Swingende Sentenzen schimmern mitunter durch, nie jedoch Zitate aus seiner reichhaltigen Vergangenheit. Henry Grimes ist kein Nostalgiker, sondern blickt stets nach vorn voller Spielfreude. Ebenso fingerfertig wie den Kontrabass bedient er die Geige, zu der er mitunter unvermittelt greift. Langeweile kommt auf dieser Doppel-CD nie auf, Konzentration aber ist gefordert.


Der Jazz in Deutschland

Vol. 1 Vom Cakewalk zum Jazz (1899 – 1932), Bear Family 16909

Vol. 2 Die Swing-Jahre (1934 – 1961), Bear Family 16910

Vol. 3 Ein frischer Wind (1953 – 2005), Bear Family 16911

Vol. 4 Vom Jazz in Deutschland zum deutschen Jazz (1964 – 2005), Bear Family 16912



Musik in Deutschland 1950 – 2000 (Jazz)

Bigbands 1950 -1970, Sony Music 73579

Combo-Jazz 1970 -2000, Sony Music 73580

Solo und Duo 1970 – 2000, Sony Music 73583

Free Jazz West, Sony Music 73584

Free Jazz Ost, Sony Music 40038

Jazz in Neuer Musik, Sony Music 73586

Neue Musik im Jazz, Sony Music 73585

„Mit seinem Klavier, seiner Band und seinem Lächeln könnte Wilhelm Iff tote Männer zum Tanzen bringen“, meinte ein begeisterter Zuhörer, der das Orchester des weit gereisten deutschen Bandleaders 1899 gehört hatte. Iff machte die ersten Tonaufnahmen auf 1887 von Emil Berliner entwickelten Walzen, ein Jahr später dann auf Schallplatten. Sie ist zu hören, digital aufbereitet, auf der ersten von zwölf CD´s, die sich mit der Geschichte des Jazz in Deutschland befassen. Die umfassendste Dokumentation dieser Geschichte, von der frühesten Vorgeschichte bis zur aktuellen Gegenwart, liegt jetzt auf einem Dutzend CD´s vor, je vier Digipacks mit drei Silberlingen. Fast alles sind seltene Tondokumente, von denen die Hälfte erstmals überhaupt auf CD veröffentlicht wird. Ein Jahr lang haben die beiden Jazzforscher Horst Bergmeier und Rainer Lotz an der famosen Dokumentation gearbeitet. Sie haben Hunderte alter Schellackplatten abgehört, Besetzungslisten rekonstruiert, überlebende Musiker aufgesucht und zeitgenössische Zeitungen ausgewertet. Die gesamte Bandbreite des deutschen Jazz ist schließlich auf 282 ausgewählten Aufnahmen zu hören. Es sei ein Riesenunterfangen gewesen, so Lotz, für die von verschiedenen Firmen produzierten Aufnahmen die Lizenzen zu erhalten. Der Clou des Ganzen sind die 642 Seiten Begleittext, wohl sortiert und thematisch gegliedert in den zu jedem Set gehörenden informativen Booklet. Hier werden historische Hintergründe, biografische Daten über Musiker und Labels erläutert zu allen (!) dokumentierten Aufnahmen

Ungewöhnlich, wenn nicht das erste Mal, dass auch die frühesten Vorformen des Jazz, Cakewalk und Ragtime, ausführlich vorgestellt werden. Schon zu früher Zeit, hier dokumentiert ab 1899, gab es deutsche Musiker, die die Vorformen des Jazz spielen konnten. Die wenigen noch existierenden Klavierrollen aus der ganzen Welt wurden für diese Edition zusammengetragen, so dass erstmals auch zeitgenössische Musikautomaten und Klavierrollen, darunter die in Freiburg entstandenen Welte-Mignon-Aufnahmen, in digitaler Qualität einbezogen sind. Von Jazz freilich wurde erst 1919 gesprochen, als die Original Dixieland Jazz Band erstmals in Europa gestierte.

Jede der 12 CD´s lichtet ein Kapitel deutscher Jazzgeschichte ab, von der erwähnten Vorgeschichte über die zwanziger Jahre („Der Jazz erobert Deutschland“) und den „Jazz unterm Hakenkreuz“ bis zum „Trümmerjazz“ und die späten modernen Ausformungen. Nach chronologischem Beginn sind die Nachkriegsaufnahmen stilistisch eingeordnet. Ein Plus, dass auch die Entwicklung in beiden (!) deutschen Staaten dargestellt wird, die nach dem Krieg unterschiedlich verlief. Ob dieser oder jener Musiker nicht berücksichtigt wurde, erscheint bei dieser unübersehbaren Zahl von Namen müßig.

Dies gilt auch für das nicht minder ambitionierte Projekt, das der Deutsche Musikrat vorlegte. „Musik in Deutschland 1950 – 2000“ reflektiert auf 130 CD´s, von denen sieben dem Jazz gewidmet sind, die Entwicklung zeitgenössischer Musik. Der Herausgeber hat anders als bei der ersten Edition von Baer Family nicht die chronolgische Entwicklung im Blick, sondern die thematische Erfassung mit Schwerpunkten. Man spürt die pädagogische Absicht, denn „die Dokumentation soll Einsicht in musikgeschichtliche Zusammenhänge bieten“. Dies geschieht in den exzellenten Booklets, in denen qualifizierte Autoren in die Themen der CD´s einführen. Mit ihrem fragmentarischen Überblick und der Vertiefung einzelner Aspekte vielfältiger Möglichkeiten improvisierter Musik nach dem Krieg ist die Musikrat-Edition eine glänzende Ergänzung zur Bear Family.



Jim Black AlasNoAxis, Houseplant, Winter + Winter 910154/Edel

„Houseplant“(Zimmerpflanze) nennt Jim Black, einer der versiertesten und vielseitigsten Schlagzeuger des aktuellen Jazz, seine fünfte eigene CD. Diesmal ging es ihm nicht darum, Grenzen zu Sprengen, sondern sich mehr auf Harmonie und Melodie zu konzentrieren. Dafür steht die Zimmerpflanze, für Black ein Symbol für Ruhe und Besinnlichkeit. Er meint einen Seinszustand, bestimmte Momente, wo er nach vielen Wochen auf Tour „einfach völlig still dasitzt“. So sind 12 Stücke entstanden, die eine relaxte Klangwelt reflektieren, quasi Zeichen setzen gegen die Hektik und das Chaos unserer Zeit. Meist sind es markante Rockbeats, über die Saxofonist Chris Speed seine selten expressive Solo-Chorusse legt oder Gitarrist Hilmar Jensson seine Exkursionen ohne krachenden Rock-Gestus. Das Ganze gibt sich insgesamt recht gefällig mit einem Understatement, das manchmal fast hypnotisch wirkt.


Johannes Mössinger, The New Jersey Sessions, In + Out 77096/Inakustik

In den liner notes seiner neuen CD beschwört Johannes Mössinger “eine Ursituation der improvisierten Musik”. Bei der Aufnahme im Studio New Jerseys findet der Freiburger Pianist den „perfekt(en) Moment mit hervorragenden Bedingungen“. Lässig lässt er seinen Ideen freien Lauf, mäandert am Flügel zwischen perlenden Läufen, romantischen Licks und dunklen Klangwolken. Bei der ursprünglich im Quartett geplanten Produktion mischen sich Solo-, Trio- und Quartett-Stücke organisch. Diese Vielfalt entwickelt sich wie die Sätze einer Sinfonie. Seit seinem ersten Solo-Album vor zehn Jahren hat sich Mössinger kontinuierlich an die Spitze gespielt. Zwischen expressiver Stilistik und romantischem Flair hat er sich einen Namen gemacht, vorwiegend im 2001 gegründeten New York Trio. Dieses hat er jetzt mit dem Saxofonisten Seamus Blake zum Quartett erweitert. Die Hälfte der Originals sind allerdings reine Klavierstücke, was der Qualität dieser Produktion keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Der Pianist reflektiert lyrisch die Szenerie einer Kleinstadt in New Jersey („Newton“) oder er setzt sich mit seinem Bären-Erlebnis auseinander, bei dem seine zwei Seiten, perlende Romantik und hitziger Bebop, aufblitzen („The eyes of the bear“). Auf dem Boden von Blues und Swing agiert ein Ensemble, das sich gefunden hat und dem man eine lange Lebensdauer wünscht. Es sei denn, Johannes Mössinger kombiniert sein Trio wieder mit dem unvergessenen Don Braden.



Jazz Icons – 7 DVD Series, Reelin´ in the years/Naxos

Rashaan Roland Kirk, Live in ´63 + 67, 119008
Cannonball Adderly, Live in 63´, 119009
Oscar Peterson, Live in ´63, ´64 + ´65, 119010
Sonny Rollins, Live in ´65 + ´68, 119011
Lionel Hampton, Live in ´58, 119012
Bill Evans, Live in ´64 + ´75, 119013
Nina Simone, Live in ´65 + ´68, 119014

Mit der dritten Staffel liegen jetzt fast zwei Dutzend DVD´s der “Jazz Icons” vor. Sie vermitteln exzellente Einblicke in ein einträgliches Kapitel der Jazzgeschichte., in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kurz vor der radikalen Wende zum Free Jazz. Das aus Europa stammende Material mit hervorragendem US-Jazz, das bislang in verschiedenen Archiven der Rundfunkanstalten lagerte und nun allmählich ans Licht der Öffentlichkeit gerät, ist von erstaunlicher Sound- und Bildqualität. Erwähnt werden müssen auch die Booklets der Icons, in denen verschiedene Autoren aus unterschiedlichen Blickwinkeln sowie Interviews die jeweiligen (meist) Live-Auftritte beleuchten.

Bestechende Bühnen-Präsenz ist den meisten Musikern zu bescheinigen. Beim gewichtigen Cannonball Adderly, umgeben von Bruder Nat und dem jungen Joe Zawinul am Klavier, stehen die kühlen, sachlichen Ansagen in striktem Gegensatz zu seinen heißen Solo-Chorussen. Roland Kirks „Black Classical Music“, interpretiert auf diversen Blasinstrumenten, die allesamt den Körper direkt umgeben, hat man selten so hautnah erlebt wie bei diesen Aufnahmen von 1963 und 1967. Interessant die europäischen Sidemen, vom strahlenden George Gruntz über den trommelnden Daniel Humair noch ohne Glatze und dem blutjungen Niels Henning Örsted-Pederson. Recht kommunikativ, für ihre Begriffe fast ausgelassen, gibt sich die mitunter recht spröde Nina Simone. Sie tritt direkt in Kontakt mit dem Publikum, das bei den meisten Aufnahmen kaum ins Bild kommt.
Die Pianisten Oscar Peterson und Bill Evans erlebt der Hörer als Gegensätze, die dem Wesen des Jazz durchaus entsprechen. Petersons Berserkertum setzt Evans filigrane Klänge entgegen, subtil gespielt. Lange verharrt die Kamera auf Händen und Gesicht des Pianisten, der tief gebeugt über der Tastatur liegt. Allzu sehr gehen die Kameras der Icons-Reihe ansonsten nicht ins Detail. Auch bleibt der Blick auf das Geschehen nüchtern und ungetrübt von heute üblichen schnellen Schnittfolgen.






Legends of Folklore Argentino, Flamenco + Musica do Brasil, DVD Vol. 1

Tropical Music 68362/Sony

Legends of Spiritual + Gospel and Folk + Country, DVD Vol. 2
Tropical Music 68363/Sony

Legends of the American Folk Blues Festivals, DVD Vol. 3
Tropical Music 68364/Sony


“Ohne Lippmann und Rau gäbe es uns nicht”, gab Mick Jagger in den sechziger Jahren zu Protokoll. Das Loblied des Stones-Frontmanns auf die Frankfurter Künstler-Agentur kann man nur verstehen, wenn man weiß, dass die von ihre veranstalteten „American Folk Blues Festivals“, die von 1962 bis 1970 über die Bühnen verschiedenster europäischer Länder gingen, Initiualzündungen waren für eine neue Richtung in der Popmusik. Schwarze Bluesmusiker wie John Lee Hooker, Muddy Waters und andere traten erstmals in Europa auf und schlugen eine Generation von Rockmusikern in ihren Bann. Auch der Zug der World Music kam langsam in Fahrt. Neben amerikanischen Blues-, Gospel- und Country-Musikern wurden auch Künstler aus Spanien, Brasilien, Argentinien und Bolivien präsentiert. Neugier auf fremde Kulturen wurde geweckt, auch wenn anfangs der Publikumszuspruch zu wünschen übrig ließ. Auf der Suche nach hierzulande unbekannten Musikern bereiste Horst Lippmann die USA und Südamerika. Mit wahrem Entdeckergeist – er trieb sich in den Ghettos von Chicago ebenso herum wie er im Mississippi-Delta Talente aufstöberte – und mit Hilfe einheimischer Kennern der Szene brachte er eine Palette von Musikern nach Europa, die die Kultur ihres Landes in unvergleichlicher Art und Weise präsentierten. Versteht sich, dass diese Auftritte als „authentische Dokumentationen im Konzertsaal“, wie es hieß, aufgezeichnet wurden. Auf drei DVD´s sind jetzt erstmals neun Konzerte zu sehen und zu hören. Dass für diese Art von Musik in jenen Jahren kein Markt vorhanden war – sogar für Lippmann selbst galt der Blues als aussterbende Volkskunst – steigert die Bedeutung der American Folk Blues Festivals um so mehr.

Die erste DVD führt nach Südamerika. 1966 war zwar die Bossa-Welle in Brasilien bereits überschritten, was der Authentizität dieser Aufnahmen freilich keinen Abbruch tut. Die wahre Königin, die kurz nach dieser Tournee starb, war Sylvia Telles. Ein breites Spektrum brasilianischer Musik ist zu erleben. Neben authentischen Macumba- und Candomble-Rhythmen spielte das Meirelles Trio zusammen mit Edu Lobo und Sylvia Telles Sambas und Bossa Novas. Bemerkenswert die junge Gitarristin Rosinha de Valenca, eine Entdeckung Baden Powells. Die Tänzerin Marly Tavares zeigte authentischen brasilianischen Tanz ohne die typischen Klischees exotischer Bastrock-Einflüsse. Das gleichnamige bei SABA erschienene Album erreichte Kultstatus und gelangte bis nach Finnland, wo es beim Regisseur Mika Kaurismäki wahrhafte Brasilienbegeisterung auslöste. Aus dem Nachbarland Argentinien wurde eine junge Folklore-Szene vorgestellt mit dem Charango-Virtuosen Jaime Torres und Mercedes Sosa. Im Fall der jungen Sängerin machte Lippmann eine Entdeckung, die selbst den einheimischen Kennern verborgen geblieben war.

1965 startet das erste Spiritual- und Gospel-Festival, festgehalten auf der zweiten DVD. Jetzt wurde erstmals auch der religiös geprägte Teil afroamerikanischer Musik präsentiert. Bislang war Gospel Musik, wie Bernd Grimmel im Booklet feststellt, nur aus gelegentlichen Gastspielen amerikanischer Vokalgruppen bekannt und deren Pop-Versionen noch weit entfernt. Lippmann beschritt vollkommen neue Wege, indem er die Zuschauer an einem Gottesdienst schwarzer Amerikaner direkt teilnehmen ließ. Der Auftritt in der Alpirsbacher Klosterkirche noch ohne Publikum in steifer Atmosphäre lässt die Energie eines solchen Gottesdienstes erahnen, bringt dafür um so mehr die Virtuosität der Sängerinnen und Sänger zum Ausdruck. Die Aufnahme aus der voll besetzten Epiphanias-Kirche in Mannheim zeigen erst richtig das Wechselspiel zwischen Prediger, Sängern und Gemeinde – selbst die anfangs etwas steifen deutschen Zuschauer tauen zum Ende des Auftritts hin auf, klatschen mit und sind erfüllt.

Den Anstoß zum ersten Blues-Festival gab 1962 nach der Rückkehr aus den USA Joachim- Ernst Berendt. Die Festivals folgten bis 1970 in jährlichem Rhythmus, dann wieder 1980 bis 1983 und 1985. Es sind die nachhaltigsten unter den von Lippmann und Rau produzierten Festivals. Die junge Beat- und Rock-Szene Europas profitierte von den Begegnungen mit den Bluesmusikern unterschiedlichster Stilrichtungen. Die vorliegenden Aufnahmen aus den Jahren 1967 bis 1969 (auf der dritten DVD) zeigen, woher die Inspirationen kamen: von Little Walter, John Lee Hooker oder T-Bone Walker. Nach den Aufzeichnungen beim SWF hatte der WDR die Blues-Festivals in seiner von Siegfried Schmidt-Joos moderierten Sendereihe „Swing Session“ präsentiert. 1967 noch ohne Publikum, dafür aber mit einem seltenen Auftritt von Horst Lippmann als Interviewpartner. Musikalisch nicht zwingend sind die damals neuen Überlagerungs- und Überblendungstechniken erstmals angewandt worden.

Die vorliegenden drei DVD´s sind zum 25-jährigen Bestehen von Tropical Music erschienen. Vier Jahre Arbeit hat Label-Chef Claus Schreiner, der die meisten dieser Festivals persönlich erlebte, in die verdienstvolle Veröffentlichung gesteckt. Für ihn ist diese Edition auch ein Schritt „back to the roots“. Die Aufzeichnungen der Festivals, die die Sender SWF und WDR vornahmen, sind von größtem kulturhistorischen Wert. Obwohl kommerziell kaum einträglich, blieben sie nicht ohne Wirkung. Dies nicht immer sofort wie im Fall des Blues, sondern manchmal erst Jahre später wie bei verschiedenen Richtungen der World Music. Die DVD-Reihe besticht nicht zuletzt durch die informativen, reich bebilderten Booklets. Sie enthalten auf jeweils 56 Seiten Original-Texte über Künstler und Musik, ergänzt durch aktualisierte Biografien, Augenzeugenberichte, Essays sowie durch Stichworte zu wichtigen politischen Ereignissen jener Jahre.



Marc Copland/Drew Gress/Michael Stewart “Night Whispers – New York Trio Recordings Vol. 3” (Pirouet 3037)

Marc Copland (p), Drew Gress (b), Michael Stewart (dr)

Die Kunst des Klavier-Trios auf hohem Niveau zelebriert niemand besser als Marc Copland (außer Keith Jarrett, versteht sich). Sein harmonischer Einfallsreichtum scheint unerschöpflich. Der gern als Nachfolger von Bill Evans geltende Pianist legte jetzt den dritten Teil seiner New York Sessions vor. Mit wechselnden Rhythmusgruppen werden unterschiedliche Klangkombinationen erprobt. Standards wie „So what“ oder „I fall in love so easily“ stehen ebenso auf dem Programm wie Eigenkompositionen. Die Stücke sind offen angelegt, so dass das Trio gleichberechtigt zu agieren vermag. Es ergeben sich intime impressionistische Gespräche, von subtilem Anschlag getragen. Atmosphärisch trägt Bassist Gress ebenso dazu bei wie des Schlagzeugers Stewart sensibles Spiel. Bei aller Zurückhaltung Coplands ist die Musik dennoch stark pulsierend und kennt keinen Stillstand.





MPS-Reussiues 1/09

The Jan Hammer Trio, Maliny Maliny, MPS

Stu Goldberg, eye of the beholder, MPS

Alphonse Mouzon, Virtue, MPS

Auf seinem MPS-Debüt 1969 wird noch deutlich, dass Jan Hammer einen von Bill Evans beiflussten Stil spielte. Der allmähliche Wechsel ins Jazz-Rock-Genre vollzog sich in den siebziger Jahren, mit diversen Keyboards und Synthesizer. Im Piano-Trio mit George Mraz (b) und Cees See (dr) gab sich Hammer ganz entspannt. In den Live-Aufnahmen „verbindet sich Kraft mit rhythmischer Intensität“, wie Joe Viera in den liner notes schreibt. Mit dem trockenen Klang der Orgel, die dezente Akkorde anschlägt, zelebriert Hammer einen ansprechenden Soul-Blues. Im Titelstück, der einziger Ballade der Platte, weht ein Hauch slawischer Folklore, stimmungsvoll und spannungsgeladen.

Ebenso wie Hammer verbrachte Kollege Stu Goldberg etliche Jahre im Mahavishnu-Orchestra. Auf einem seiner Lieblingsalben für MPS lässt sich der brillante Pianist noch ganz akustisch vernehmen. Doch mit seinem Nonett ergeht er sich in sanftem Partygedudele, frönt ein wenig dem Impressionismus , auch straigh Jazz mit leichtem Latin-Einschlag ist zu hören.. Bekömmliche Rock-Passagen stehen neben zarten Balladen, von seichten Streichern aufgepeppt.

Der technisch versierte Stu Goldberg, der als 16-Jähriger Wunderknabe 1970 beim Monterey-Festival seinen Einstand gab, ist auch auf Alphones Mouzon´s Album „Virtue“ zu hören, diesmal mit kompletten elektronischen Arsenal. Er passt ganz gut zur riesigen Elektronik-Kiste des Schlagzeugers. Im Jahr vor dieser Produktion, 1977, hatte seine Band eine unglaubliche Breitenwirkung erreicht, der sie auf dieser Platte entsprechen will. Doch das Gemisch aus allerlei Versatzstücken wirkt heute recht altbacken. Gelegentlich lockert Gary Bartz (as) den donnernden Jazz-Rock-Sound auf, dann legt er seine gesangliche Saxofonstimme über die wohl unvermeidlichen synthetischen Streicherklänge. Einzig Mouzon´s abschließende Drum-Suite vermag zu überzeugen. Er ist eine Klasse-Drummer, keine Frage.

Mit diesen wieder aufgelegten Alben setzt die feine Freiburger Firma promising music von Consul Bodo Jacoby ihre Neuberwertung alter MPS-Platten verdientsvoll fort.



Olaf Rupp, Whiteout, FMP 131/Records

Nach seinem Debüt auf FMP 1996 legt Olaf Rupp nun sein zweites Solo-Album beim immer mal wieder aufflammenden Free-Label vor. Es sind dies die ersten Solo-Aufnahmen des Berliner Gitarristen mit ausschließlich elektrischem Instrument seit zehn Jahren. Damals nahm er für „Grob“ rein akustisch auf. Die 14 Stücke der neuen CD entspringen einer wohl kalkulierten Kompilation bereits eingespielter und zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstandener Aufnahmen. Da stark auf Gestaltung und Form geachtet wurde, wirken sie wie aus einem Guss, bilden eine Einheit. Klangfelder werden bearbeitet, frei, schrill und subtil. Sie gleichen sich in vielem, erfahren aber dann doch wieder, beim zweiten Hören, unmerkliche Änderungen. Olaf Rupp arbeitet sich an Tönen und Klängen ab, produziert Sounds ohne in Egomanie zu verfallen. Die „Spurensuche in Rückkopplungen und Obertönen“ (Booklet) gestaltet sich vielfältig. In ihren subtilen Momenten ermöglicht sie dem Hörer Entdeckungen und ein Klangabenteuer. Alles ist „meisterhaft komponiert in improvisierter Musik“ (Booklet).


radio.string.quartet.vienna, celebrating the mahavishnu orchestra – live at Traumzeit Festival, ACT-DVD 9902/Edel

Aktueller, zeitgenössischer Musik hat sich das Wiener radio.string.quartet verschrieben. Vor drei Jahren hat das klassische Quartett die Musik John McLaughlins entdeckt und neu arrangiert. Der verantwortliche Bernie Mallinger (v) hat nicht versucht, wie er sagte, „den Sound der originalen Fusionband zu imitieren, sondern die Kompositionen durchleuchtet und sie in ein neues klangliches Bild gerückt“. Dass die Kompositionen der siebziger Jahre tatsächlich auf frische Weise und neu interpretiert werden, haben die Wiener mehrfach live bewiesen. Auch ihr Auftritt beim letztjährigen Duisburger Traumzeit-Festival war eine Sternstunde – zumindest der Interpretation. Was die filmische Präsentation betrifft, nachzuvollziehen auf einer neuen DVD, so wird der Zuschauer arg strapaziert. Der komplette Auftritt findet im Dunklen statt, mal sind Farben, wenn man angesichts des dominierenden Schwarz-Weiß überhaupt davon sprechen kann, blau-, mal braunstichig. Die vier Instrumentalisten sind oft nur schemenhaft zu erkennen. Man sieht, wie sie sich vor dem Auftritt die Veranstaltungshalle ansehen, dabei durch dunkle Gänge und Verliese schreiten. Beim Auftritt dann ist zwischen den einzelnen Stücken der faszinierte Komponist John McLaughlin zu sehen, der am gleichen Abend ein Konzert gab. Die Kamera fährt über die ebenfalls dunklen Gestalten des Publikums hinweg, gibt dann den Blick frei auf die Bühne mit weißer oder blauer Leinwand. Schade um die Interpretationen des radio.string.quartet, die so viel Düsternis nicht verdient haben.



Rudresh Mahantappa feat. Kadri Gopalnath + The Dakshina Ensemble, Kinsmen, Pi 28/Alive

Als ihm sein Bruder die CD “Saxophone Indian Style” in die Hände drückte, begann Rudresh Mahantappa seine eigenen indischen Wurzeln zu erkunden. Der amerikanische Altsaxofonist, vergangenes Jahr vom „Down Beat“ in die Top-Ten-Liste gewählt, reiste nach Indien, wo er prompt auf Kadri Gopalnath traf. Ebenfalls Altsaxofonist ist der bei Madras geborene Gopalnath mit seinem „Saxophone Indian Style“ beileibe kein Jazzmusiker. Meist spielte er Stücke, die für das Nagaswaram geschrieben wurden. Freilich versucht er, improvisatorische Möglichkeiten weit auszudehnen, wie die Zusammenarbeit mit Mahantappa beweist, dokumentiert auf einem recht ausgefallenen Album, das Gopalnath mit seinem Trio sowie drei anderen amerikanischen Musikern mit südasiatischen Hintergrund einspielte. Auch wenn der Inder den Rahmen klassischer eigener Musik nicht verlässt, ist sein Spiel voller Power, von Mahantappa angestachelt. Nur schade, dass man die beiden Altsaxofonisten kaum unterscheiden kann. Der Amerikaner integriert energetisch in seine Soli Pattern indischer Musik, lotet melodisch und rhythmisch vieles aus. Ragas, Songs und Zyklen sind Ausgangspunkt für ausgedehnte Improvisationen. Mahantappa bringt neue Melodien und Harmonien ins Spiel, denen sich Gopalnath anschließt. Beide Saxofonisten steigern sich in enervierende Exzesse, die dem Hörer einiges abverlangen. Eine ganz spannende Platte aber.





Trio Hot, Jink, Nemu 008

Im Trio hat haben sich drei erfahrene Improvisatoren und Ausnahmesolisten gefunden. Theo Jörgensmann (cl), Albrecht Maurer (v) und Peter Jacquemin (b) begegnen sich erstmals auf der Suche nach Ausdruck und dem Ringen um Intensität. Auf einem Dutzend komplett aus dem Augenblick entwickelten Stücke ihrer ersten CD spürt man dieses intensive Ringen und das Suchen nach Ausdruck. „Jink“ (Titel) ist „plötzliche Bewegung“, also Spontaneität, die die musikalischen Abläufe bestimmt. Die Instrumente tänzeln umeinander, nähern und entfernen sich, umspielen die Motive, mal melodiös, mal geräuschhaft, lyrisch, spielerisch, abstrakt dann. Theo Jörgensmann atmet die Klarinette wie in besten Zeiten, führt sie mit insistierenden Tonfolgen in expressive Register, Geiger Albrecht Maurer erzielt ein erstaunliches Klangspektrum. Mit dem belgischen Bassisten Peter Jacquemin, der eigentlichen Entdeckung dieser CD, verbindet ihn eine klangvolle Seelenverwandtschaft. Beide besitzen eine klangfarbenreiche Bogentechnik, versöhnen Geige und Bass miteinander. Jacquemins forsche Solistik vermag auch traditionelle Techniken wie dem marching bass oder der Slap-Technik etwas abzugewinnen. Das Trio Hot lotet alle klanglichen Möglichkeiten aus, verstrickt sich in ein Abenteuer, das auch mal in Monks „Round Midnight“, spät erkennbar, gipfelt. Wirklich, wie es in den liner notes heißt, „ereignen sich einige klangvolle Atonalitäten gefüllt mit einer abstrakten Duftwolke neuer Musik“.


Ulrich Gumpert Workshop Band, Suites, Jazzwerkstatt 054/Records

Mit der Uraufführung seiner umjubelten Suite „Aus teutschen Landen“ stellte Ulrich Gumpert 1972 erstmals sein Jazz Werkstatt-Orchester vor. Allesamt gestandene Improvisatoren der damaligen DDR-Szene. Die Bearbeitungen deutscher Volkslieder aus dem 16. – 19. Jahrhundert wurden in strenger musikalischer Form mit freien Kollektiv-Soli konfrontiert. So konnte unter den „abgeschotteten Bedingungen“ Anschluss an die Jazz-Avantgarde gehalten werden Spielte die Workshop Band letztmals mit den alten Gefährten 1999 – von der jungen Garde war lediglich Schlagzeuger Michael Griener zugegen – so entstanden ab 2004 ausschließlich jüngere Besetzungen. „Gumperts Metier“, schreibt Bert Noglik im Booklet der jüngst erschienenen Aufnahmen, „ist das wirkungsvoll koordinierte, mitunter auch spontan inszenierte Mit- und Gegeneinander der Charaktere“. Die Neueinspeilung der Suite hat nicht die Frische der unbekümmert drauflos spielenden Vorgänger. Die jungen Musiker (Ben-Arbanel-Wolff, Michael Thieke, Henrik Walsdorff,sax/ Martin Klingenberg,tp/Christof Thewes,tb/Jan Roder,b/Michael Griener,dr/Ulrich Gumpert,p) ergehen sich zur sehr in Nostalgie. Trotzdem entstehen vielfältige Verästelungen um den Kristallisationskern des Klaviertrios.

Strenger gestaltet ist die sich anschließende Sinfonietta in drei Teilen. Hier experimentiert Gumpert mit orchestralen Ansätzen. Ausgangspunkt der bereits 1984 konzipierten Sinfonietta sind Zwölftonreihen, die verschiedene Variationen erfahren. Die abschließende „H-M-Suite“, ursprünglich Bühnenmusik für Heiner Müllers „Hamletmaschine“, spannt einen Bogen von Balladen bis Breuker.


BÜCHER

Ashley Kahn, Kind of Blue. Die Entstehung eines Meisterwerks, Zweitausendeins - Taschenbuch Nr. 3,
Frankfurt 2009, 268 Seiten, 9,90 Euro
Dass zum 50-jährigen Erscheinen von „Kind of Blue“, der meist verkauften Jazz-Platte der Geschichte, Ashley Kahns Darstellung von der „Entstehung eines Meisterwerks“ erneut erscheint, liegt auf der Hand. Wenn dies auch noch zum hlaben Preis der deutschen Ausgabe von 2002 geschieht, ist dies erfreulich. Die Taschenbuch-Ausgabe entspricht bis auf den (überflüssigen) Epilog in Gänze dem Original, sogar die Seitenzahlen sind identisch.
Neun Stunden Aufnahmesitzung veränderten die Jazz-Welt tiefgreifend. Als am 2.3.1959 und 22.4.1959 das Album „Kind of Blue“, ein „Maßstäbe setzendes Meisterwerk“ und „eine der heiligen Reliquien“ eingespielt wurde, ahnten die beteiligten Musiker um Miles Davis deren Tragweite nicht. „Kind of Blue“ wurde zur meist verkauften Jazz-Platte der Geschichte, die der Entwicklung des Jazz neue Dimensionen erschloss.
„Die Geheimnisse jenes Frühlingstages zu enträtseln“, hat sich Publizist Ashley Kahn vorgenommen. Er hat sich für sein Buch an Ort und Zeit der Entstehung des Albums zurückversetzt, mit vielen Musikern, Produzenten und Kritikern gesprochen. Doch die 50 Interviews fördern wenig Erhellendes zu Tage. Schlagzeuger Jimmy Cobb, der einzige Überlebende der Session, weiß wenig zu sagen.
Bleibt einzig die Darstellung der Studio-Sessions, die mit vielen Zitaten „das Herzstück des Buches“ bildet. Dem deutschen Toningenieur Fred Plaut gelang es damals, Raumklang mit Wärme zu verbinden. Ihm sind auch die Fotos zu verdanken, die voller Konzentration und Entspannung in Einklang bringen: ein lächelnder Davis, ein versunkener Coltrane, Notenständer und -blätter. Die bisherige Annahme, die Platte sei ohne Proben entstanden und die Musik stamme von Miles allein, verweist der Autor in das Reich der Legenden. Fein säuberlich wird von ihm jeder der fünf Titel kommentiert und mit den näheren Umständen erläutert. Nebenbei erfährt der Leser Näheres aus dem Leben des Protagonisten. Davis´ „Stellung als Vorbild resultierte aus dem Respekt, den er auch in seinen frühen Tagen als Bebop-Star verdient hatte“. Die Beziehung zu John Coltrane „gehört zu den intensivsten und fruchtbarsten in der Geschichte des Jazz“. Auch über den modalen Jazz lässt sich der Autor aus. Verlangsamte Tempi, melodische Aspekte und längere Soli bestimmten das Bild von „Kind of Blue“. Und: die Improvisation über ganze Skalen, nicht mehr Akkordfolgen. „Die Musiker wollten sich von den Akkordschemata und den übrigen strukturellen Hilfsmitteln befreien, die der Jazz bis dahin bestimmt hatte“.
Kahn geht auch den Folgen des Albums nach, seiner Wirkungsgeschichte. Vermarktung und Verbreitung werden dargestellt, ebenso Coverversionen und die Werdegänge der beteiligten Musiker. John Coltrane, Bill Evans und Cannonball Adderly wurden wichtige Pole des modernen Jazz. „Kind of Blue“ hat sich bis heute, wo die weltweite Auflage sechs Millionen beträgt, als „eine unerschöpfliche Goldgrube für CBS erwiesen“. Allein von „All Blues“ und „So What“ wurden 150 verschiedene Versionen gemacht, von „Blue in Green“ hundert. „Die Liste der Musiker und Gruppen, die eins der Stücke eingespielt haben, ist schwindelerregend lang und kunterbunt“.
Warum „Kind of Blue“ zum Klassiker wurde, wird nach der Lektüre dieses Buches deutlich. Es versteht sich „als Anleitung, als Hörführer“. Sorgfältig recherchiert bietet es abschließend eine Bibliografie, eine Auswahldiskografie und einen ausführlichen Index.


Frank Wonneberg, Labelkunde Vinyl,

Verlag Schwarzkopf + Schwarzkopf, Berlin 2008, 544 Seiten, 99 Euro

(ISBN 978-3-89602-371-1)


Ob flotter Unterhaltungsdampfer vom Mississippi, der am Trichter lauschende Hund oder die lasziven Zwillinge: Symbole bestimmen das Bild der Schallplattenfirmen. Mit deren hundert macht ein dickleibiger Band bekannt, der sich ausschließlich an Liebhaber des Vinyls wendet. Nach knappen, einleitenden Informationen zu Firmen, Katalog, Pressung, Etikett und Cover springen die farbigen Labels den Betrachter an. Sie sind „das eigentliche Antlitz der Pressung“, schwärmt Frank Wonneberg, Autor des opulenten Werks, an dem er ein ganzes Jahrzehnt gearbeitet hat. Man fragt sich allerdings, ob es denn gleich, wie geschehen, 4554 sein mussten. Diese kleinen Etiketten in der Mitte der Schallplatte, könnte man einwenden, enthalten vielerlei Informationen, die zugegebenermaßen meist nur den Insidern komplett sich erschließen. Freilich lassen sich nur so noch exakte Angabenmachen zum ursprünglichen Fertigungszeitpunkt einer Schallplatte und damit die zum Teil horrenden Second-Hand-Preise absichern.

Die Informationen über die jeweiligen Plattenfirmen, darunter die für den Jazz interessanten wie Blue Note, Capitol, Impulse, ECM, Prestige, RCA, Riverside, Savoy, MPS sowie die diversen Norman-Granz-Labels sind auf einer Zeitleiste recht dürftig festgehalten. Enja und viele andere Firmen fehlen ganz, von den kleineren ganz zu schweigen. Die entscheidenden Labelmacher, Eigentümerwechsel und Firmenfusionen werden zwar genannt, doch mit Wertungen und Einschätzungen hält sich der Autor nicht auf. Er versteckt sich lieber hinter nackten Zahlen und Daten. Ordnungssysteme, Fertigungsqualitäten und Produktionsangaben transparent zu machen, ist ihm wichtiger. Er erklärt auch gern die wichtigen Fachbegriffe. Im Abbildungsteil ist er mit nützlichen Querverweisen zu Herstellung, Matrizierung und Doubletten zur Stelle. „Den Blick für das Detail zu schärfen“, verrät er, darauf kommt es ihm an.

Mag sein, dass die „Labelkunde Vinyl“ hilfreich ist im Dschungel der Schallplatte und dem Sammler Handreichungen gibt. Ein „aussagekräftiges Kompendium“, wie es der Verlag gern hätte, ist sie noch lange nicht. Dem gewöhnlichen Hörer von Jazz oder Rock kann sie kein Nachschlagewerk sein. Sie macht mit einer längst versunkenen Welt bekannt, in die man sich gegebenenfalls entführen lässt.

Han Bennink, Cover art (for ICP and other labels), Huis Clos, Rimburg 2008, 63 Seiten (ISBN 90-1234-4568-9)



Das hat es bislang nicht gegeben: in einem hübsch aufgemachten Bändchen mit knapper, zweisprachiger Einleitung, sind alle Covers versammelt, die Han Bennink je gestaltet hat. Der niederländische Schlagwerker ist ein anerkannter Grafiker, der bereits in den frühen sechziger Jahren mit Ausstellungen auf sich aufmerksam machte. Mitte des Jahrzehnts wurde jedoch die Musik immer wichtiger, nachdem Bennink bereits einige mit Solo-Auftritten kombinierte Ausstellungen gegeben hatte. Die Performance war somit von Anfang an integraler Bestandteil seiner Kunst. Sie stand ganz, wie alle Kunstformen damals, im Zeichen von Fluxus und Pop Art. Diese Kunst brachte Bennink mit, als er 1967 mit Misha Mengelberg, einem weiteren Urvater des holländischen Jazz der freien Art, und Bruder Peter das ICP-Label gründete. „Instant“ war der Schlüsselbegriff.

Das Ende letzten Jahres gleichzeitig mit der Verleihung des Europäischen Jazzpreises an Bennink veröffentlichte Buch enthält alle Covers, 56 an der Zahl, die der Schlagzeuger bis dato gestaltet hat. Im ersten Teil sind repräsentativ alle ICP-Covers versammelt, im zweiten die für alle anderen Labels. Was der Betrachter gut nachvollziehen kann, ist Benninks bemerkenswerte Entwicklung vom einfachen, naiven Designer zum hochkomplexen Gestalter. Anfänglich handgeschriebene Texte und Collagen, diverse Figuren und viele Freiräume werden zu farbenfrohen Gegenständen und Abbildungen.

Jedes Exemplar des vorzüglichen Bändchens ist mit einem eigenen Umschlag versehen. So wie kein Solo Benninks dem anderen gleicht, so sind die einzelnen Ausgaben auch verschieden, teilt der Verlag hintersinnig mit und gesteht, dass dieser Umstand „schrecklich für den bibliophilen Sammler“ ist. Ein bibliographisches Kleinod also, hervorragend gedruckt, gebunden und gestaltet.

Metronom – Die Kölner Pinte für Jazz-Ohren seit 1968, herausgegeben von Roland Reischl, Verlag Roland Reischl, Köln 2008, 120 Seiten

„Alle, die diese Lokalität zu dem gemacht haben, was sie heute ist, wurden eingeladen mitzuteilen, warum ihr erster Besuch nicht der letzte blieb“. Aus dem ungewöhnlichen Aushang im „Metronom“, besagter „Lokalität“, den der Herausgeber Roland Reischl einleitend zitiert, wurde ein sympathisches Büchlein mit 75 Beiträgen und 200 Fotos auf 120 Seiten. Sie alle kommen zu Wort, Macher wie Gäste. Deren 65 Beiträge belegen eine erstaunliche Bandbreite. Zum Jubiläum ist auch Grundsätzliches zu lesen. Im Geleitwort macht Hans-Jürgen von Osterhausen mit dem Metronom-Gründer bekannt, einem gelernten Bäckermeister und Amateurschlagzeuger, wie es heißt, „der an der frühen Jazzentwicklung Kölns seit den 50er-Jahren erheblichen Anteil hatte“ Selbstreden wird in einem Buch über eine Jazz-Kneipe auch die einschlägige Szene vorgestellt. Sie ist, für Köln ganz beachtlich, karnevalfreie Zone und besticht durch ihren Wohlfühlfaktor. Diese Szene vergleicht Aribert Reimann mit einem Dorf, wo man sich heimisch fühlt. Zur entspannten Atmosphäre trägt der Jazz schließlich bei. Die Musik im Metronom, „dem bestbesuchten Jazzspielort Kölns, entspringt den „Big Five der Playlist“, Miles, Trane, Cannonball, Evans und Morgan, wie Karsten Mützelfeldt feststellt. Der Jazz, könnte die Bilanz dieses Bandes lauten, ist „keine Geschmacksfrage, sondern eine Frage der Haltung und Leidenschaft“. Dies spiegelt sich im Buch wider, das das vierzigjährige Bestehen eines besonderen Jazz-Lokals nicht nur feiert, sondern hinterfragt.

Maximilian Hendler, Vorgeschichte des Jazz. Vom Aufbruch der Portugiesen zu Jelly Roll Morton (Beiträge zur Jazzforschung), Akademische Druck- und Verlagsanstalt,

Graz 2008, 331 Seiten (ISBN 978-3-201-01900-2)

Mit seiner überaus interessanten Darstellung der „Vorgeschichte des Jazz“ macht Maximilian Hendler einer betulichen Jazzforschung mächtig Dampf. Für den Grazer Ethnologen, Forscher und Historiker steht nämlich fest, „… dass der Einfluss Afrikas auf den Jazz gegen Null tendiert“. Mit einem der gängigsten Klischees wird gründlich aufgeräumt.

Musik in Afrika war Musik in Gemeinschaft, zu privaten oder religiösen Zwecken. Wo diese sozialen Strukturen zerrissen werden, wie durch die Sklaverei geschehen, entfallen alle unmittelbaren Anlässe für Musik. Da der alten afrikanischen Musik der Boden entzogen war, kam sie zwangsläufig unter Einfluss der weißen Herren. Hier wurde der Keim für jene Musikformen gelegt, aus denen später der Jazz entstand. Das Afrikanische an diesen Musikstilen, legt Hendler nahe, ist allenfalls das Temperament, mit denen sie von Afroamerikanern gespielt wurden. Derlei Musik empfanden Weiße als unerhört neu, dass sie sie mit Afrika in Verbindung brachten. Dann untermauert Hendler seine These von den europäischen Wurzeln des Jazz schlüssig. Er verfolgt verschiedene Wege, dabei stets die mangelnde Quellenlage beklagend. Er beginnt mit der Musikkultur der Portugiesen und Spanier im 15, Jahrhundert, die als erste Europäer amerikanischen Boden betraten. Die geistliche Musik des Katholizismus ist in ihrer melischen Struktur, so der Forsche forsch, den „Field Hollers“ ähnlich. In der Stuktur des Ragtime erkennt Hendler die karibische Quadrille, im Gospelgesang die Hymnenbücher protestantischer Fundamentalisten, in den ekstatischen Gesängen der Schwarzen die theatralischen Bußpredigten der weißen Erweckungsbewegung. Auch die irisch-schottischen Musikeinflüsse sind nicht hoch genug einzuschätzen. Selbst der gleichmäßige Schritt, die Viererzählung des Rhythmus, kommt aus Europa. Was mitunter phantastisch sich liest, ist lediglich eine Ansammlung plausibler Indizien. Hendler verfügt über ein enormes Wissen, das er aus der umfassenden kulturhistorischen Literatur bezieht sowie aus unzähligen Feldaufnahmen aus eigenem Archiv – auf die jeweiligen CD´s wird immer wieder hingewiesen - , die den Jazzforschern bislang unbekannt waren.
Wer jetzt Hendler unterstellen will, er wolle den Afroamerikanern den Jazz wegnehmen, der irrt gewaltig. Dass in Amerika der Jazz entstanden ist, steht auch für ihn außer Frage – mit ein paar weißen Ausnahmen, wie sie der Klezmer zeitigte. Der Beitrag der Schwarzen zur Jazzgeschichte ist unbestritten. Hendler geht es um pure Wissenschaft, um Beseitigung von Mutmaßungen, Klärung von Legenden. Dies ist ihm eindrücklich gelungen.

Jörg Konrad, Miles Davis – Die Geschichte seiner Musik, Bärenreiter-Verlag, Kassel 2008, 201 Seiten, 19,95 Euro


In seinem neuen Buch über Miles Davis will Jörg Konrad dessen „schillernde Persönlichkeit auf der Grundlage seines umfangreichen Werks begreifen“. Des Autors hoher Anspruch verfängt sich jedoch meist im Dschungel der Diskografie, die ihm als Grundlage dient. Stolz verweist er darauf, dass „jede offizielle Veröffentlichung“, sowie „einzelne Titel beschrieben“ werden. Beiläufig erfährt der Leser, dass Miles Davis´ erste Jazzplatten die von Art Tatum und Duke Ellington waren, Clark Terry das erste Vorbild. Davis´ „schillernde Persönlichkeit“ allerdings, auf die gezielt wird, ist nirgends dokumentiert, allenfalls in seiner Autobiografie. „Wichtige persönliche Umstände von Davis´ Leben“, auf die der Autor ebenfalls abhebt, werden knapp gestreift, finden aber kaum Eingang in die Betrachtung musikalischen Schaffens. „Musikalische Kreativität als Summe gelebter Widersprüche“ zu begreifen, ist schließlich nichts als ein wohl formulierter Gemeinplatz. Von einer Neubewertung eines der ganz Großen des Jazz ganz zu schweigen. Alles ist bekannt, warum also dieses Buch?

Die einzige Legitimation könnte in der kommentierte Diskografie bestehen, wenn sie fundiertere Analysen enthalten würde. Die vergleichbare Oreos-Collection ist zwar knapper, doch entschiedener in der Bewertung. Immerhin sind die 86 Miles-Alben in chronologischer Folge beschrieben. Fehlen lediglich die präzisen Besetzungsangaben und Nummern der Labels. Ärgerlich sind mitunter falsche Schreibweisen von Namen, was auf mangelndes Lektorat schließen lässt. Die sieben Kapitel sind identisch mit Davis´ Schaffensphasen, was einleuchtet. Weniger sinnfällig, wenn sich Konrad auf Berendts altes Dekaden-Prinzip bezieht, wonach mit jedem neuen Jahrzehnt ein neuer Jazzstil einhergeht. „Miles Davis gelang es“, heißt es auf Seite 81, „jede beginnende Dekade mit einer stilistischen Reform einzuleiten“. Sachbegriffe sowie biografische Skizzen der Miles-Musiker von Adderly bis Zawinul in kleinen Kästen ergänzen den gut lesbaren Text. (Zu) kurze Literaturliste, Verzeichnis der aufgeführten Alben sowie ein Songregister beschließen den Band. Dass er ein „ideales Nachschlagewerk für jeden, der wissen will, wie Miles Davis seine Musik geschaffen und ´gelebt´ hat“, sein wird, wie im Klappentext steht, ist hehrer Wunsch des Verlags.

Klaus Schulz, Steffl Swing – Jazz in Wien zwischen 1938 und 1945, Verlag Der Apfel,

Wien 2008, 187 Seiten, 36,80 Euro



Seit über vier Jahrzehnten erforscht der Wiener Publizist Klaus Schulz die österreichische Jazzgeschichte. Sein besonderes Interesse galt dem Faschismus, als Jazz als „konforme deutsche Tanzmusik“ mehr schlecht als recht geduldet wurde. „Den wesentlichsten Protagonisten des Jazzmusizierens in den Nazijahren“ ist der Autor persönlich begegnet, wie in seiner jüngst erschienenen Darstellung jener Jahre zu erfahren ist. „Steffl Swing“, das den „Jazz in Wien zwischen 1938 und 1945“ (Untertitel) behandelt, ist eine wahre Fundgrube an Artikeln und Dokumenten, die der Forscher gesammelt und in akribischer Kleinarbeit aufgearbeitet hat.

Schulz schildert kursorisch die Ereignisse, die zum Anschluss an das Deutsche Reich 1938 und zur Aufgabe staatlicher Souveränität führten. Ähnlich wie im Nachbarland verlief die Entwicklung jazzartiger Tanzmusik, die von aggressiver, hasserfüllter Polemik in den Zeitungen verfolgt wurde. Der anhaltenden Swingbegeisterung in Wien seit Mitte der dreißiger Jahre tat dies keinen Abbruch. „Swing mit Jazzsolistik“ wurde trotz einzelner Verbote auch während des Krieges gespielt. Der Untergrund traf sich in der Steffl-Diele im Wiener Zentrum. Sie war der Ort für „Swingbegeisterte Schlurfs, für Sympathisanten des Widerstands gegen das Hitler-Regime und für Nonkonformisten jeder Art“. Für Schulz unfassbar, „dass man Musiker und Zuhörer in der Steffl-Diele gewähren ließ“ und so eine „kurze Zeit der Jazz-Hochblüte“ bewirkte. „Außergewöhnliche Virtuosen“ wie Victor Ducchini, Herbert Mytteis und Ernst Landl, „Österreichs erster Jazzpianist von Rang“ traten auf den Plan. „Ein weiteres Zentrum“ bildeten die „Panter Babies“, denen der heute 81-jährige, in Deutschland nicht ganz unbekannte Pianist und Komponist Roland Kovac angehörte. Nach dem Krieg hieß es „Hallo Swing“ im Radio, in den US-Clubs in Wien, Linz und Salzburg fanden Jazzmusiker Arbeit. Die Entwicklung verlief ähnlich wie in Deutschland.

Doch in seiner kompakten Darstellung liefert Klaus Schulz durchaus Neues über die Entwicklung des Jazz in Österreich während der dunklen Nazi-Jahre. Seine Arbeit ist überaus verdienstvoll zu nennen. Zahlreiche Zeitzeugen kommen zu Wort, die Authentizität garantieren. In der schieren Fülle von Namen und Daten allerdings findet sich der außenstehende Leser nur schwer zurecht.

Copyright auf alle Texte by Reiner Kobe Journalist Eschholzstrasse 58 79115 Freiburg

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Jazz Bücher und CDs Juli2008

Bücher

Andy Hamilton, Lee Konitz – Conversations on the improvisor´s art, The University of Michigan Press, Ann Arbor 2007, 284 Seiten (ISBN 0-472-11587-1)

Von Biografien hält Andy Hamilton nicht viel. Lieber rückt der amerikanische Jazzkritiker, Pianist und Philosophie-Professor Musikern mit Interviews auf den Leib. Für ihn ist das Interview die ideale Form, um das Porträt eines Musikers zu zeichnen. Sein Sprechen unterliegt ebenso dem Augenblick wie seine Musik; sie bezieht sich auf Improvisation. So hat Hamilton unzählige Gespräche geführt mit Lee Konitz, der letzten Herbst achtzig wurde. Zu dessen Geburtstag ist nun in englischer Sprache „Conversations on the improvisor´s art“ erschienen, ein Interview-Band, der sich zu einem abgerundeten und gelungenen Porträt des Altsaxofonisten und Komponisten formt. Dieses wäre nicht so umfassend und luzide geworden ohne die zusätzlichen Gespräche mit Weggefährten und Freunden, die tiefer blicken lassen.
Beiläufig bricht der Autor eine Lanze für die seiner Meinung nach stark vernachlässigte Schule der Improvisation wie sie Lennie Tristano begründet hat. Auf den blinden Pianisten und Pädagogen beziehen sich folglich fast alle Gesprächspartner. Lennie Tristano wird zur legendären Gestalt erhoben und verklärt. Durch ihn hat Lee Konitz seinen Stil gefunden, ohne Frage. Freilich hat er sich irgendwann emanzipiert, was ihm der Lehrer nie verzieh. Auch aus Charlie Perkers Schatten ist Lee Konitz ziemlich schnell heraus getreten. Den hektischen Bebop lehnte er eh ab, wie er verrät. Ihm ging es schlicht darum, gut Saxofon spielen zu können. Weiß oder schwarz zu klingen, hot oder cool, das sind für ihn Schimären und Kritikergespinste. Es geht ihm um eine Abfolge von Tönen, sonst nichts. Auch vom Cool Jazz, mit dem er immer in Verbindung gebracht wird, hält Konitz nichts. Er ist zum Klischee des angeblich leidenschaftslos spielenden Musikers in Anzug und Krawatte verkommen. Die Qualitäten der frühen Phase hat sich der Saxofonist bis heute bewahrt. Freimütig gesteht er auch Schwächen ein.
Die elf Kapitel des Buches versuchen verschiedene Facetten von Konitz´ Wirken abzulichten. Alle Phasen seiner langen Karriere kommen zur Sprache, Kategorien wie Improvisation, Instrument und Material werden extra behandelt. Über all dem vielen Reden, das manch Erhellendes zu Tage fördert, sollte Lee Konitz´ Musik zu hören nicht vergessen werden. Seine Diskografie zählt zu den umfangreichsten des Jazz. Andy Hamilton liefert nicht nur das Porträt einer Jazz-Größe, sondern vermittelt nebenbei tiefe Einblicke in die Geschichte des Nachkriegs-Jazz.

Ed van der Elsken, Jazz, Edition 7L, Paris 2008, 96 Seiten, 20 Euro (Vertrieb: Steidl Verlag)

Seine Fotos vermitteln, hieß es einst, „einen Abschnitt holländischer Geschichte“. Nicht nur mit Menschen, die am Rand der Gesellschaft lebten, sondern auch mit der randständigen Kunst Jazz hat sich Ed van der Elsken befasst. 1959 wurden unter dem Titel „Jazz“ seine Aufnahmen der ersten Jazzkonzerte in Holland nach dem Krieg veröffentlicht. Jetzt ist das Original-Buch im Faksimile wieder auferstanden. Fünf Aufsätze beleuchten das Umfeld, in dem die Fotos damals entstanden sind. Die holländischen Texte werden in englischer Übersetzung beigelegt. Der wiederveröffentlichte Band allerdings ist nicht zu verwechseln mit dem 1992 in Kiel erschienen und längst vergriffenen Band, er ist lediglich dessen (kleinere) Grundlage. Die Fotos von 1961 fehlen.
In seiner gesamten Arbeit hat sich Ed van der Elsken, wie zahlreiche Zeugen bestätigten, nie als Störfaktor in den Konzerten erwiesen. Da er ohne Blitz arbeitete, hatte er eine Technik entwickelt, nur mit dem verfügbaren Licht zu arbeiten. „Du musst einfach versuchen, Atmosphäre und Emotion so festzuhalten, wie du sie vorfindest“ sagte der Ende 1990 verstorbene Fotograf einmal. So überrascht es nicht, dass seine Bilder von harten Kontrasten geprägt sind, dass sie oft körnig sind. Dabei strahlen sie ein Höchstmaß an Authentizität aus.
Die Aufnahmen von Count Basie, Oscar Peterson, Ella Fitzgerald, Art Blakey, Erroll Garner, Sarah Vaughan, Stan Kenton, Coleman Hawkins oder Lionel Hampton bewegen sich im üblichen Rahmen, bringen keine neuen Erkenntnisse. Doch sympathisch sind die Bilder, die die Musiker in ungewöhnlichen, wenn nicht intimen Augenblicken festhalten. Über zwei Seiten klemmt Louis Armstrong sein obligates Tuch zwischen Finger und Ventil. Ein Lester Young anlächelnder jugendlicher Miles Davis strahlt Freude aus. Dann rinnen Schweißströme über Miles´ Gesicht, der sich in der Garderobe entspannt. Chet Baker präsentiert singend seine Zahnlücke. Pianopartner Dick Twardzik, der kurz darauf starb, ist jetzt allerdings nicht zu sehen.
In Ed van der Elskens Bildern ist „das Gespür für menschliche Beziehungen“, das in einem Text zum Hauptthema erklärt wird, allzeit deutlich. Dies wird nicht zuletzt in den Publikumsaufnahmen sichtbar. Aufnahmen gespannt lauschender Gesichter sowie euphorischer Begeisterungsstürme, die für einen Foto-Band über Jazz untypisch sind, sagen etwas aus über die Rezeption von Jazz. Auch davon legen van der Elskens Fotos Zeugnis ab.

Jürgen Wölfer, Jazz in Deutschland – Das Lexikon. Alle Musiker und Plattenfirmen von 1920 bis heute, Koch International/Hannibal, Höfen 2008, 29,90 Euro (ISBN 978-3-85445-274-4)
Von seinem Jazz-Lexikon, das er erstmals 1993 und sechs Jahre später vollständig überarbeitet vorlegte, hebt sich Jürgen Wölfers jüngstes Werk deutlich ab. Sein Lexikon „Jazz in Deutschland“ klammert das Mutterland des Jazz fast vollständig aus. Es liefert auch keine Definitionen von Fachausdrücken, Stilen oder „gar die beliebte Diskussion, was denn Jazz überhaupt sei“. Dem Autor geht es darum, Jazz und Jazzverwandtes in Deutschland „von den Anfängen bis zur Gegenwart“ darzustellen.. So finden sich Informationen über zahlreiche Musiker, deren Schaffen bisher lexikalisch kaum oder gar nicht gewürdigt wurde. Über zahlreiche deutsche und ausländische Jazz-Pioniere der klassischen Ära , aus der Zeit des Nationalsozialismus oder dem Neubeginn nach dem Krieg ist jetzt endlich nachlesen. Auch die Jazz-Szene der DDR wurde berücksichtigt, wobei einige Lücken geschlossen wurden. Beim Blick auf Schweizer und österreichische Musiker, die Wölfer unbekümmert zur deutschen Szene zurechnet, fällt auf, dass das Urgestein des eidgenössischen Jazz, Irene Schweizer, vergessen wurde. Versehen oder Absicht, mag man fragen.
Insgeamt 1675 Namen von Musikern, Produzenten, Publizisten und Labels listet Wölfer in kurzen biografischen Einträgen auf. Sie schließen meist mit entsprechenden Aufnahmen und Internetadressen ab.
Beim Blättern im neuen Lexikon fallen zahlreiche Namen auf, die sonst in keinem einschlägigen Werk auftauchen. Erstaunlich, dass auch schon die jüngere Generation Eingang gefunden hat, bei der älteren tauchen auch Namen wie Max Greger oder Ernst Mosch auf. Auch Schnuckenack Reinhardt wird gewürdigt. Einziger Musiker, der zusätzlich zur biografischen Skizze noch porträtiert wird, ist Klaus Doldinger. Warum nicht auch Albert Mangelsdorff oder andere? Über Kriterien schweigt sich der Autor aus. Kommerzieller Erfolg allein ist es jedenfalls nicht, verrät er beiläufig. Auch in Deutschland tätige oder lebende ausländische Musiker wurden berücksichtigt. Jiggs Whigham und Dave Pike, nicht jedoch Lee Konitz und Tony Oxley, auch nicht der umtriebige Mike Svoboda.
Jürgen Wölfers Lexikon ist trotz einiger Defizite, gelegentlich fehlen die Todestage, auch Geburtstage bleiben im Dunklen, zu empfehlen – Gründe wurden genannt. Wenn auch der Titel nicht richtig einleuchtet, so schließt es doch eine Lücke, da zahlreiche Namen genannt werden, die anderswo nicht vorkommen. Alle freilich können es gar nicht sein.
Im Anhang listet eine vollständige Diskografie des Amiga-Labels – es ist dies bereits die dritte hierzulande – alle Jazzplatten auf, die von 1947 bis 1991 veröffentlicht wurden.



Joachim Mischke, Hamburg Musik!, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008, 399 Seiten (ISBN 978-3-455-50044-8)

Der Jazz in Hamburg ist ein weites Feld, das nach wie vor einer umfassenden Darstellung harrt. Nach der gelungenen Dokumentation des Hot Jazz seit 1950 ist jetzt eine weitere Facette hinzugefügt worden. „Hamburg Musik!“ umfasst freilich drei Jahrhunderte hanseatischen Musiklebens, aber die jungen Genres Jazz, Pop und Rock kommen auch vor. Sie sind allerdings altersbedingt eine Randerscheinung.
Kenntnisreich, bisweilen humorig erzählt Joachim Mischke, Musikkritiker beim „Hamburger Abendblatt“, Geschichte und Geschichten einer faszinierenden Musikwelt. Was Jazz und Swing betrifft, wird der interessierte Leser nicht vergessen. Die Kapitel sind kurz und knapp, aber zur Einführung in das Thema geeignet. Swing in Hamburg ist eine alter Geschichte, die allerdings weiter zurückgeht als Mischke glauben macht. Immerhin konnten die Nazis diese Spielart des Jazz nicht verhindern, geschweige denn ausrotten. Die „undeutsche Feindmusik“ machte den Jungfernstieg zur „Swingmeile“ und die Umgebung der Alster-Kanufahrten wurden mit Artie Shaw, Nat Gonella und Count Basie beschallt. Das Ende vom Lied: „In keiner anderen Stadt wurde so drastisch gegen Swing-Jugendliche vorgegangen wie in Hamburg“ Von den 400 festgenommenen wurden 40 bis 70 in KZ´s eingeliefert.
Mit „hanseatischem Freistil-Dixie“ des Magnolia Dance Orchestra ging es nach dem Krieg weiter. Der britische Soldatensender BFN gründete den „Anglo German Swing Club“, der bis 1953 Bestand hatte. “Das betuliche Tanzorchester Kurt Edelhagen“, heißt es ätzend, brachte drei Jahre später als Vorgruppe (!) von Bill Haley die Fans zu demolierender Raserei. Danach beglückte sie Abbi Hübner mit seinen Low Down Wizards. „Der Aufstieg des Beat“, bilanziert Mischke, „besiegelte in Hamburg den Abstieg des Jazz“. In verschiedenen Lokalitäten erhielt der Oldtime Jazz bis Ende der sechziger Jahre regen Zulauf. Trotzdem kam der moderne Jazz zu zarter Blüte. Im „Onkel Pö“ und der „Fabrik“ stand man Schlange. Mitte der siebziger Jahre gab es gar das 1. New Jazz Festival. Wenig später, wird ernüchternd festgestellt, dominierte wieder „tanzbarer Jazz und Stilverwandtes“, „Dancefloor Jazz“ wurde zum geschützten Begriff. Der Mojo-Club, der sich, wie er vorgab, „komplett dem Jazz verschrieben hatte“, schloss 2003 endgültig seine Pforten. Hamburg, die Stadt der Klassik, des Pop und der Musicals.


Mike Müller, Ausschnitte – Bilder aus einem Leben mit Jazz, Eigenproduktion 2008 (fotografie@mikemueller.ch)

Der Bildband beginnt und endet mit dem Raum, mal wohl ausgestattet, mal kahl und leer. In wechselnden Räumen hat der Jazz-Club Uster seit 1963 Geschichte geschrieben und dem nahen Zürich Paroli geboten. Jetzt hat Gründungsmitglied Mike Müller, von 1986 bis 1996 Präsident des Clubs, dessen Geschichte fotografisch festgehalten. Sie ist nachzulesen, bzw. nachzuschauen in einem repräsentativen Band, den Gründungsmitglied Müller in einer Eigenproduktion als Kleinstauflage vorgelegt hat. Müller, der selber den Club von 1986 bis 1996 leitete, ist Werbefotograf von Beruf, folglich ist die Kamera immer mit dabei. Er hat fast alle Konzerte dokumentiert, rund 300 an der Zahl. Die veröffentlichten Fotos sind im Zeitraum von 1987 bis 1998 entstanden. Die Frage stellt sich, warum nicht früher, warum nicht später auch?
Waren anfangs noch Lokalmatadoren im Club zu Gast, so wurden im Verlauf der Jahrzehnte zahlreiche Jazzgrößen verpflichtet. Beleg sind die vielen Bilder, die Mike Müller vom Bühnengeschehen gemacht hat. Musiker in Augenblicken, wie sie sich nicht immer dem Publikum offenbaren. Benny Bailey voll konzentriert, ebenso Joe Nay und John Taylor, ekstatisch dann Lukas Niggli, Pierre Favre versteckt hinter diversen Becken, Ronald Shannon Jackson abgedreht am Drum Set, Charly Byrd verträumt an der Gitarre, Barbara Dennerlein versunken, Steve Swallow in typischer Pose mit gerecktem Hals: das sind nur ein paar wenige Momente, die Müller festgehalten hat. Dem Betrachter erschließen sich sicherlich viele weitere. Nicht genug damit: in einem kleinen Textteil werden Anekdoten zu den Fotos erzählt, die die Geschichte des Jazz-Clubs Uster einmalig machen: etwa die von der einzigartigen Atmosphäre oder von Benny Golsons Live-Mitschnitt, der sich sogar auf dem amerikanischen Markt verkaufte.


Milt Hinton/David G. Berger/Holly Maxson, Playing the Changes – Milt Hinton´s Life in Studios and Photographs, Vanderbilt University Press, Nashville 2008, 75 US-Dollar (ISBN 978-0-8265-1574-2)

Ursprünglich hatte er nur private Bilder im Blick, doch dann lichtete Milt Hinton der nie Foto-Dokumentarist werden wollte, Musikerkollegen ab: im Studio, hinter den Kulissen, auf Reisen. So konnte der bekannte Bassist, der selber kein ausgebildeter Fotograf war, das Leben der Musiker treffend darstellen. Er konnte Kollegen fotografieren, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. 1988 wurden Hintons Fotos erstmals in „Bass Line“ und „Over Time“ in größerem Maßstab veröffentlicht. Diese beiden Bände ergänzt jetzt ein neuer Bildband, der um das Leben des Bassisten kreist.
Milt Hinton war einer der gefragtesten Vertreter seines Fachs und repräsentierte ein gutes Stück Jazzgeschichte. In jungen Jahren hatte Hinton einen deutschen Lehrer, der ihm zu Selbstbewusstsein verhalf. Neben Billy Johnson, Pops Foster und John Kirby zählte Hinton, 1910 geboren, zu den Pionieren des Kontrabasses im Jazz. Sie sahen ihre Aufgabe darin, den Grundrhythmus zu markieren sowie die harmonische Basis zu bilden. Ende der dreißiger Jahre tauchte dann Jimmy Blanton auf, der das Bass-Spiel revolutionierte. 1935 konnte Hinton, wie er beiläufig in dem Band berichtet, im Orchester Cab Calloways einsteigen, in dem er 15 Jahre blieb. Die Zugehörigkeit zu diesem Orchester, das in den dreißiger Jahren sehr populär war, und in noblen Ballsälen auftrat, bedeutete für Hinton den „American Dream“. Er stand im Scheinwerferlicht, hatte es geschafft. Seine Großmutter war noch Sklavin gewesen, als 8-Jähriger erlebte er einen Lynch-Mord, der sich unauslöslich in sein Gedächtnis eingrub. Zunächst wollte Hinton Geiger in einem klassischen Orchester werden, blies aber in einer Marching Band die Tuba. Vom Brass Bass zum String Bass war der Weg nicht weit. In Chicago erlebte er King Oliver, Earl Hines, Louis Armstrong und Eddie South. Billy Johnson, der bei King Oliver als erster und überhaupt den Bass zupfte und auch die Slap-Technik anwandte, hatte es ihm besonders angetan. Milt Hinton, der 2000 kurz nach seinem 90. Geburtstag starb, konnte auf mehr als sieben Jahrzehnte Tätigkeit auf der Jazz-Szene zurückblicken. Als erfahrener Bassist wurde er zum „National Treasure“ erklärt und erhielt mehrere Ehrendoktorwürden. Trotz all dieser Auszeichnungen ist Hinton ein bescheidener Mensch geblieben, der im hohen Alter, von schwerer Krankheit gezeichnet, zum Gemüsegärtner wurde. Den Beinamen „Judge“ trug er sein Leben lang zu Recht, war er doch stets Schlichter in Streitigkeiten mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn.
Für den vorliegenden Band haben Hintons langjährige Freunde und Mitarbeiter, David G. Berger und Holly Maxson, dessen umfangreiches Foto-Archiv mit über 6000 Negativen erneut durchsucht und rund 150 Fotos ausgewählt, von denen 90 bislang unveröffentlicht waren. Sie sind allesamt aus dem Leben gegriffen, nichts ist inszeniert. Neben privaten Aufnahmen mit Ehefrau, Eltern und Kind sind alle namhaften Jazzgrößen zu sehen. Die Schwarz/Weiß-Fotos von 1935 bis 1999 zeigen Musiker wie Cab Calloway, Ben Webster, Dizzy Gillespie, Count Basie, Billie Holiday, Duke Ellington und zahlreiche andere in meist ausgelassenem Rahmen. Abgerundet wird dieses Buch durch Diskografie, Solografie (!), Filmografie und Bibliografie sowie eine CD, auf der Milt Hinton spricht, singt und spielt.


Oliver Steger/Peter Friedl, Jazz für Kinder. Carla lernt Instrumente, Interpreten und Musikstile kennen, Verlag Annette Betz, Wien 2008, 31 Seiten, 19,95 Euro

Beim Umzug ins neue Haus gibt es eine Menge zu entdecken. Die kleine Carla findet in einem alten Pavillon im Garten ihrer Eltern Klavier, Schlagzeug und einen Kontrabass. Die drei sprechenden Musikinstrumente stellen sich ihr als klassische Jazz-Rhythmusgruppe vor. Si erklären dem Mädchen anhand kleiner Geschichten und Musikbeispielen anschaulich den Jazz und seine Geschichte. Die jazzinteressierten Eltern reichern die Geschichten mit zahlreichen Anekdoten an. Am Beispiel „Bruder Jakob“ werden die verschiedensten Jazzstile erläutert. Auf der beiliegenden CD sind 18 Variationen des Kinderlied-Klassikers in jazzige Varianten gekleidet, die von Swing, Fusion und Free bis hin zum Nu-Groove reichen. So taucht Carla mehr und mehr in die Welt des Jazz, in die Welt der Musik, ein und stellt fest, „dass Musik viel mit dem Leben und den Erlebnissen der Musik zu tun hat. Und dass Musik viel in der Welt verändern kann, weil sie ohne Worte viel ausdrücken kann“.
Oliver Stegers Einführungswerk in die Welt des Jazz für die Jüngsten, das Peter Friedl ansprechend illustriert hat, ist gelungen. Es erschließt die Welt des Jazz spannend, auch wenn sich Carlas Reise in diese Welt mitunter recht rasant gestaltet. Zu viele Namen und Stile schwirren durch die Erzählungen und Dialoge, die humorvoll ausfallen. Das vom Verlag angegebene Alter ab fünf Jahren scheint zumindest für Kinder ohne musikalische Vorbildung etwas früh.



CDs
Lee Konitz + Minsarah, Deep Lee, Enja 9517/Soulfood
Auch wenn Lee Konitz die Zusammenarbeit mit Minsarah als Konsequenz einer spirituellen Affinität sieht und Minsarah als die besten und inspirierendsten Begleiter betrachtet, die er seit langem hatte, bleibt doch das Problem, dass „Deep Lee“ nichts anderes ist als Saxofon plus Trio. Die Seelenverwandtschaft zeigt sich zwar in den Improvisationen des Trios, die mit Konitz´ Konzept verwandt sind. Mitunter zu verwandt vielleicht, denn im Zusammenspiel gibt es kaum Reibungspunkte. Neben zwei Standards haben alle beteiligte Stücke beigesteuert, was das einheitliche Fließen nicht behindert.

Markus Stockhausen, Electric treasures, Aktivraum 1017
Die elektrischen Schätze, die Markus Stockhausen bei seinem Live-Auftritt in Bonn hob, sind beachtlich. Der Trompeter, gleichermaßen erprobt als Klassik- und Jazz-Solist, glänzt als Improvisator mit einem Maximum an Disziplin und Technik sowie einer unerreichten melodischen Erfindungskraft. In einem eineinhalbstündigen Interplay, dokumentiert auf der Doppel-CD, schafft er mit seinen langjährigen Kollegen Arild Andersen (b) und Patrice Heral (perc) in spontanem Spiel klare Strukturen. Elektronisch aufgeheizt wird das Ganze durch den Synthesizer von Vladyslav Sendecky, der neu zu dem Trio gestoßen ist. Im Ton gestochen scharf, schafft Stockhausen einzigartige Stimmungen, die an Miles Davis erinnern, aber weit darüber hinausgehen. Lyrisches, schwebendes Spiel steht neben nervösen Free-Ausbrüchen, sanfte Flügelhorn-Hymnen neben drängenden Back Beats. Selten bewegen sich Musiker so stilsicher in freien Klangräumen wie hier. Kompliment.

Meredith Monk + Vocal Ensemble, Impermanence, ECM New Series 2026/Universal
Jenseits des Scatgesangs hat Meredith Monk einen eigenen Stil entwickelt. Auch mit dem klassischen europäischen Gesangsideal hat die amerikanische Künstlerin, die Komposition und Improvisation mit Gesang und Tanz verknüpft, nichts im Sinn. Sie erfand eine eigene Vokalsprache, in die verschiedene Techniken und Kulturen eingeflossen sind. Auf Worte wie Texte wird meist verzichtet, was zählt sind Vokalisen, die Sinn und Bedeutung allein aus Nuancen der Stimme erfahren. Klang und Rhythmus bestimmen das Bild, Vokale, Konsonanten, Silben, Atem- und Zungentechniken. Insofern ist Meredith Monk der frei improvisierenden Szene zuzurechnen, was auch für ihr letztes Album gilt. Im Mittelpunkt steht ein Schicksalsschlag, der die Vokalistin 2002 traf. „Impermanence“ ist der Versuch, mit dem Tod ihrer langjährigen Lebensgefährtin fertig zu werden. Der Liedzyklus mit dem Thema Tod leuchtet verschiedene Facetten der menschlichen Stimme aus. Unterstützt wird Monk von ihrem achtköpfigen Vokal Ensemble, dem auch der im Jazz nicht unbekannte Theo Bleckmann angehört. Diffizile perkussive Elemente steuert John Hollenbeck bei.

Nicholas Payton, Into the Blue, Nonesuch
Er gilt als einer der bedeutendsten Trompeter der Nach-Marsalis-Ära. Als Pendler zwischen den Extremen Dixielnad und HipHop, der alljährlich mit einem neuen Album aufwartete, hat der 34-jährige New Orleanser offensichtlich zu sich selber gefunden. Jetzt legt er, wie er bekennt, „ein Amalgam aus allem, was ich bisher gemacht habe“, vor. „Into the Blue“ lautet das Motto der meist eigenen Stücke. Sie sind glatt arrangiert, voller tanzbarer Rhythmen und ohrwurmtauglicher Harmonien. Das Sperrige bleibt ausgeklammert und wäre im Sumpf des elektrischen Klaviers, das Kevin Hays ausgiebig bedient, eh erstickt. Erstmals tritt Payton auch als Sänger in Erscheinung, was dem glatten Album aber nicht schadet.

Peter Herbolzheimer, Big Band Man – The MPS + Polydor Studio Recordings, Universal 1764391

Jetzt endlich sind sie erstmals alle vereint, die sieben Studio-Alben, die Peter Herbolzheimer für Polydor und MPS aufnahm. Seine 1970 gegründete Rhythm Combination and Brass galt als eine der eigenständigsten und besten Bigbands ihrer Zeit. Nicht nur, dass auf den Saxofonsatz verzichtet wurde, die Rhythmusgruppe wurde um zwei zusätzliche Perkussionisten und einen E-Bass erweitert. Die verbliebenen Holzbläser waren als Kontrast zum scharfen Blech gedacht. Die vorliegende 4-CD-Box bringt in chronologischer Folge die einzelnen Alben erstmals als CD mit kompletten diskografischen Angaben. Insgesamt betrachtet können die Studio-Aufnahmen mit den Live-Mitschnitten nicht mithalten. Im sterilen Studio stand das Orchester nicht so unter Volldampf wie live. Die Sätze waren perfekter, geschliffener, die Chorusse überlegter, manchmal kühler. Die umwerfende Power von „My Kind of Sunshine“, dem bahnbrechenden Live-Album, wurde nicht erreicht. Trotzdem hatte Herbolzheimer für viele Spitzensolisten einen breiten Rahmen rhythmischer Möglichkeiten geschaffen, um sich in Bebop, Standards und Originals bis in Latin und Rock austoben zu können. Vor „Waitaminute“, dem ersten Studio-Album, entstand „Soul Condor“ (1970) noch ohne die berühmte Bigband. „Time Travellers Galaxis“ fiel ebenso aus dem Rahmen, da klassische Musik verjazzt wurde (1974). Mit dem Wechsel zu Polydor 1976 änderte die Rhythm Combination and Brass ihr Konzept durch Hinzunahme von Stimmen (Inga Rumpf, Don Adams). Verstärkt standen Klänge aus asiatischen Musikkulturen und Rock im Programm. „Doch war das Resultat immer Jazz“, versicherte Peter Herbolzheimer in einem Interview, das im informativen Booklet nachzulesen ist.


Rabih Abou-Khalil, em portugues, Enja 9520
„Das ist das Ausgeflippteste, was ich bisher gemacht habe“, sagt Rabih Abou-Khalil über sein neues Album. Der seit drei Jahrzehnten in München lebende Libanese hat Gedichte portugiesischer Dichter vertont. Ricardo Ribeiro singt sie rhythmisch sicher und melodisch. souverän, die schwierigen Taktarten und ungewöhnlichen Melodiebögen bewundernswert meisternd. Der 26-jährige Fado-Sänger, in seinem Land längst ein Star, kommt mit Khalils Raffinesse bestens klar, auch wenn die stimmliche Durchmischung ungewohnt klingt. Abou-Khalil macht Musik ganz eigener Prägung, wie er immer wieder beweist. Sie fußt in arabischer Tradition, amerikanischem Jazz und europäischer Klassik gleichermaßen. Bei ihm wird die Oud, eine mit sechs Doppelsaiten bespannte Kurzhalslaute, zur arabesken Jazzgitarre. Spannungsbögen gerieren sich in blitzschnellen, fabelhaft fein ornamentierten Läufen. Doch darum geht es dem Virtuosen in dieser Produktion nicht. Sie zielt auf kompositorische und melodische Arbeit mit gebundener Sprache, was auf portugiesisch höchst wehmütig gelungen ist. Ribeiros Stimme, rau und sanft, verschmilzt mit dem Oud-Spiel auf einzigartige Weise.


Schlippenbach Trio, Gold is where you find it, Intakt 143/Records
Obwohl das Schlippenbach Trio seit fast vier Jahrzehnten besteht, mithin die am längsten bestehende Combo des europäischen Jazz ist, hat es bislang allenfalls ein halbes Dutzend Aufnahmen vorgelegt. Doch live sind Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens immer noch ein Ereignis, denn die drei Musiker zeigen keinerlei Ermüdungserscheinungen. Sie feilen permanent an ihrem Vokabular, ändern es und reflektieren auch schon mal Klassisches oder prallen mit einem Standard zusammen. Auf einem neuen Studio-Album werden statt langer Improvisationsprozesse zehn Geschichten erzählt. Miniaturen meist, die von zerbrechlichen Klanggebilden oft in druckvolles Powerplay münden. “Die wahre Kunst liegt in den Nuancen des Aufbaus darin“, schreibt der US-Kritiker Ben Young in den liner notes, „wie Schlippenbach, Parker und Lovens das, was sie spielen, zusammenweben. Dies ist die hohe Kunst der musikalischen Improvisation: sein eigenes Spiel entlang des ganz persönlichen Gefühls zu ziselieren, gleichzeitig in dieses Spiel das, was die anderen Spieler tun, mit einzubeziehen und es in das große Ganze einzuweben.“ Die drei Herren brennen noch, von Altersweisheit keine Spur. Sie sind, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb, „die Rolling Stones des Free Jazz“.


Ulrich Gumpert Workshop Band, Jazzwerkstatt 070/Records
Mit einem weiteren Paukenschlag kann das Jazzwerkstatt-Label aufwarten: der Wiederveröffentlichung zweier zentraler Alben des DDR-Jazz, die 1979 von der FMP veröffentlicht wurden und nun erstmals auf CD erhältlich sind. Es handelt sich um die 1978 aufgenommene Studio-LP „Unter anderem: N´Tango für Gitti“ und die „Echos vom Karolinenhof“, den Live-Mitschnitt vom „Workshop Freie Musik“ 1979.Die einst vom Pianisten und Komponisten Ulrich Gumpert formierte Workshop Band versammelte die wichtigsten Improvisatoren des DDR-Jazz. in den Jahren des Umbruchs, als immer mehr Jazzmusiker zu neuem Selbstbewusstsein fanden. Einer von ihnen war der aus Ostthüringen stammende Gumpert, der sich entschieden und konsequent vom amerikanischen Ideal abwandte. Er arrangierte deutsche Volkslieder aus dem 16. – 19. Jahrhundert und nahm sie als Ausgangsbais freier Improvisation. Die Spielverläufe, sowohl kollektiv als auch individuell solistisch, waren heterogen gestaltet, die das Ganze als Collage erscheinen ließen. Hymnen, Märsche und Walzer erscheinen auch aus heutiger Sicht in neuem Licht, Swing-Themen und Bebop-Fragmente werfen Schlaglichter auf die Jazz-Tradition., will sagen das andere Jazzverständnis. Das Oktett agiert großartig: Ernst-Ludwig Petrowsky bläst wilde Attacken und verlässt dabei den Elfenbeinturm des Free Jazz, Schlagwerker Baby Sommer gibt sich mal kraftvoll berstend, mal sinnierend sensibel, Klaus Koch schlägt den Kontrabass perkussiv an, dann swingt er wie in besten Basie-Zeiten, Conny Bauer entlockt der Posaune immer wieder neue Klänge, Klangflächen gar, vorgetragen voller Ausdruckskraft in schwirrendem Gestus, Manfred Hering setzt dem kontrapunktisch nervige, überblasene Saxofontöne entgegen, untermalt von der gestochen scharf intonierten Trompete Heinz Beckers, die oft wie eine vibrierende Stimme daherkommt. Schließlich spiritus rector und ideenreicher Komponist Ulrich Gumpert. Er lenkt jederzeit, streut Floskeln auf dem Piano ein, gibt Impulse. Er prägt die Workshop Band – bis zum heutigen Tag. Er ist, wie Bert Noglik kenntnisreich im Booklet schreibt, „dem kritischen in den siebziger Jahren entwickelten Ansatz treu zu bleiben, auch wenn sich die Themen und die personelle Besetzung der Band gewandelt haben“.

Andy Scherrer Special Sextet, Wrong is right, TCB 28302/Sunny Moon
Nachdem er sich drei Jahrzehnte lang als Sideman profilieren konnte – derzeit immer noch beim Vienna Art Orchestra -, hat sich Andy Scherrer in den letzten Jahren mit eigenen Gruppen einen Namen gemacht. Vier CD´s seit Beginn dieses Jahrhunderts künden davon; jetzt meldet sich der 62-jährige Basler Saxofonist mit einer weiteren zu Wort. Dafür hat Scherrer ein Special Sextet zusammengestellt, dem neben seinen beiden Saxofon-Schülern Domenic Landolf und Jürg Bucher die exzellente Rhythmusgruppe, bestehend aus Bassist Fabian Gisler, Pianist Bill Carrothers und Schlagzeuger Der Pallemaerts, angehört. In ausgefeilten Arrangements und Eigenkompositionen zwischen Hardbop und Cool kommt der dreistimmige Saxofonsatz zum Zuge. Zwei Stücke von Coltrane und Coleman werden ebenso interpretiert wie ein traditioneller Gospel in New-Orleans-Manier. Während die Bläser mit eigenem Ton bestechen, versteht sich auch die leichtfüßig swingende Rhythmusgruppe in Szene zu setzen. Vor allem der auf dem Cover neben dem Bandleader herausgestellte Bill Carrothers fällt durch individuelle Spielweise auf.


Charles Lloyd, Rabo de nube, ECM
Das jüngst zum 70. Geburtstag erschienene Album von Charles Lloyd erinnert an große Zeiten. Noch vor Miles Davis brachte der amerikanische Saxofonist den modernen Jazz mit rock-orientierter Rhythmik in Verbindung und eroberte als erster Jazzmusiker mit seiner Melange aus Jazz, Rock, Blues und Folk ein junges Publikum. Von Lloyd ging Mitte der sechziger Jahre eine wahrhafte Magie aus. Der vorliegende Live-Mitschnitt vom vergangenen Jahr aus dem Basler Theater vermittelt einen Hauch jener Ära. Zu hören ist vor dem Hintergrund einer inspirierten Rhythmusgruppe ein in sich versunkener Musiker, der ein narratives Tenorsax, eine orientalisch inspirierte Klarinette oder eine märchenhaft versponnene Querflöte bläst. In seinen Chorussen spiegelt sich scheinbar ein ganzes Leben in Meditation und Zerbrechlichkeit. Dieser Saxofonist spielt hingebungsvoll Hardbop, lässt Free aufblitzen, ehe er sphärisch abhebt, sich lyrisch gibt und John Coltrane huldigt. Dabei bleibt die konventionelle Form erhalten. Sie wird allenfalls von der Rhythmusgruppe, die für packenden Groove sorgt und genügend Platz zur Entfaltung hat, gelegentlich aufgebrochen. So gestaltet sich der Programmverlauf offen und bietet immer Gelegenheit für Interaktionen sowie Solistisches. Charles Lloydy „Rabo de nube“ („Schweif der Taube“) reiht sich ein in die exzellente Phalanx seiner Veröffentlichungen auf dem Münchner Label. Damit hat er einen musikalischen Kosmos geschaffen, der für intensivste Hörerlebnisse sorgt.
Chris McGregor´s Brotherhood of Breath, Eclipse at dawn, Cuneiform 262/Fenn
Als der Pianist Chris McGregor mit seinen Kollegen der Blue Notes aus der südafrikanischen Heimat 1965 im Londoner Exil landete, war die Jazz-Szene kurz darauf eine andere. Seine allmählich entstandene Großbesetzung aus einem runden Dutzend Musiker mischte ordentlich die Bigband-Landschaft auf. Brotherhood of Breath bestach mit schwarzafrikanischer Gesangstradition, Polyrhythmik, Liedtradition weißer Einwanderer, Chorälen und Märschen. Die Musik spiegelte sich wie in einem Schmelztiegel der Elemente aus Volks- und Populärmusik mit Einflüssen des englischen Free Jazz. Die gemeinsame Jazzbasis reichte von Monk und Mingus über Ellington bis Coleman. Die Briten brachten ihre speziellen Fähigkeiten der Verfremdung und Abstraktion in die wilde, swingende Mischung aus arrangierten Themenkomplexen mit jazztraditionellem oder afrikanisch volkstümlichen Einschlag, hitzigen Solo-Gefechten und vermeintlich zügellosen Kollektiv-Improvisationen ein. All das ist jetzt nachzuhören auf den Live-Aufnahmen der Brotherhood of Breath von den Berliner Jazztagen 1971, die erstmals veröffentlicht worden sind. Faszinierend ist die Frische der Aufnahmen auch heute noch, keine Spur von Staub. Der fliegende Wechsel zwischen solistischer Ungebundenheit und gemeinschaftlichen Disziplin ist typisch für diese Großformation. Davon sollten sich heutige Bigbands eine Scheibe abschneiden. Diese Aufnahmen sind ein absolutes Muss!

Francy Boland + The Orchestra, Blue Flame/Red Hot/White Heat, MPS 1764388/Universal
Fast vier Jahre nach Auflösung der legendären Clarke-Boland Bigband startete Co-Leader Francy Boland 1976 eine Neuauflage im Alleingang. Sein neues Orchester, dem noch 15 Musiker der ehedem 20-köpfigen Bigband angehörten, fütterte der vor wenigen Jahren verstorbene belgische Pianist mit neuen Arrangements. Sie knüpften allerdings nicht, wie man hätte erwarten können, an die späte, experimentierfreudige Phase des alten Orchesters an („Off Limits“, „Change of Scene“), sondern eher an traditionellere Muster wie sie vor 1970 herrschten. Drei Alben produzierte das neue Francy Boland Orchester, dessen Programm aus Jazz-Standards und Boland-Originals bestand, deren farbenfrohe Titel mit Stimmungen spielte. „Blue Flame“, „Red Hot“ und „White Heat“ sind jetzt erstmals auf CD erhältlich, zusammengefasst als Doppel-CD erschienen in remasterter Fassung zum vierzigjährigen Bestehen des renommierten Labels MPS. Was an Bolands Arrangierkunst bis heute bestechend ist, sind die mitreißenden Saxofonsätze und der schnelle Wechsel zwischen den einzelnen Sections. Auch sorgt der Wechsel zwischen Solistik und Satzarbeit immer wieder für neue Stimmen und Stimmungen. Bei aller formalen orchestralen Geschlossenheit brillieren Benny Bailey, Shahib Shihab, Kenny Wheeler oder Tony Coe – im zuverlässigen Booklet sind die Solisten jeweils angegeben. Francy Boland schöpfte stets alle Möglichkeiten aus, einschließlich reicher klanglicher Differenzierung – dies mit Bravour und überbordendem Ideenreichtum. Dem konnte Joachim Ernst Berendts Verdikt der „traditionellsten zeitgenössischen Bigband-Arrangements“ nichts anhaben.


Elliott Sharp, Spring and Neap/Re:Iterations, Neos 40708/Harmonia Mundi
Elliott Sharp/Scott Fields, Scharfefelder, Clean Field 003
Mit der fünften CD schließt Neos vorerst die Elliott Sharp Edition ab. Das vor einem Jahr gegründete Label, das Strömungen des Jazz und der Neuen Musik aufspüren und deren Überschneidungen hörbar machen will, hat den New Yorker Avantgardisten in vielerlei Facetten vorgestellt mit neuen und alten Aufnahmen. „Spring and Neap“ ist ein Live-Mitschnitt vom Music Merge Festival Tokio 1996. Hier hat Sharp auf elektrische oder elektronische Mittel verzichtet. Die halbstündige Suite ist vorwiegend Neuer Musik verpflichtet, wirkt eher im Ganzen als in solistischen Ausformungen. Der Gitarrist und Komponist mischt traditionelle japanische Instrumente mit westlichen, traditionelle mit modernen Spieltechniken. Ergebnis ist ein Klangstrom, der schon in der Orchesterfassung recht brachial daherkam. Im Studio wurde das Stück zehn Jahre zuvor schon aufgenommen mit dem wohl bekannten Soldier String Quartet und dem Bassisten Ratzo B. Harris. Hier wirkte der Sound ausgeglichener als beim Live-Mitschnitt, wo auf elektrische Verstärkung verzichtet wurde.
Elliott Sharp in allen Gassen: hin und wieder lässt sich der Gitarrist auf Zwiegespräche mit Kollegen ein. „Scharfefelder“ zieht sich mit einem Dutzend Stücke in die Länge. Das ausufernde Techtelmechtel aus wilder Ausgelassenheit, zarter Sinnlichkeit und abrupten Brüchen ermüdet auf die Dauer und ist wohl nur für Gitarren-Freaks geeignet. „Scharfefelder“ bezeichnen kein musikalisches Neuland und sind insgesamt akustischer Kunst verpflichtet. Sie sind die direkte Übersetzung der beiden Protagonisten-Namen Sharp und Fields. Der 1952 geborene Chicagoer Gitarrist Scott Fields mit Wohnsitz Köln hat mit vielen innovativen Vertretern des aktuellen Jazz gearbeitet.




Jiri Stivin/Ali Haurand/Daniel Humair, Live in Hradec Kralove, SQS 031

Dies ist ein Trio der Spitzenklasse, fern jeglicher stilistischer Kategorien. Jiri Stivin, Ali Haurand und Daniel Humair kennen sich seit langem vom European Jazz Ensemble, das Ali Haurand vor über drei Jahrzehnten gründete. Sie sind also bestens aufeinander eingestellt. Der Live-Mitschnitt aus Stivins tschechischer Heimat packt den Zuhörer von der ersten Minute an. Mit reibendem Bass sorgt Haurand für harmonischen und rhythmischen Halt. Gelegentlich stellt er mit vollem sonoren Ton die Themen vor, arbeitet sich mit eindringlichen repetitiven Figuren an ihnen ab. Die Eigenkomposition „Pulque“ leitet zu „Autumn leaves“ über, bevor Ornette Coleman das Sagen hat. Glänzend fügt sich Stivin in die Struktur des Trios ein, auch wenn er solistisch immer wieder nach vorn drängt. Das Klangspektrum seiner Flöte ist beachtlich. Sie reflektiert quasi die gesamte Geschichte des Instruments. Stivin zitiert Mozart und Ravel, zuweilen klingt die raue Tongebung des Rockers Ian Anderson durch, dann die großen Jazzflötisten Jeremy Steig oder Eric Dolphy. Auch auf dem Altsaxofon gibt sich der kauzige Irrwisch nicht minder expressiv. Humairs Schlagzeug schließlich hält das Ganze zusammen. Souverän bis sparsam lässt er die Trommeln tanzen. Fürwahr ein Trio der Extraklasse.


DVDs

The Big Chris Barber Band, As we like it, DVD/CST 5064/Inakustik
Für die einen ist Chris Barber strahlender Inbegriff bester Präsentation des traditionellen Jazz, für die anderen Musterbeispiel einer zur Schablone erstarrten New-Orleans-Kopie. Irgendwo dazwischen agiert der britische Posaunist, der seit mehr als einem halben Jahrhundert um „authentischen Jazz“ kämpft. Mit seiner Big Chris Barber Band ist er immer noch unterwegs, jüngst dokumentiert auf einer DVD. Der Live-Mitschnitt vom vergangenen Jahr macht mit einem vitalen 77-Jährigen bekannt. Die Besetzung der Band hat sich gering geändert, geblieben ist eine quirlige Mischung aus traditionellem Jazz, Mainstream und Soul, garniert mit einem Schuss Blues. Lebhaft bewegen sich die elf Musiker auf der Bühne, ihre Soli kommen verschmitzt bis virtuos daher. Alte Standards wie die „Bourbon Street Parade“ geraten authentisch, schmachtend wird „Petite Fleur“ interpretiert, frisch wirken die Arrangements von Bob Hunt allseits, mitunter mit Kanten und Ecken versehen. In den letzten Jahren hat die erweiterte Kapelle („Das gibt mehr Tonfarbe“) Duke Ellington entdeckt. Orchestral werden die „Black and Tan Fantasy“ sowie „The Mooche“ zum Besten gegeben. Einmal mehr hat Chris Barber, der selten den Chef hervorkehrt, Fingerspitzengefühl für eine Musik bewiesen, die beim Publikum ankommt ohne sich in bierselige Dixie-Duseleien zu stürzen. Zwischen „When the Saints....“ und „Ice Cream“, selbstredend mit eigener Note dargebracht, ist ein weites musikalisches Feld.
Recht unspektakulär sind die gefilmten Bilder. Meist ist die gesamte Kapelle im Blick, vereinzelt die Solisten. Großaufnahmen von flinken Fingern, aufgeblasenen Backen und triefenden Schweißperlen sind dankenswerterweise nicht zu finden. Einzig ein paar Überblendungen vermitteln Geschwindigkeit. Die Möglichkeiten, die die DVD bietet, bleiben weitgehend ungenutzt. Ein Makel sei noch angemerkt: wenn schon auf ein Booklet verzichtet wird, sollten wenigstens die diskografischen Angaben ganz zu lesen sein.


Blue Note, A story of modern jazz, Medici Arts 2005678/Naxos
Als vor zehn Jahren Julian Benedikts Film über das Label Blue Note in die Kinos kam, war der Jazzfan froh, all die zahlreichen Jazzgrößen auch auf der großen Leinwand betrachten zu können. Interviews mit Herbie Hancock, Max Roach, Johnny Griffin, Ron Carter, Freddie Hubbard und anderen wechselten mit seltenen Konzertmitschnitten von Monk, Coltrane und Art Blakey. Beim nochmaligen Betrachten des Dokumentarfilms freilich, der jetzt auf DVD erschienen ist, ist die schnelle Folge, in der die Heroen präsentiert werden, eher störend. Die hektische Schnittfolge zerschneidet die Musik, die Statements der Musiker prallen gnadenlos aufeinander. Augen und Ohren des Betrachters, der mit dem Lesen der Untertitel beschäftigt ist, stehen stets offen. Dass bei diesem Potpourri die Geschichte des Labels nicht zu kurz kommt, erstaunt irgendwie. Immerhin gelingt Benedikt mit alten Fotos, Filmen und Anekdoten die Rekonstruktion der Geschichte, auch wenn manches ausgeklammert bleibt. So kommt die gesamte Drogenproblematik, mit der die Jazz-Szene in jenen Jahren zu tun hatte, nur am Rande vor. Die beiden jüdischen Emigranten Alfred Lion und Francis Wolff, deren Persönlichkeit gebührend gewürdigt wird, gründeten 1939 Blue Note und betrieben es bis 1965. Blue Note wurde zum Synonym für Sound und Erscheinungsbild des aktuellen schwarzen Jazz. Dessen Geschichte ist allerdings längst nicht zu Ende geschrieben. Julian Benedikt hat den beiden Labelmachern ein ehrwürdiges Denkmal gesetzt.


Doppelmoppel, Outside this area, Intakt 136
Doopelmoppel ist wohl das aufregendste Quartett des gegenwärtigen Jazz. Die ungewöhnliche Kombination von zwei Posaunen-Gitarren-Duos lebt aus dem Augenblick, ergeht sich stets in freien Diskursen ohne Absprachen. Wozu auch? Die vier Musiker kennen sich seit Ewigkeiten, will sagen, als es die DDR, den zweiten deutschen Staat, noch gab. 1981 traten die Posaune spielenden Brüder Connie und Johannes Bauer erstmals gemeinsam mit den Gitarristen Uwe Kropinski und Helmut Joe Sachse auf. In diesem Vierteljahrhundert haben sie erst drei Platten gemacht, die letzte gerade beim Zürcher Intakt-Label. Produzent Patrik Landolt hat sich wiederholt um die Hinterlassenschaft des DDR-Jazz bemüht. Kompliment, denn noch immer tauchen wahre Schätze auf. Doppelmoppel gehört dazu.
Unverbraucht frisch klingt ihre Musik, dass sie jedem Label zur Zier gereichen würde. Das Quartett zählte zu den erfolgreichsten Gruppen des modernen Jazz in der DDR. Mit dem Weggang Kropinskis in den Westen endete 1987 das Bestehen der Band, um nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 neu aufleben zu können. Mit elf Spaziergängen treten die vier Musiker nun ins Freie „Outside this area“, wie es im CD-Titel heißt. Sie lassen die Jazztradition links liegen, spielen munter drauf los. Swingende Haltepunkte sind keine auszumachen, dazu bleibt kein Platz im kollektiven Mit- und Gegeneinander. Es lebt von den gegensätzlichen Charakteren der Musiker, bezieht daraus eine nie nachlassende Spannung. Während sich Connie Bauer auch schon mal auf getragene, eindeutig identifizierbare Töne festlegt, ist der elf Jahre jüngere Bruder Johannes spontaner, freier, frecher. Seine Posaunenklänge bestehen oftmals aus Geräuschen, die jauchzen und jubeln, wimmern und winseln. Den beiden Gitarristen ist alles recht, um ihre Improvisationen los zu werden. Ihr Dauerstakkato sorgt für einen Kontrast zu den gemütlich brummenden Posaunen. Uwe Kropinski, der ausschließlich akustisch spielt, pflegt einen Personalstil, der aus verschiedenen Traditionen zusammengeschmolzen ist. Er erzeugt, immer virtuos, ebenso besinnliche wie tänzelnde Töne, die Helmut Joe Sachse, der andere Gitarrist, rhythmisch grundiert – um kurz darauf das Heft an sich zu reißen. Dann sind es auch schon mal perkussive, quietschende Geräusche auf dem Resonanzkörper, die sich mit den Posaunentönen einträglich verbinden. Die Musik ist immer doppelt gemoppelt, wegen unterschiedlich orientierter Instrumente und Stimmungen also doppelt erfahrbar. Ein nicht immer leichter Hörgenuss, aber ein lohnender.


Hans Hassler, Sehr Schnee – sehr Wald sehr, Intakt 147/Records
Auf seinem ersten Solo-Album vermittelt Hans Hassler einen vergnüglichen Einblick in seinen einzigartigen Klangkosmos. Der Schweizer Akkordeonist bezieht wie selbstverständlich seine Erfahrungen mit klassischen Ensembles, traditioneller Volksmusik, Jazz und Crossover ein, legt sie offen. Er spielte Volks- und Schlagermusik, ehe er in den achtziger Jahren den Jazz entdeckte. Er wurde Mitglied in Hans Kennels „Habarigani“, dem Vienna Art Orchestra und spielte später mit der Marco Käppeli Selection und Gebhard Ullmann. Und: „Der skurrile Geist des Musikers durchdringt auch seine Musik“, wie es in den liner notes heißt. So sind die 15 Titel der meist improvisierten Stücke humorvoll, witzig, hintersinnig. Es wird jubiliert wie ein Ländler zerlegt oder ein Strauß-Walzer zitiert wird, um gnadenlos durch den Wolf voller Dissonanzen gedreht zu werden. Die Beschränkungen des Blasebalgs hat Hassler listig überwunden. Zugespitzte, bedrohlich hohe Töne stehen neben mehrstimmigem Spiel sowie Geräuschen und dräuenden tiefen Registern. Stilistisch ist das alles kaum zu fassen. Hassler begeistert, so das Fazit der Plattenfirma, „mit grandios verspielter Musikalität, abgrundtiefem Humor und überraschenden Grenzgängen“.


Zentralquartett/Synopsis, Auf der Elbe schwimmt ein rosa Krokodil, Intakt 142
Das auf der Elbe gen Westen schwimmende rosa Krokodil auf dem Cover besaß Initialzündung für den freien Jazz in der einstigen DDR. 1973 formierte sich Synopsis unüberhörbar und sorgte mit seinem Debüt-Album im folgenden Jahr für Furore. Dieses Debüt, erstmals in Lizenzübernahme im Westen von der FMP veröffentlicht, erscheint jetzt wieder neu erstmals auf CD bei Intakt, dem kleinen, aber feinen Zürcher Label, das bis heute Synopsis, firmierend seit Mitte der achtziger Jahre als Zentralquartett, im Programm hat.
Was heute noch erstaunt und fasziniert an diesen alten Aufnahmen, ist der ungehemmte frische Fluss der Improvisationen, ist das mühelose Spiel dieses Quartetts. Ernst-Ludwig Petrowsky (sax), Conrad Bauer (tb), Ulrich Gumpert (p) und Baby Sommer (dr) werfen sich leichthändig die Bälle zu. Von festen Themen und Strukturen ausgehend entwickeln sich spontan heftige Free-Jazz-Gewitter. Im Kollektiv werden höchst kommunikativ Zwie- gespräche geführt, die in solistischen Spitzen gipfeln oder orchestral getragen werden. Im letzten Stück „Mehr aus teutschen Landen“ wird im Rückgriff auf deutsche Volkslieder das unverkennbare Markenzeichen des DDR-Jazz formuliert.

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